Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1896)
- Date
- 1896-08-28
- Page
- Seite 416 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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416 dazu gehören, hier in moderner Darstellung ilnnier den richtigen Ton zu treffen. Wie leicht hier ein Versehen vorkommt und wie verstimmend dies auf jede echte Frau einwirkt, kann schon an einem einzigen Beispiele gezeigt werden: man lese doch in Jacobsohus Buche die Geschichte der Bathseba. Da ist alles Wesentliche und Wichtige gesagt, und wie in der Bibel, so auch hier, der Hauptton auf die Schuld Davids an dem Tode des Uria, auf dem „Uriasbrief" gelegt. Es wird keiner Mutter einfallen, etwa die Besorgnis zu hegen, daß ihre junge Tochter hier noch irgend welche besonderen Erklärungen verlangen könnte. Die „Biblischen Frauengestalten" von Jacobsohn sind von echt jüdischem, tiefem und zurückhaltendem Geiste durchweht. Mit hohem sittlichen Ernst ist der Berfaffer an die Lösung seiner Aufgabe gegangen, und man darf sagen, daß ihm gelungen ist, sein Ziel zu erreichen, das er in der Vorrede angiebt. Nämlich: er will „größere Achtung vor der Bibel" und „einen gewissen Ahnenstolz erwecken, fördern und befestigen". Der zweiten Hälfte dieses Satzes ist vollständig zuzustimmen, auch hervorzuheben, daß hoffentlich so manches junge Mädchenherz sich unter den vorgeführten Gestalten ihr Lieblingsideal aufsuchen und demselben ähnlich zu werden sich bestreben wird. Nur was die „größere Achtung vor der Bibel" betrifft, welche erweckt werden soll, muß ein kleiner Einwand erhoben werden. Sie haben ja fast alle, unsere jungen Mädchen, genügende Achtung vor der Bibel. Ja, der Respekt vor derselben ist meistens so groß, daß sie ihr gar nicht näher zu treten wagen! „Wir wollen weniger erhoben, doch dafür mehr gelesen sein!" Zuweilen wäre man beinahe versucht, an diesen Wunsch Lessings zu denken, wenn man, besonders bei der weiblichen Jugend, auf so hervorragende Unkenntniß der Bibel stößt, von der gleichwohl mit ehrerbietiger Scheu gesprochen wird. Man darf hoffen, daß das Jacobsohn'sche Buch dazu beiträgt, daß unsere weibliche Jugend sich weit mehr als bisher mit dem Inhalte des Buches der Bücher beschäftigt; mit dem Inhalte unserer heiligen Schrift: „Wir dürfen kühn sie zeigen. Sie ist gekauft um hohen Kauf, Um hohen Kauf uns eigen!" — In der Auswahl der zwischen die Erzählungen eingestreuten Gedichte hat Jacobsohn eine glückliche Hand bekundet. Schon das Eingangsgedicht, „Frauengröße" von Rittershaus, in welchem bekanntlich das segensreiche Wirken der Frau auf den Schattenseiten des Lebens hervorgehoben wird, paßt vortrefflich zum Inhalte des Buches. Auch muß man dem Verfasser dankbar sein für die Vorführung niehrerer, sehr in Vergessenheit gerochener Gedichte die aber verdienen, und nicht nur von jüdischen Frauen, gekannt und geliebt zu werden. Ich nenne hier vor allem das herrliche „Ruth, die Aehrenleserin" von Karoline Pichler. Von klassischen Hexametern, wie von einem prächtigen Gewände umflossen, tritt die liebliche Gestalt der Ruth eindrucksvoll und plastisch vor des Lesers Blick. Auch mehrere ziemlich unbekannte, aber sehr schöne Gedichte von Katharina Diez finden wir in dem Buche: „Eine Heldenmutter aus der Makkabäerzeit"; „Rebekka am Brunnen" u. a. Ferner: „Hagar in der Wüste" von dem amerikanischen Dichter Nathaniel P. Willis, in Friedrich Spielhagens meisterhafter Uebersetzung. Was die Darstellung der einzelnen Gestalten betrifft, so ist als wohlgelungenste die der klugen und guten „Abigajil" zu erwähnen.' Sodann „Ruth und Noemi", „Bathseba" und die liebreizende, „Esther", genannt „Hadassah", d. i. Myrte. Bei der Letzteren wäre noch eine dichterische Ergänzung durch Einfügung eines Stückes ans dem großartigen Fragment „Esther" von Grillparzer, einer seiner, besten Schöpfungen, zu wünschen. Vielleicht entschließt sich der Verfaffer dazu in der zweiten Auflage, zu der es bei dem reichen Inhalte und der prächtigen Ausstattung des Buches wohl recht bald kommt. Hervorzuheben ftiib noch zwei ganz vorzügliche Holzschnitte (nach Zeichnungen von Arthur Lewin), welche das Buch schmücken: .Die stolze, königliche Mirjam, den Weibern Israels im Siegesreigen voranschreitend, und die liebliche, demüthige Ruth, als sie dem reichen Boas zum ersten Male begegnet. Zum Schluffe möge noch' die schöne Erklärung hier Platz finden - welche Jacobsohn zitirt und durch welche die alten Bibelerklärer die Thatsache deuten, daß Gott bei der Offenbarung am Sinai das ganze Volk, also auch die Weiber, zugegen sein ließ. Gott hält folgendes Selbstgespräch: „Als ich die Welt geschaffen hatte, richtete ich mein erstes Verbot an Adam, den Mann, und was geschah? Eva. das Weib, überredete den Gatten und brachte ihn, den Stärkeren, durch den Zauber ihrer Weiblichkeit zum Falle. Würde ich nun jetzt, bei der Offenbarung, ebenso handeln und mich nur an die Männer wenden, wer weiß, ob nicht das Judenthum, das der Sinnenherrschaft und der Verehrung von Bildern ein Ende machen soll, gefährdet würde? — Darum, so schloß Gott, will ich jetzt den Frauen den Vorrang gewähren, ihrem treuen Herzen und ihrem freundlichen Geiste, ihrer aufopfernden Liebe und ihrer erhaltenden Ausdauer die Obhut der Gebote übergeben." Und so ist es denn auch kein Zufall, sondern weise Auswahl von Seiten unserer Alten, welche die Bedeutung des „Wortes der Frau" hervorheben wollten, daß das Kapitel (Genesis 21, 1—34), welches von der Hagar handelt und in welchem Gott dem Abraham gebietet, den Worten seines Weibes Sarah zu folgen, daß dieses Kapitel den Beginn der Thoravorlesung am ersten Roschhaschanahtage bildet. -II-—Hl --- --II—11- FEUILLETON |Mj TSJill'ill’iWI ^,iSl|n;.ni 'im.'ii Eößj Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) Siebentes Kapitel. Der arme Melamed?) (^^ü^^ordche blieb von nun an der entschiedene Günstling des reichen Wollhändlers, und Reb Rephoels Frelindschaftsbeweise wurden so konsequent fortgesetzt, daß die Leute aufhörten, sich darüber zu wundern. Nicht nur blieb der harte Thaler vor Jom-Kippur Regel, sondern außerdem wurde Mordche bei jedem Anlaß mit Gaben bedacht. Alle alten Kleider und Schuhe wurden Mordche gegeben. Wenn die Bauern Obst oder Weintrauben brachten, sagte Rephoel: „Schick' um Mordche, die Früchte gehen zu Grunde; es ist eine Sünde." In einer ganz unerwarteten Weise zeichnete aber Reb Rephoel seinen Schützling aus, als dessen Awromele Barmizwa wurde. Reb Rephoel pflegte nämlich jeden Sabbathmorgen nach dem Schluß des Gottesdienstes in der Synagoge zu bleiben, um den Wochenabschnitt i) Elementarle Heer.