Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1896)
- Date
- 1896-08-28
- Page
- Seite 413 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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4 13 zuführen. Diese Vereinbarung wurde genehmigt. Sie. tritt in Kraft, sobald der Verein Emden-Oldenburg gleichfalls seine Zustimmung gegeben hat. Nach einer einstündigen Pause, in welcher eine Sitzung der Lehrer- Wittwen- und Waisenkasse . stattfand, wurde das gemeinschaftliche Mittagsmahl eingenommen. Eine gemüthliche und gehobene Stimmung, die in ernsten und heiteren Trinksprüchen ihren Ausdruck fand, herrschte an der Tafel. Auch des -begründeten Verbandes wurde gedacht und ihm ein kräftiges Gedeihen gewünscht. Nach beendigter Tafel wurde die Sitzung sofort wieder ausgenommen. Es folgte der Vortrag des Kollegen Lomnitz-Eldagsen: „Wie muß ein Lesebuch für jüdische Schulen beschaffen sein?" Die Ausführungen des Referenten zeugten von großem Fleiße und tiefem Nachdenken, und der Vorsitzende drückte dem Referenten den wohlverdienten Dank der Versammlung aus. Die gemachten Vorschläge waren jedoch mehr für ein allgemeines Lesebuch, als für ein solches für jüdische Schulen.' In eine Debatte wurde nicht eiugetreten. Hierauf folgte der letzte Gegenstand der Tagesordnung: „Bericht des Referenten Spanier-Stolzenau über die Thätigkeit der in der vorjährigen Versammlung gewählten Lesebuch-Kommission." Spanier verlas zunächst noch einige einleitende Bemerkungen des seinerzeit veröffentlichten Protokolls der Beschlüsse der am 4 Oktober v. I. abgehaltenen ersten Sitzung der Lesebuch-Kommission. Derselbe hatte in dieser Kommissionssitzung ein Referat gehalten, und waren folgende drei Vorschläge von der Kommission einstimmig angenommen worden: 1. Der Mangel eines den gesetzlichen und pädagogischen Anforderungen der Neuzeit entsprechenden deutschen Lesebuches für die jüdischen Volksschulen erfordert die Herausgabe eines neuen oder die Bearbeitung eines bereits vorhandenen guten Lesebuches. 2. In Erwägung dessen, daß es deutsche Lesebücher konfessionellen Charakters giebt, die obigen Anforderungen entsprechen, genügt die Bearbeitung eines solchen für jüdische Schulen. 3. Bei der Bearbeitung sind religiöse Stoffe gebührend zu berücksichtigen Außerdem hatte die Kommission beschloffeu, jedes Konferenzmitglied sollte bis zur nächsten Konferenz das umzuarbeitende Lesebuch genau prüfen und sich einen Plan der auszuscheidenden und etwa einzufügenden Stücke entwerfen, damit die Kommission ein abgeschlossenes Werk ihren: Auftraggeber vorlegen könne. — Die Kommission bedaure aber, fuhr der. Redner fort, nicht mit einem fertigen Resultate vor die Versammlung treten zu können, da die nöthigen Mittel, die zu einer schon anberaumt gewesenen Sitzung erforderlich waren, nicht beschafft werden konnten, dessenungeachtet seien die Arbeiten einzeln unausgesetzt fortgeführt worden. — Das von Spanier vorgeschlagene Lesebuch für Bürgerschulen vom Lehrerverein der Stadt Hannover sei aus praktischen Gründen zur Bearbeitung gewählt worden. — Nach längeren Verhandlungen sei auch mit dem Verleger eine prinzipielle Einigung erzielt, nachdem der Hannoversche Lehreroerein seine Zustimmung zur Bearbeitung gegeben hatte. Redner bat schließlich Namens der Kommission, die Versammlung wolle beschließen, die Lesebuchkommission zu ermächtigen, das Lesebuch für Bürgerschulen vom Hannoverschen Lehrerverein in einer zweitheiligeu Ausgabe fertig zu stellen und um die behördliche Genehmigung zur Einführung nachzusuchen. — Einen gleichen Auftrag erbat die Kommission hinsichtlich der Fibel von demselben Verfasser und Verleger. Berichterstatter Spanier macht sodann Mittheilung von einem Schreiben des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens, worin der Verband seine Betheiligung an der Ausarbeitung eines Lesebuches anbietet und sich zur Mittragung der Kosten bereit erklärt. Die Kommission habe keine Entscheidung in dieser Angelegenheit treffen wollen. Nachdem der Vorsitzende dem Berichterstatter sowie der ganzen Kommission dankende Anerkennung gezollt, wurde die Debatte eröffnet. Dr. Gronemann ist der Ansicht, daß durch den neuen Verband die Ausarbeitung eines Lesebuches für ganz Deutschland mit mehreren heimathlichen Anhängen leichter herzustellen sei. — Für den Verein seien, da die Auflage gering, die Kosten zu hoch. Dr. Löb bittet, die Arbeiten zu beschleunigen, da die Regierung aus Entscheidung der Lesebuchsrage dringe. Levy-Norden und Spanier-Stolzenau machen auf die Schwierigkeiten aufmerksam, welche sich einem Lesebuche für alle Schulen entgegenstellen würden. Zunächst seien die mannigfachen Schulverhältuisse zu berücksichtigen, ferner die Tendenz des Buches in Betracht zu ziehen. — Nachdem zu dieser Frage noch von verschiedenen Seiten gesprochen, wurden sämmtliche Anträge der Kommission genehmigt. Bezüglich des Anerbietens des westfälischen Verbandes erklärte die Versammlung: „In Anbetracht der Thatsache, daß die Kommissionsarbeiten schon ziemlich vorgeschritten sind und daß eine mitwirkende Betheiligung dieses Verbandes die Fertigstellung nicht unbedeutend verzögern würde, und in Erwägung, daß für den Bezirk Emden-Aurich eine Beschleunigung dringend erforderlich ist, hält die Versammlung es nicht für angezeigt, das Anerbieten des Verbandes anzunehmen. Die Einführung des Buches in Nachbarprovinzen, die sehr erwünscht ist, soll dadurch erleichtert werden, daß der heimathliche Theil den Verhältnissen der Nachbarprovinzen Rechnung tragen wird." Es wurden nunmehr die freien Besprechungen wieder ausgenommen. Nach Austausch mancherlei Erfahrungen und Besprechung verschiedener das Lehrerleben betreffenden Fragen war die Tagesordnung erschöpft. Die nächste Versammlung soll in der Pfingstwoche in Hannover stattfinden. Referate übernahmen: Dr. Gronemann-Hannover, Selig- Emden, Fabisch-Göttingen, Apt-Pattensen. Philipp-Lüneburg dankt Namens der Versammlung dem Vorsitzenden für die unparteiische und mühevolle Leitung. — Mit dem Wunsche: „Freudiges Wiedersehen im nächsten Jahre!" wurde die Versammlung Abends 8 Uhr geschlossen. Die Schriftführer: Iwan Meyer-Hannover. Julius Spanier-Stolzenau. Im Mende;eichen des Krebses. Skizzen zur zeitgenössischen Geschichte des Judenthums in Amerika. Von Pros. Dr. G. Deutsch, Cincinnati, O. freunde hüben und drüben nehmen mir es übel aus, daß ich den Tagesereignissen eine Bedeutung schenke, die mau als eine Prostitution der Wissenschaft, die ich lehre und zu vertreten habe, betrachtet. Darum halte ich es zunächst für nothivendig, darauf hinznweisen, daß der Mangel an geschichtlicher Betrachtung bei Zeitgenossen den trüben Zustand unserer Geschichte verschuldet hat. Heute wendet man alle mögliche Mühe auf, um aus einem bei Demoliruug alter Festungswerke bloßgelegten Grabstein die denkwürdige Thatsache festzustelleu, daß die wackere Frau Geuendel, Weib des Ascher, am 16. Adar 1496 gestorben ist, und zerbricht sich womöglich den Kopf darüber, wieso der Grabstein diesen Tag als Montag bezeichnen kann, während doch der 16. Adar niemals auf einen Montag fallen konnte, während man diejenige Zeit, deren treibeube Kräfte wir noch genau verfolgen können, vernachlässigt. Lassen Sie mich ein Beispiel dafür angeben. In der Borrede zu dem Werke nbx über den talmudischen Traktat, Berachoth giebt der Prager Oberrabbiuer Ezechiel Landau seiner Ueberzeugung von der Nothwendigkeit einer apologetischen Bearbeitung der talmudischen Hagada Ausdruck, indem er barauf hiuweist, daß in neuester Zeit — das Werk ist 1791 erschienen — „das Gesindel, die Männer der Sauunlungen", die Glaubwürdigkeit der talmudischen' Hagada in Zweifel gezogen haben. Wir wissen heute noch, daß der Prager Oberrabbiner in seinem Unmuthe gegen. die, in dem seit 1784 erschienenen „Sammler", dem Organe der Mendelssohn'schen Schule, vertretenen Anschaungeu Stellung nimmt. Wer kann uns aber sagen, wen jener Lehrer des Talmuds gemeint hat, wenn er sagt, diejenigen, welche Halakoth niederschreiben, verbrennen die Thora (Themura 14 6.) Im Talmud (Baba Meziah 114 b.) wird Ra bah ben Abuha das naive Bekenntniß in den Mund gelegt, daß er die vier praktischen Theile des Talmud nicht kenne und man daher von ihm nicht erwarten könne, daß er jene Theile, welche sich mit den palästinensischen Gesetzen befassen, studirt haben sollte. Ich bin nicht im Zweifel darüber, daß wir hier ein Pasquill der Schule t