Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-28 · Heft 35 (28.8.1896) · p. Seite 414

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 35 (28.8.1896)
Date
1896-08-28
Page
Seite 414 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228184--53061-3258719
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

M-' Von Pumbeditha auf die konkurrirende Schule in Nehardea haben, welche durch - Rabah ben Abuha und seinen Schwiegersohn RaL Nachman vertreten ist. Leider fehlen uns ' die nöthigen Details. Hingegen sind wir noch genau in der Lage, die Strömungen 'Zu verstehen, welche die Gegenwart bewegen. Warum sollten wir nicht danach trachten, den Nachkommen ein klares Bild dieser geschichtlichem Bewegungen zu hinterlaffen? Wir stehen hier gegenwärtig im Zeichen einer konservativen Strömung. Das konnte Jedermann klar werden, der den Verhandlungen auf dem im Dezember 1894 in New - Orleans abigehaltenen Gemeindetag aufmerksam folgte." Auf diesem GemeindetaK hielt der Advokat Leo N. Levi aus Galveston, Texas, eine mÄ großem Beifalle aufgenonimene Rede, iit welcher er den Mangel einer dogmatischen Bestimmtheit des heutigen Judenthums beklagte und den Rabbinern den Vorwurf machte, durch ihre grenzenlose Subjektivität und besonders durch ihre Neigung zum Sensationellen diesen unbefriedigenden Zustand verschuldet zu haben. Er verlangte ein'Zurückgehen auf feste'Position und wollte Ezra's Theologie als unerschütterliche Grundlage festgehalten wissen. Der Erfolg der Rede, die vom oratorischen Gesichtspunkte eine meisterhafte Leistung wax, manifestirte sich sofort in frenetischem Beifalle auf der einen und in energischem Widerspruche auf der anderen Seite. Männer, die im Gemeindeleben eine bedeutende Rolle spielen, Zeitungen, die den Interessen der Logen dienen, und natürlich das kleine Häuflein d6r Kantoren, welche durch die Entwickelung der Reform-Theologie sehx in den Hintergrund gedrängt werden, jubelten Beifall. Die Rabbiner mit vielleicht nur einer einzigen Ausnahme, repräsentirt durch einen Mann, deffen Geistesarmuth ihn dazu verurtheilt, sich auf die Rettung des Judenthums vor dem verderblichen Radikalismus zu beschränken, protestirten. Peccatur intra inuros et extra. Die Vertheidiger der konservativen Anschauung übersahen, daß das Leben der Gemeindemitglieder, besonders die Sabbath-Frage, ein Festhalten an der religiösen Anschauung eines Ezra unmöglich macht, während das Aufgeben der normativen Bedeutung des Pentateuch oder das Einschränken derselben gerade auf Seite derjenigen einen Widerspruch Hervorrufen würde, welche wie Herr Levi Sabbath- und Speisegesetze mit geradezu paulinischer Freiheit behandeln. Aufrabbinischer Seite wieder wurde Herrn Levi und seinen enthusiastischen Anhängern Sensationssucht und Mißgunst auf die achtunggebietende Stellung, welche der Rabbinerstand in Amerika sich erworben hat, vorgeworfen. Es wurde gesagt, daß in den Kreisen derjenigen, welche Herrn Levi so lebhaften Beifall spendeten, zumeist diejenigen vertreten seien, welche aus Dörfern stammen, wo das religiöse Lehramt durch einen armen Teufel vertreten war, der als Vorbeter, Schächter und Gemeindediener das Objekt der üblen Laune und im günstigsten Falle der Wohlthätigkeit der Dorf-Nabobs war, und daß dieselben Nabobs den Rabbiner noch immer als legitimen Nachfolger des Herrn Lehrers aus dem Heimathsdorfe betrachten. Das ist wohl bis zu einer gewissen Grenze richtig. Im Midrasch Tanchuma zu Exodus 33, 8 (siehe Raschi: Kidduschim 33, b) wird davon gesprochen, daß die Israeliten hinter Moses Rücken sagten: Sehet seine feisten Schenkel und seinen fetten Nacken, er mästet sich von unserem Gelde. Wenn das im vierten Jahrhundert schon der Fall war, so kann man an der Macht der Tradition, die in dem Rabbiner einen Gemeindepensionär sieht, nicht zweifeln. Trotzdem reicht diese Erklärung nicht aus. Die fünfzigjährige Geschichte der, amerikanischen Reform hat auf ihrem jetzigen Entwickelungspünkte in den Gemeinden eine große Beunruhigung hervorgerufen. Im Jahre 1842 weckte der' erneuerte Hamburger Tempelstreit zunächst ein Echo in London, wo im Schooße der sonst so konservativen portugiesischen. Gemeinde sich Anhänger der - reformirten Gemeinde fanden. Von London' aus verpflanzte sich die Bewegung nach, Amerika und faßte wieder zuerst in der portugiesischen Gemeinde zu Charleston (Süd-Carolina) Wurzel. New-Iork und andere große Städte folgten. Diese Reform, anfangs äußerlich auf eine würdigere. Form des Gottesdienstes, und Berücksichtigung der Landessprache hinzielend, reichte bald auf das dogmatische Gebiet hinüber. Besonders war der Kampf gegen die Gebete um Wiederherstellung der politischen Unabhängigkeit Israels und des Opferkultus gerichtet. Im klebrigen wurde nicht nur die Verbindlichkeit der Talmud-Bibel, sondern auch die des Talmud gelehrt welchen die Konferenz in Cleveland (1855), allerdings unter dem Proteste David Einhorns, als korrekte Auslegung des mosaischen Gesetzes bekannte. Die Konferenz in Philadelphia (1869) gab den Talmud ganz auf. Die religiöse Form der Ehescheidung wurde aufgehoben und die bürgerliche Ehescheidung als vollkommen giltig anerkannt. Sonntags-Gottesdienst wurde empfohlen, doch gleichzeitig von David Einhorn, der bereits. 20 Jahre zuvor in Budapest Sonntags-Gottesdienst abgehalten hatte, betont, daß man der Heiligkeit des traditionellen Sabbaths nicht Abbruch thun wolle. Seit etwa 15 Jahren hält auch die Sinai-Gemeinde in Chicago, als erste und bisher einzige Gemeinde des Landes, ihren wöchentlichen Gottesdienst nur am Sonntage ab. — Ein weiterer wichtiger Schritt war im Jahre 1892 der Beschluß, Proselyten ohne Beschneiduttg in das Judenthum anfzunehmen. Die Anzeichen einer Neigung zum Einhalte auf dem Wege der Reform mehren sich. Dr. Köhler in New-Aork, früher ein begeisterter Agitator für das Aufgeben des traditionellen Sabbaths, sagte neulich ganz offen, daß er die Aera des Radikalismus hinter sich habe. Er bekämpft jetzt den Sonntags-Gottesdienst unter dem Gesichtspunkte, daß ihm die traditionelle Heiligung abgehe. Dr. Louis Großmann in Detroit (Michigan),- einer der jüngeren Rabbiner, gab den Sonntags-Gottesdienst auf. und führte wieder Freitag-Abend- Vorträge ein, da er sich überzeugt habe, daß dem Sonntags-Gottesdienst nicht jene Stimmung entgegengebracht werde, welche man eine religiöse nennen könnte- Mit größerer Entschiedenheit trat Dr. Max Heller in New-Orleans für Beibehaltung traditioneller Formen im Gottesdienste bei. Allerdings nicht ohne auf heftigen Widerspruch von Seiten einiger progressistisch gesinnter Rabbiner zu stoßen. Eine weitere denkwürdige Etappe in diesem Entwickelungsstadium war der von der Rabbiner-Konferenz in Rochester (1895) angenommene Antrag ihres greisen Präsidenten Dr. Isaak M. Wise, daß die rabbinische Litteratur nicht als verbindlich betrachtet werden solle. Der leitende Grund dieses Antrages war nicht der negative Theil, sondern die allerdings nicht ausgesprochene Schlußfolgerung, daß die Bibel als normativ zu gelten habe, wie denn Dr. Wise seit Jahren bemüht ist, die Authentizität der biblischen Bücher wissenschaftlich zu vertheidigen. Die Gegner des Antrages, denen in einer konservativen Zeitung neulich nachgerühmt wurde, daß sie den Muth der Ueberzeugung besessen hätten, waren von ganz anderen Prinzipien geleitet. Sie wollten eine ganz offene Erklärung abgeben, daß kein Theil der . religiösen Litteratur, also auch die Bibel eingeschloffen, eine normative Verbindlichkeit besäße, und daß die Bibel, der Talmud und die spätrabbinische Litteratur nur Entwickelungsstadien des. religiösen Gedankens und nicht unabänderliche Gesetze und Lehren enthalten. Man sieht aus diesem Jrrthum, wie schwer es ist, die Motive gewisser Aussprüche alter Autoritäten richtig zu erfaffen. Wir sind z. B. gewohnt, in Rabban Gamaliel die Gesetzesstrenge als Prinzip zu vermuthen, weil er das Abendgebet als obligatorisch betrachtete (Berakoth 27 b.), wahrend Rabbi Josua den obligatorischen Charakter dieses Gebetes bestreitet. Trotzdem dürfte es aber umgekehrt der MM

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.