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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-28 · Heft 35 (28.8.1896) · p. Seite 415

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 35 (28.8.1896)
Date
1896-08-28
Page
Seite 415 (sequence 7)
Language
German
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Fall gewesen sein. R.. Gamaliel erkennt der neuen Ordnung des Gemeindelebens, wie es' sich durch die Zerstörung des Tempels entwickeln mußte, dieselbe Verbindlichkeit zu, welche, dem alten Tempel- Gottesdienste innewohnte. Gebet, gilt ihm als ebenso verpflichtend, als es der von Gott gebotene Opfer-Gottesdienst früher gewesen ist. Hingegen sieht Rabbi Josua als Vertreter der Schammaiitischen Schule nur den ausdrücklich in der Thora gebotenen Gottesdienst als verpflichtend an. Vielleicht liegt dem Ganzen nur eine hierarchische Streitfrage zu Grunde. R. Gamaliel proklamirt das Prinzip, daß das Synhedrion in Jabneh ebenso autoritativ sei, wie es nach der rabbinischen Auffassung von dem Gesetze über den obersten Gerichtshof (V. Moses, 17, 8—13) der oberste Gerichtshof in Jerusalem gewesen war. Rabbi Josua bestreitet dieses Prinzip und darum auch den obligatorischen Charakter des von R. Gamaliel abgefaßten Gebetes. Rabbi Josua ist so wenig liberal, als die Opposition in Rochester orthodox war. Eine ganz besonders bemerkenswerthe Erscheinung ist die Definition, die Dr. Emil Hirsch in Chicago über seine Stellung zur Sabbathfeier neulich gegeben hat. Der Sonntags-Gottesdienst basirt für ihn nicht auf dem Prinzipe, daß die Gemeinde das mosaische Gesetz in seiner buchstäblichen Form verwerfe, sondern darin, daß man Denjenigen, die am Sabbath dem Gottesdienste nicht beiwohnen können, Gelegenheit gebe, ihrem religiösen Bedürfnisse zu genügen. Er erklärt sogar emphatisch, daß in einer Stadt, wo nur eine einzige Synagoge bestehe, ein ausschließlicher . Sonntag-Gottesdienst unrecht wäre. Somit sehen wir auf der ganzen Linie eine entschiedene Neigung zu einem Einhalte auf dem Wege der Reform. Nach der eigenthümlichen Entwickelung des Judenthums seit dem makkabäischen Zeitalter sprechen sich diese Tendenzen nicht in dogmatischen Grundsätzen, sondern in der Stellung zum religiösen Gesetze und Brauche aus. Vor einigen Wochen predigte Dr. Krauskopf in Philadelphia gegen die „Engherzigkeit", welche die Mischehen vernrtheilt. Sofort erhob sich ein gewaltiger Sturm der Entrüstung, dem gegenüber der Prediger zu der Erklärung gezwungen war, daß er nicht von einem unmittelbar praktischen Ziele, sondern von dem Ideal, in dem Zeitalter des Millenniums gesprochen habe. Ich bin überzeugt, er hätte ganz ruhig faßen können, daß die rabbinischen Gesetze über Eheschließung für uns nicht mehr verbindlich seien und daß die mosaischen Gesetze Verhältnisse voraussetzen, die heute nicht mehr besteheil. Auf der Konferenz in Rochester (1895) wurde eine von mir verfaßte Abhandlung über die Thorarolle vorgelesen, in welcher ich den Nachweis zu führen unternahm, daß die talmudische Bestimmung, eine Thorarolle zu schreiben, nur in dem SinM aufzufassen sei. daß man sich in den Besitz eines Exemplares setzen solle, daß diese . Auffassung noch im 14. Jahrhundert von R. Ascher vertreten worden sei, daß Menachem Azariah da Fano und Lippmann Heller den Druck als vollkommenen Ersatz für das Schreiben anerkannten, und daß ein'Orthodoxer von so reinem Wasser, wie Rabbi Arjeh Loeb in Metz, die Verdienstlichkeit .des Schreibens einer .Thorarolle nur mit einer gewissen Beschränkung zugiebt. Da Ich es vermieden hatte, irgend welche praktische Konsequenzen aus meinen Darlegungen zu ziehen, stellte einer von den jüngeren. Rabbinern die Anfrage, ob man auf Grund dieser Auseinandersetzung nicht das Recht habedie Thoralektion aus einem gedruckten Buche, zu lesen. Unter entschiedenem Beifalle verfocht mein Kollege Dr. Mielziner die Auffassung, daß die Thorarolle im Judenthum, geradeso wie das Sternenbanner im amerikanischen Volke, die heiligsten Traditionen symbolisire.< Theoretisch hat Niemand etwas einzuwenden, wenn dem^ seligen R. Josuah Land - Sopher nachgewiesen wird, daß er aus dem Talmud unberechtigte Schlüffe gezogen habe, seine Resultate jedoch gelten uns heute wie damals. Vor einiger Zeit war Hirsch Maslianski, ein Mann, der als Maggid geradezu phänomenale Erfolge erzielt, in unserem College: Er hielt eine halbstündige hebräische Ansprache an die Studenten, und Niemand schien daran Anstoß, zu nehmen, daß er gewissermaßen die theoretische Grundlage des amerikanischen Reformjudenthums billige, Niemand fragte ihn nachher, ob er die Auffassung von dem rabbinischen Traditionsbegriff oder von dem historischen Charakter des Buches Daniel, Wieste im College vorgetragen Werden, billige, aber daß er mit entblößtem Haupte eine hebräische Rede hielt, konnten ihm seine russisch-polnischen Zuhörer nicht verzeihen. Das bisher Gesagte könnte sehr leicht zu der ixrthümlichen Schlußfolgerung führen, daß im amerikanischen Judenthum sich eine Reaktion vollziehe; darum will ich bemerken, daß ich es ebenso für unwahrscheinlich halte, daß in dem amerikanischen Reform-Gottesdienste das traditionelle Gebetbuch wieder eingeführt, die Kopfbedeckung wieder obligat gemacht, die Trennung der Männer und Frauen beim Gottesdienste wieder zum Gesetze erhoben werden wird, als ich es für unwahrscheinlich halte, daß man nach den jüngsten Gemeindewahlen in Berlin den Frauen, welche die Synagoge besuchen, das Verhüllen, des Haares zur Pflicht machen wird, oder ^daß die Gemeindevertretung Erub-Stangen errichten werde, um es jedem-guten Juden zu ermöglichen, sein Taschentuch am Sabbath Mne Gewissensbedrückung in der Tasche zu tragen. Für unsere jungen Mädchen. Von Henriette Hirschberg. s ist ein gutes und schönes Buch, so recht ein Buch für unsere jungen Mädchen, auf welches.stch jetzt besonders die freundliche Leserin aufmerksam machen möchte. Auch ein schönes Buch: es präsentirt sich in so reich geschmücktem Festgewande, daß man ihm auch äußerlich schon seine Bestimmung, ein Fest- .geschenk für junge Mädchen zu bilden, anmerkt. „Biblische Frauengestalten", so lautet der Titel des soeben erschienenen, von B. Jacobsohn verfaßten Werkes. *) Dasselbe verdient um so wärmer empfohlen zu werden, als bekanntlich an derartigen Büchern, welche vom religiös sittlichen Standpunkte auf das Gemüth der jüdischen weiblichen Jugend einzuwirken geeignet erscheinen, bisher ein fühlbarer Mangel' 'vorhanden war. So vortreffliche Werke wir auch über jüdische ..Frauen besitzen, es war doch noch eines nothwendig, das speziell auf die. hervorragenden Frauengestalten der Bibel eingehend, diese von eben dem Standpunkte auffaßt, daß sie unseren Töchtern .als Ideale vorschweben und begeisternd und auf ihr Thun bestimmend einwirken.. Es gereicht dem vorliegenden Werke zum . besonderen Vortheil, daß es von einem erfahrenen Pädagogen, einem Kenner der weiblichen Seele, geschrieben ist. Man merkt aus jeder Seite das liebevolle Eingehen auf jede zarte Regung des Frauen- , gemüths, verbunden mit einer fast weiblich keuschen Behandlung all wiener Punkte, über die' in der Bibel mit so kindlich unschuldiger . Naivetät berichtet wird. Es mag ja wohl eine besondere Anlage ^Biblische Frauengestalten. Charakterschilderungen für die reifere weibliche Jugend von B. Jacobsohn. In Prachteinband und -mit Holzschnitten nach Zeichnungen von Arthur Lewin. — Verlag - Oskar Seiner, Leipzig.

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