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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-28 · Heft 35 (28.8.1896) · p. Seite 417

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 35 (28.8.1896)
Date
1896-08-28
Page
Seite 417 (sequence 9)
Language
German
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417 aus der Thorarolle 31t lesen, welche sein Großvater, Neb Schmul Reb Rephoel Kobens, der Gemeinde geschenkt hatte, als der Enkel Barmizwa geworden war. Der Alte hielt nämlich ans diesen Enkel besonders große Stücke, weil er seines Vaters Namen trug, und hatte sich schon lange vorgenommen, wenn er die Barmizwa Nephoels erleben sollte, eine „gute Sache" zu stiften. Es war dem Enkel ein unvergeßlicher Tag geblieben, als der Großvater neben dem Now mit der neuen Thorarolleunter dein Arm unter der Chnppe') schritt und die ältesten Mitglieder der Gemeinde mit allen anderen Thorarollen unter dem Arm der neuen Schwester entgegenkamen, gefolgt von Knaben, mit vergoldeten Kronen aus Pappendeckel auf den Köpfen, so kunstvoll, wie sie eben der an dekorative Arbeiten nicht gewöhnte Buchbinder des Ortes Herstellen konnte, der übrigens — das dürfen wir nicht verschweigen — für seine allgemein angestaunte Leistung sich nicht bezahlen ließ, beim so eine Mizweh läßt sich Jainkef Harsch Buchbinder nicht bezahlen. Und als erst der siebenmalige Umzug der Thorarollen beendet war, trat der kleine Rephoel auf die Kanzel — so hatte es der Now bestimmt — und hielt einen Vortrag über die Eidespflicht der Wittwe, welche bei Lebzeiten ihres Mannes einen Theil ihrer Morgengabe erhalten hat. So etwas war überhaupt noch nicht dagewesen, daß ein Barmizwajüngel in Schul gedarschent hätte, und die Ausnahme wurde nur der angesehenen Familie zu Ehren gemacht. Der kleine Rephoel machte auch seine Sache so ausgezeichnet, daß die Enthusiasten der Gemeinde, besonders in der Frauenwelt, behaupteten, das „Jüngel" könne schon heute Now in Prag sein, und der alte'Reb Schmul konnte vor Schluchzen nicht sprechen, als er seinem Enkel „Schekoach" sagen sollte. Alles, was er auf die Bitten der Seinen, sich zu beruhigen, hervorzubringen vermochte, waren die Worte des Stammvaters Jakob: „Zu klein bin ich für alle Liebe und Güte, die Du gethan hast an Deinen! Knechte." Die mächtige Erinnerung an dieses feierliche Ereigniß und an die rührende Liebe des Großvaters war in Rephoel nicht erloschen, als er schon im reifen Mannesalter stand. Alljährlich hielt er des Großvaters „Jahrzeit", indem er in seinem Hanse „Minjan" machte, wobei er das „Rabbonon-Kaddisch" sagte, was die höchste Auszeichnung ist, die der Seele eines Abgeschiedenen zu Theil werden kann. Dann ging er noch auf den Friedhof, nicht auf das Grab des Großvaters, denn das durfte er als Kohen nicht, erstens, weil es verboten ist, und zweitens, weil er dadurch unrein und unfähig zur Bekleidung des Priesteramtes geworden wäre, wenn, was ja alle Tage zu erwarten stand, der Tempel zu Jerusalem sich ans seinen Trümmern erheben sollte. Nur von ferne stellte er sich auf den Kohanim-Berg, um dort zu beten: „Süße Ruhe Dir, theuere Seele, in Deinem erhabenen Wohnsitze unter den Heiligen und Sündenreinen." Das wichtigste Verbindungsglied zwischen Großvater und Enkel blieb die Thorarolle. Reb Rephoel hatte wohl seine eigene Thora im Hause, diese aber wurde nur verwendet, wenn man im Hause „Minjan" machte,' und in die Synagoge wurde sie nur am Thorafeste gebracht, wenn der Umzug mit allen Thorarollen gehalten wird. Für die private Wiederholung der wöchentlichen Lektion, welche nach der Vorschrift zweimal im Urtext und einmal in der aramäischen Uebersetzung gelesen werden soll, benützte Reb Rephoel des Großvaters „Scfer". So war es eines Sabbath Morgens nach Beendigung des Gottesdienstes, als Mosche Reb Salnre Wolfs zu Reb Rephoel mit der Bitte hintrat, ihm für diesen Tas^ das Sefer zu überlassen, damit er den kleinen Awromele, deWuächste Woche Barmizwa werden sollte, daraus üben lassen könne, weil dieses Sefer durch seine große und deutliche Schrift sich ganz besonders für die schwierige Aufgabe, kleinen Jungen das Lesen des unvokalisirten Textes zu ermöglichen, eigne. Reb Rephoel sagte' in seiner wortkargen Art: „Adrabbe,^ warum nicht," innerlich geschmeichelt, daß dem ihm so theuren Andenken eine solche Auszeichnung beschützen sei. Doch sind wir unseren Lesern einige biographische Notizen über Mosche Neb Salme Wolfs schuldig, da dieser nicht nur als Lehrer der Jugend in der Gemeinde eine hervorragende Rolle spielte, sondern überdies von seinen Zeitgenossen verkannt wurde und eine Rehabilitation nach jeder Richtung verdient. Dazu erinnere ich mich während des Schreibens, daß gerade heute, am Erew Sakkos;,'^) seine „Jahrzeit" ist, das bringt mir seine letzten Tage wieder in lebendige Erinnerung. Er litt an Wassersucht; der Doktor sagte, es komme von Entkräftung. Mosche war zu schlecht genährt und hatre zuviel gefastet. Trotzdem war er au seinem letzten Jom-Kimpur, vier Tage vor seinem Tode, nicht zu bewegen, die geringste Nahrung zu sich zu nehmen; selbst Medizin wies er zurück. Er lag den ganzen Tag im Bette und betete aus seinem großen Machsor^) in Folio, und wenn sein Neffe Neb Bür, in dessen Hause er wohnte, ab und zu aus der Synagoge kam, um nach seinen! Befinden zu sehen, sagte er nur: „Mir ist gar nichts. Bärl, mir geht es heute besser als seit Wochen. Gott helft, wie man sichs vornimmt." Am Erew Sukkoß aber inachte er sein Testament. Seine Mifchnajoß") vermachte er seinem Neffen Neb Bär, das Folio- Machsor sollte iii Schul kommen, seine Stoü) sollte veriuiethet werden, damit man für das Erträgnis; Kaddisch sage und sein Grab besuche, der arinselige Hausrath sollte der Nichte gehören, die ihn gepflegt hatte. Dieses Testament unterschrieb er noch mit vollem Bewußtsein, dann sagte er zu seinem Neffen: „Bärl, so schwach wie heute war ich noch nie; ziehe mir das „Zidakel"') aus." Das waren seine letzten Worte. Er wollte nicht mit den Ziziß sterben, weil ein Todter sie nicht tragen darf. Eine halbe Stunde später hatte er ansgerungen. Die Mitwelt hat dem armen Mosche Unrecht gegeben, sie hat ihn einen „Zizißbeißer"7) genannt, aber sein Ende hat bewiesen, daß er es mit seinem Gotte sehr ehrlich ineinte, und darum sind wir cs der Weltgeschichte schuldig, diesen Umstand festzustelleu, denn vielleicht denkt heute an seinem Jahrzeitstage Niemand mehr an ihn. Die ^ynagogensitze sind in der durch Auswanderung sehr dezimirten Gemeinde billiger geworden; Reb Bär, der die Jahrzeit des Vetters nie vergaß, liegt auch schon seit Jahren auf dem guten Ort in der Nähe des Platzes, wo Mosche nach seiner eigenen letztwilligen Anordnung seine Ruhestätte gesunden hat, unweit von dem Grabe des Großvaters Reb Mandel, des berühmten Dajan, und in der Nähe des unvergeßlichen Rabbiners Reb Elieser. Auch Awrom, den Mosche unentgeltlich unterrichtete, damit er einst das Grab des Lehrers am Jahrzeittage besuche, ist eines frühen Todes gestorben. Niemand legt heute ein Steinchen auf Mosche Reb Salme Wolfs Grab und Niemand betet dort, daß der Dahingeschiedene ruhen möge, gebettet „in Erbarmen und Vergebung, in Heil und Trost". i) Im Gegentheil. i) 2 *) Tag vor dem Laubhüttenfeste. 8) Gebetbuch für die Festtage. 4) Rabbinisches Gesetzbuch. 5) Synagogensitz. 6) Das Kleidungsstück mit den Schanfäden. 7) Hmchler. i) Baldachin

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