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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-28 · Heft 35 (28.8.1896) · p. Seite 410

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 35 (28.8.1896)
Date
1896-08-28
Page
Seite 410 (sequence 2)
Language
German
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bleiben dürste, und hat eine-Reihe der verschiedensten-Versuche an- > gestellt, um einen Ersatz dafür "zufinden, ohne daß. diese Fraget , welche, die ganze Kolonisation bedroht, bisher gelöst.''worden wärek Es ist dies auch, der Hauptgrund, weshalb die weitere Einwänderung, obwohl noch 90000 : Hektar Land zur Verfügung ' stehen, ^sistirt? werden mußte. ' * > ..4 Unleugbar haben die bisherigen Versuche wenigstens nach der - Richtung hin aufklärend gewirkt, daß man gelernt hat, davon ab- . zusehen, mit den vorhandenen Mitteln, wie groß sie auch sein mögen^ an eine wirkliche Ueberführung der russischen Juden nach Argentinien : zu denken. ' '' - ' " . ■ i . Bekanntlich hat der sel. Baron Hirsch der jüdischen Kolonisations- . Gesellschaft .50 Millionen Francs zur. Verfügung gestelltvon diesem kolossalen Betrage sind rund 6V2 Million in Land angelegt, / und beträgt der Durchschnittspreis des Hektar Boden 35 Francs, so daß jeder Kolonist für die ihm zugefallenen 7,5 Hektar an die Verwaltung den Betrag von circa 2625 Francs zurückzuzahlen hat. Die Ansiedelungskosten haben sich im Ganzen auf rund 13 Millionen Francs belaufen, wovon 5% Millionen ä fonds perdu gegangen sind, während der Rest von 7y4 Million von den Kolonisten zurückgezahlt werden muß, so daß auf jede einzelne Familie rund 'circa 6000 Francs kommen; es würde etwa jede einzelne Familie der Kolonisten rund 8600 Francs zurückzuzahlen haben, während ein . Betrag von rund 4800 Francs für jede einzelne Familie von der Kolonisations-Gesellschaft getragen wird. Die gesummten Kosten für die Ansiedelung einer Familie stellen sich demnach auf 13,40Cj Francs. Man ersieht, daß selbst mit den vorhandenen enormesi Mitteln eine Massen - Ansiedelung kaum durchführbar wäre, ja, daß die von Baron Hirsch gespendeten -50 Millionen nicht viel weiter als für vier- bis fünftausend Familien reichen würden. \ Seit dem letzten Jahre ist das Schulwesen auf der Kolons einigermaßen befriedigend durch die Hilfe der Alliance geordnet. In den -Seminaren ausgebildete Lehrer ertheilen den Unterricht auf. den Kolonien, anscheinend mit günstigem Erfolge. Ueber die religiösen Einrichtungen der Kolonisten, sowie über deren Selbstverwaltung läßt der Bericht leider nichts verlauten. Dagegen^ sorgen drei Aerzte, sowie eine Reihe Hilfsbeamter, zwei Hospitäler und mehrere Ylpotheken für die Gesundheitsverhältnisse in den Kolonien. Außerordentlich klagt der Bericht über den Mangel an ge,^ eigneten Persönlichkeiten für die Leitung der einzelnen Kolonien und giebh wesentlich diesem Mangel die Schuld an den bisherigen geringen Erfolgen/ Daß das groß angelegte Unternehmen die Hoffnungen nicht erfüllen konnte, die man darauf gesetzt hat, hat der bisherige Verlauf gezeigt. Die erzielten Erfolge sind sehr dankenswerthe Fingerzeige für eine zukünftige Kolonisationsthätigkeit,- die Mißerfolge können als Lehren dienen, welche Mißgriffe zu vermeiden sein werden, das- Eine aber ist klar geworden, daß auch die eifrigste und großartigste Philanthropie seitens eines reichen Mannes nicht die Frage löfert kann, wohin mit den russischen Juden; daß alle Juden berufen sind, an diesem großen Problem mitzuarbeiten und nur die werkthätigeHilfe der ganzen Judenheit wirklich zu einem gedeihlichen Resultat führen kann.; " Noch . warten Hunderttausende . russischer . Juden auf die Möglichkeit der Auswanderung, noch. wollen Zehntausende von ihnen Bauern werden, und wir Alle haben die Pflicht,' ihnen bei diesem Bestreben zu helfen, denn je mehr sich diesem produktiven Stande zuwenden, desto mehr erleichtert sich die Last, die auf den westeuropäischen Juden von Osten drückt. - .... Air Woche. ' , S9etli.ii, 25. August. eute haben wir es fast ausschließlich mit Dementis zu thun. ' Der erste Platz gehört selbstverständlich dem -Dementi einer angeblich von höchster Stelle gefallenen Aeußerung, die sich gegen die „oft jüdischen Berichterstatter" gewendet haben soll. Diese Nachricht wurde von der „Kölnischen Volkszeitung" gebracht, aber bald darauf von gutunterrichteter Seite entschieden dementirt.. Die Aeußerung ist nur von dem verflossenen Minister v. Koller gemacht worden und' war nicht gegen die jübifdjeu Berichterstatter, sondern gegen die jüdischen Rechtsanwälte gerichtet. Das ist aber ein großer Unterschied!' — Der zweite Platz gebührt der antisemitischen Tatarennachricht, daß das baierische Kriegsministerium antisemitische Tendenzen pflege. Unsere Vermuthung, daß es sich dabei nicht um Wahrheit, sondern nur um eine Dichtung des antisemitischen Blattes handele, wird jetzt von München ans bestätigt. Nach den dort von der „Allgemeinen Zeitung" an zuständiger Stelle eingezogenen Informationen ist nämlich die Mittheilung des „Dt. Vbl." vollständig erfunden; im baierischen Kriegsministerium ist von einem derartigen Erlaß (durch den die entlassenen Soldaten vor jüdischen „Schleudergeschäften" 2c. gewarnt werden sollten) nichts bekannt. — Das dritte- Dementi gilt der folgenden, von antisemitischen Blättern aus unserem Leitartikel in Nr. 33 gesogenen und von liberalen Blättern ahnunglos nachgedruckten Mittheilung: „Eine Statistik des Antheils der Juden an der deutschen Landwirthschaft wird von dem D. I. G.-B. veranstaltet werden. Bei.den diesbezüglichen Erhebungen sollen nur Diejenigen Berücksichtigung finden, welche sich ausschließlich der Landwirthschaft gewidmet haben und seit längerer Zeit als praktische Landwirthe thätig sind." Die Nachricht ist unwahr, wird aber von den Antisemiten natürlich zu allerlei hämischen Ausfällen benutzt. Im Uebrigen 'hat ja die Berufszählung von 1882 wenigstens für Preußen bereits ergeben, daß dem Hauptberufe nach in „Landwirthschaft, Gärtnerei und Züchterei" beschäftigt waren 812 Juden (636 männliche und 176 weibliche) als „Selbständige und Geschäftsleiter", 831 Personen (589 männliche und 242 weibliche) als „Verwaltungs- und Arbeitspersonal". — Das gilt aber nur für Preußen und, vor 17 Jahren. Inzwischen haben sich die Verhältniffe wesentlich geändert. * .. Nachdem die Hetze gegen die jüdischen Lehrer und Lehrerinnen an städtischen Volksschulen so guten Erfolg gehabt, wird jetzt eine gleiche Agitation gegen die jüdischen Lehrer an höheren Lehranstalten eröffnet. Man hat schon früher erwartet, daß das Kultusministerium diesen „besondere Aufmerksamkeit schenke". Bis jetzt aber ist, soweit der „Reichsbote" erfahren hat, diesbezüglich noch nichts geschehen. Auch an diesen Schulen sind jüdische Lehrer und _ Lehrerinnen an gestellt, die zum Theil ebenfalls mit dem jüdischen Religionsunterricht beauftragt sind. Natürlich möchten die Herren Antisemiten, daß der Erlaß des Kultusministers vom 27. Dezember 1895 auch auf diese Lehrer Anwendung finde: „Ich erwarte, daß die mit Aufstellung der Lehr- und Lektionspläne betrauten Personen, jüdischen Lehrern und Lehrerinnen nicht solchen Unterricht zutheilen werden, welcher/ihnen in ihrem eigenen und im Interesse der Schule nicht übertragen werden darf." Hoffentlich erfüllt sich dieser antisemitische Wunsch nicht, da ja an höheren Lehranstalten ohnedies die Verhältniffe ganz anders liegen. > ■

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