Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1896)
- Date
- 1896-08-21
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228183--53053-3258710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
eine große Gefahr in der Ueberfüllung unserer höheren Bildungsanstalten mit jüdischen Elementen, umsomehr, als. leider gesetzliche Kautelen fehlen, welche die Juden aus gewissen autoritativen Stellungen und aus gewissen Lehrämtern , fern halten. Mer den Grund der sozialen Wirren erkennen wir nicht im Judenthum, sondern im Kapitalismus und in seinen Auswüchsen, an denen dann freilich wieder die Juden in hervorragender Weise betheiligt sind. Wir sind der Ansicht, daß, wer nicht das Kapital, aber den Kapitalismus bekämpft, am wirksamsten auch den Juden die Möglichkeit nimmt, das geltende Recht für ihre geschäftlichen Sonderzwecke auszubeuten." Die Erklärung läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig! — Begnadigt worden sind dieser Tage die hiesigen Rechtsanwälte van Biema und Benfey III. Bei einer Gerichtsverhandlung glaubte sich der als Vertheidiger sungirende Rechtsanwalt van Biema durch eine persönliche Bemerkung des Vorsitzenden, Amtsrichters Dr. jur. v. Jhering, beleidigt und sandte diesem durch den Rechtsanwalt Benfey III. eine Forderung zum Duell. Der Amtsrichter lehnte diese ab und erstattete Anzeige. Bei der Verhandlung wurde van Biema zu vier, der Kartellträger Rechtsanwalt Benfey III. zu einem Monat Festungshaft verurtheilt. Nachdem die Berurtheilten vier refp. eine Woche ihrer Mrafe abgesessen hatten, wurde ihnen der Rest der Strafe im Gnadenwege erlassen. o. München, 11. August. Obwohl Sie — und mit Recht — die Wanderversammlungen der Herren Antisemiten gewöhnlich ignoriren, sehe ich mich doch veranlaßt. Ihnen, heute über eine hiesige Antisemiten-Versammlung zu berichten, und zwar darum, weil sie charakteristisch ist für die baierische Spielart von Antisemitismus und sodann, weil sie der erste Einbruch von antisemitischer Seite in unser friedliches Land ist. Die Baierische Reformpartei (Antisemiten) die in München auf keinen grünen Zweig kommen kann, verschreibt sich von Zeit zu Zeit einen be-rühmten Genossen als Versammlungsredner, um Propaganda für die Partei zu machen und der stets bedürftigen Parteikasse Mittel zuzuführen. So war vor längerer Zeit der Rektor aller Deutschen, Ahlwardt, verschrieben, und nun hatte Herr , Wengg die Führer der antisemitischen Bewegung in Oesterreich, Dr. Lueger und den Neichsraths- und Landtagsabgeordneten Ernest Schneider, zu Vorträgen gewonnen. .Die Versammlung war auf gestern Abend in den großen Saal des Münchener Kindl-Kellers anberaumt und ein Eintrittsgeld von 30 Pf. für die Person festgesetzt. Nach der finanziellen Seite erwies sich Wenggs Rechnung richtig. Der große Saal war überfüllt und wohl von über 5000 Menschen besetzt, für die Parteikasse eine nicht zu verachtende Einnahme von sicher 1500 Mark. Daß die Neugierigen aus anderen Parteien ein großes Kontingent stellten, bedarf keiner'besonderen Erwähnung. 6 Uhr 37 Minuten, mit dem Wiener Schnellzug, kamen die beiden Gäste an und wurden am Ostbahnhof von einem größeren Ausschuß und einigen Festjungfrauen mit stürmischen Hochs begrüßt. Punkt halb neun Uhr betraten die beiden Wiener unter Hochrufen den dichtgefüllten Saal. - Wengg begrüßte sie -im Namen des,'haierischen und Münchener (!) Volkes in einer Bescheidenheit, die'man an ihm gewohnt ist. Zuerst hielt Ernest Schneider unter fürchterlichem Tumult eine seiner bekannten Brandreden gegen das Judenthum und dessen Protektor, den Liberalismus, wobei er dem Volx das hübsche Kompliment machte, daß es in seiner Dummheit schließlich immer wieder glaube, was der Jude ihm vorlüge. Die spanische, Inquisition bezeichnete er lediglich als eine — staatliche Institution gegen die Juden, die Meister in der Geschichtsfülschung. Herr Schneider scheint indeß dies Metier selbst brillant zu verstehen, denn er fälschte die Bibel meisterhaft für antisemitische Zwecke. Seine Ausführungen waren die reinste Judenhetze. Wer dagegen auch nur die leiseste Opposition machte, wurde in der rüdesten Weise hinausgeworfen, und es erfolgten während Schneiders Brandrede wohl mehr als 25 Hinauswürfe. Der Tumult bei den Ausführungen Schneiders nahm solchen Umfang an, daß dieser einmal 20 Minuten lang nicht sprechen konnte. Anders bei Lueger. Bei aller Oberflächlichkeit in seinem Vortrag, der vielleicht gerade für die Masse so berechnet war, verstand er es, diese für seinen Vortrag zu interessiren, und die Bitte am Eingang, allenfallsige oppositionelle Zwischenrufe nicht zu stören, verhinderte wenigstens die Wiederkehr tumultuöser Szenen und weitere Hinauswürse. Er schildert die Zustände in seinem Vaterlande Oesterreich-Ungarn in der Beleuchtung des Antisemitismus. Ein kaum geringerer Judenfeind als sein Genosse Schneider, versteht es- Lueger ungleich mehr, sich zu mäßigen und wenigstens die wüste Hetze zu umgehen. Daß er auch stark in Uehertreibung macht, war nicht anders zu erwarten. So sagt er, die Geistlichen der inneren Stadt Wien verlernten ganz das Taufen, weil blos Juden dort wohnten! Er schwört, den Kamps gegen.die Juden durchzuführen, und fordert die Brüder im, Reiche auf, ihn dabei zu unterstützen. Frenetischer Beifall folgte seinen Worten. Die Antisemiten hatten es eben ungemein verstanden, ihre Anhänger im ganzen Saale geschickt zu vertheilen. Der Abend schloß ohne Diskussion mit einer solennen Prügelei. Ein würdiger Schluß! Ob wohl Dr. Lueger eine gute Meinung von seinen Münchener Gesinnungsgenossen mit hinwegnehmen wird? So viel glauben wir verbürgen zu können, daß jeder anständige Mann irgend welcher Partei sich von dem politischen Rowdythum, das die Münchener Antisemiten gestern inszenirten, nur angeekelt fühlen kann und die Reihen der Laierischen Refornipartei sich mit Rücksicht hieraus wohl nicht sehr verstärken werden. — Das hiesige Antisemiten-Organ „Deutsches Volksblatt" machte übrigens noch in diesen Tagen den kühnen Versuch, dem baierischen Kriegsministerium antisemitische Tendenzen unterzufchieben, indem es einen Erlaß desselben zitirte, in dem „ganz besonders vor den Kleider - und Stieselbazaren und ähnlichen Schleudergeschäften" gewarnt wird. Die Vermuthung, daß der Wortlaut des Erlasses nicht ganz richtig wiedergegeben, erscheint aber sehr begründet. Oesterreich-Ungarn. LJ Wien, 17. August. Die „Wiener Zeitung" veröffentlicht folgendes Erkenntniß: „Im Namen Sr. Majestät des Kaisers! Das k. k. Landesals Preßgericht Wien hat aus Antrag der k. k. Staatsanwaltschaft erkannt, daß der Inhalt des Druckwerkes (Flugblatt), enthaltend sogenannte „Lueger-Vaterunser", beginnend mit „Vater unser Lueger", _ endigend mit Judengesindel", und den sogenannten „Lueger-Glauben", beginnend mit „Ich glaube an Dr. Lueger", endigend mit „ewiges Leben i- Amen" (ohne Angabe eines Druckortes, Druckers und Verlegers) das Vergehen nach § 303 St.-G. (Beleidigung einer gesetzlich anerkannten Kirche oder Religions-Genossenschaft) begründet, und es wird nach § 493 St.-P.-D. das Verbot der Weiterverbreitung dieser Druckschrift ausgesprochen, die von der k. k. Staatsanwaltschaft verfügte Beschlagnahme nach § 489 St.-P.-O. bestätigt und nach § 37 P.-G.' auf die Vernichtung der saisirten Exemplare erkannt. Wien, am 3. August 1896." — Die „Wiener Zeitung" publizirt heute die Liste jener Studentenvereine, welche im Mai d. I. aus Anlaß des Beschlusses, den Studenten jüdischer Konfession keine Satisfaktion zu geben, um sie damit für ehrlos zu erklären, von der Statthalterei aufgelöst wurden.— Die Gemeindevertretung von Boryslau in Galizien hat in ihrer Sitzung vom 1. d. M. den Beschluß gefaßt, das Andenken des kürzlich verstorbenen Philanthropen Baron Hirsch, der sich um die dortige Gemeinde durch Errichtung von Schulen und hochherzige Unterstützungen aller gemeinnützigen Institute große Verdienste erworben, durch die Aufstellung eines Denkmals vor'dem Schulgebäude zu ehren. Zur Ausführung dieses Beschlusses wurde ein fünfgliedriges Komitee bestellt. — Aus Anlaß des 75. Geburtstages und fünfzigjährigen Schriftstellerjubiläums Hieronymus Lorrn's hat der Vorstand des „Deutschen Journalisten- und Schriststellervereins für Mähren und Schlesien w Brünn" den Dichter-Jubilar in gerechter Würdigung und Anerkennung seiner hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete der Litteratur einstimmig zum Ehrenmitglieds ernannt und dem Dichter das Diplom und ein Glückwunschschreiben überreicht. Auch der Gemeinderath der Stadt Brünn beschloß, den Jubilar zu beglückwünschen und hat demselben das bezügliche Schreiben bereits zugesendet. — Der Kaiser hat die Wahl des ordentlichen Professors der Zoologie an der deutschen Universität in Prag, Dr. Berthold Hatschek bestätigt. Die Akademie der Wissenschaften hat diesen Gelehrten zum korrespondirenden und Professor IG. Ascoli zum Ehrenmitglieds ernannt. — In Vizma bei Lugos wupde der reiche Kaufmann Samuel Weiß aus Siklos, der dort in Geschäften reiste und mehrere tausend Gulden Baargeld mitführte, eryzordet und seiner Baarschaft. beraubt aufgesunden. Eine Zigeunerbande, welche seither,verschwunden ist, erscheint der That verdächtig. — Hier ist der erst kürzlich im Eisenbahnministerium zum Inspektor beförderte Herr Jakob Plenk gestorben.