Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1896)
- Date
- 1896-08-21
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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erschienenen Orten je nach Bedürfniß zusämmentreten. Die durch Zusammenkünfte, Drucksachen u. dgl. entstehenden Kosten werden durch? freiwillige Beiträge aus gebracht." Ferner werden die Thef e n mitL^ getheilt zu dem Referat, welches Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer aus Köln in jener Versammlung über „die jüdische Kolonisation" aufgestellt hat. Dieselben lauten : „1. Die Ursachen, welche mit Nothwendigkeit die jüdischen Massen in Rußland, Rumänien und im Orients zur Auswanderung und zur Kolonieengründung drängen, sind dieselbenwelche allenthalben Religions- oder Volksgemeinschaften hierzu veranlaßt haben, nämlich: a) örtliche Uebervölkerung, b) wirthschaftliche und soziale Mißstände, e) religiöse, nationale unv politische Verfolgungen. 2. Eine dauernde Hilfe für die zur Auswanderung gezwungenen Elemente ist nur von der rationellen -Entwickelung der Kolonisationsbestrebungen unter den Juden zu erwarten. 3. Das für die Bildung von Kolonien zur gewerblichen oder landwirthschaftlichen Thätigkeit geeignete Menschenmaterial ist unter den Auswanderern in hinreichendem Maße vorhanden, wie die Erfahrungen aus den jüdischen Kolonien in Rußland, Palästina und Argentinien mit unwiderleglicher Klarheit beweisen. 4. Die erforderlichen Geldmittel zur Kolonisation sind thsils unter den Auswanderern selbst vorhanden, theils können dieselben durch Bildung von Genossenschaften und Aktiengesellschaften re. behufs Gründung wirthschaftlicher Unternehmungen in den Kolonien beschafft werden. 5. Der Privatwohlthätigkeit fällt lediglich die Aufgabe zu, auf den Nutzen dieser Unternehmungen hinzuweisen, die ersten Versuche zu unterstützen und daher in erster Linie die. bestehenden jüdischen Kolonien zu Musterkolonien zu gestalten. Außerdem, wurde der Versammlung die folgende Resolution zur Annahme vorgeschlagen und auch von derselben einstimmig angenommen: „Die Freie israelitisHe Vereinigung beauftragt den Ausschuß für Kolonisation, der nächsten Vollversammlung einen Plan über die Mittel und Wege vorzulegen, wie die bestehenden Kolonien durch die deutschen Juden gefördert werden können und hierbei zu berücksichtigen, ob nicht die Gründung einer Spar- und Kreditbank zu diesem Zweck erforderlich und möglich sei!" e. Landsberg a. W., 14. August. Nachdem die Zusammensetzung des Vorstandes, welche dem Vorgehen der Repräsentanten widerstrebte, durch die letzte Wahl eine andere geworden, wurde die Aufstellung einer Orgel in der Synagoge und die Einführung des Gebetbuches, welches in der Berliner Hauptsynagoge in Gebrauch ist, zum Beschluß erhoben. Die Einweihung der Orgel erfolgt am Rosch haschonoh. Eine Textausgabe genannten Gebetbuches für Religionsschulen ist sehr dringend. Wie überall, so macht sich auch hier die Abneigung der Alten gegen die Neuerung des Gottesdienstes geltend. Sie kennen aber nicht den Vers: Am Alten mit treuem Gedanken halten. Am Neuen sich freuen, wird Niemand gereuen. Kp. Aus der Provinz Posen, im August. Der jüngst im Alter von 80 Jahren in Ostrowo verstorbene Rentier Boas Fraenkel hat der dortigen israelitischen Gemeinde, deren Vertreter im Repräsentantenkvllegium er eine lange Reihe von Jahren war, ein Bermächtniß von 3000 Mark mit der Bedingung hinterlassen, daß die 150 Mark betragenden Zinsen alljährlich an dessen Sterbetage an hiesige israelitische Kultusbeamte mit der Maßgabe vertheilt werden, daß der Rabbiner der Gemeinde für die Verrichtung eines Gebets für das Seelenheil des Verstorbenen resp. dessen Gattin ®/5 und die übrigen Beamten zusammen 2/s derselben erhalten. Bei einem etwaigen Zinsenausfall haben nach dem ' Testament die Erben die Pflicht, die Differenz zu decken. 2. Wittenberg, im August. „ Gelobt sei der Herr, der die Zeiten ändert", so könnte man aus vollem Herzen ausrufen, angesichts eines Ereignisses, das sich hier vollzogen. Es dürfte zur Genüge bekannt sein, daß in der ,-Lutherstadt" vor der Reformation eine kleine, aber blühende Gemeinde bestand, die in den Stürmen des dreißigjährigen Krieges durch das Schicksal vieler anderen in Mitteldeutschland erreichtwurde. Nur der Name „Judenstraße" gab dem Besucher und Forscher von der ehemaligen Existenz einer jüdischen Gemeinde Kunde. Erst im letzten Bierteljahrhundert zogen ^hier wieder Israeliten her, die der' Gemeinde Halle wohl Steuern zahlen mußten, aber weder Gottesdienst noch Unterricht hatten. Seit einigen Jahren erhalten nun die jüdischen Kinder regelmäßig Religionsunterricht durch Herrn Blitz aus Dessau, während die Gemeindemitglieder den Gottesdienst in Berlin- Dessau, Koswig und Luckenwalde besuchten. Am Sabbäth „Reeh"' waren nun zum ersten Male nach? fast 400jähriger Unterbrechung die hier wohnenden Israeliten im Hause des Kaufmanns Goldstrom zusammen, um gemeinsam zu beten und die Barmizwa des Sohnes des Herrn Goldstrom zu feiern. Den Gottesdienst leitete Herr Blitz, welcher in seiner Ansprache auf das wichtige Ereigniß, auf die? Lebenskraft unseres Volkes und auf den göttlichen Schutz hinwies. Mögen diesem Gottesdienste recht viele und oft folgen.?. Bremen, 14. August. Das Ereigniß, daß ein Ehepaar seine silberne Hochzeit feiertist wahrlich nicht so selten, daß jedesmal in den Zeitungen darüber berichtet werde. Wenn ich. gleichwohl von einem -solchen am 9. d M. hier stattgefundenen Feste berichte, so ist es nicht die Feier an sich, die ich heroorheben will, sondern die mitsprechenden Nebenumstände, die mir geeignet scheinen, in einer jüdischen Zeitschrift ein bescheidenes Plätzchen zu beanspruchen. Herr Josef Fischbein, der vom Norddeutschen Lloyd für die jüdischen Auswanderer angestellt, feierte am. 9. August das Fest der silbernen Hochzeit, das in solenner Weise verlief. Das gesammte Personal des Auswanderungs-Büreaus der Firma F. Mißler brachte dem Jubelpaar korperativ seine Glückwünsche in herzlicher Weise dar. Das zeigt uns, wie Herr F. versteht, das gute Einvernehmen mit dem nichtjüdischen Beamten zu fördern. Herr Fischbein hat sich seit Jahren um die jüdischen Auswanderer sehr verdient gemacht. Sein Werk ist es, daß bereits vor 10 Jahren, als einige Hundert jüdische Glaubensgenossen auswanderten, eine rituelle Küche auf dem Dampfer eingerichtet wurde. Aehnliche Vergünstigungen hat er mehrere Male für. seine Glaubensgenossen beim Lloyd erwirkt. In Anerkennung dessen, sowie in Anerkennung seines sonstigen rechtschaffenen Lebenswandels hat Herr Rabbiner Dr. Rosenack in seiner bei dieser Gelegenheit gehaltenen Ansprache die Verdienste des Jubilars hervorgehoben. Die Rede verfehlte nicht, einen tiefen Eindruck auf die Theilnehmer der Festtafel zu machen, die unter Tischreden und Gesang, in dem Herr Kantor Prinz mit seiner prächtigen Tenorstimme sich ganz besonders auszeichnete, in sehr gehobener Stimmung das schöne Fest abschloß. L. Hannover, im August. Auf die Eingabe des Vorstandes der israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem an die königliche Regierung um Ertheilung der Rechte einer juridischen Person für die genannte Anstalt ist von dem Ministerium der geistlichen, Unterrichts¬ und Medizinal-Angelegenheiten an den Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn Konsul M. A. Simon, der Bescheid ergangen, daß die zuständige Behörde geneigt ist, den Antrag auf Verleihung dieser Rechte Allerhöchsten Ortes zu befürworten. Die gewünschten Aenderungen und Ergänzungen im Statut-Entwurf sind zum größten Theil redaktioneller Natur oder doch der Art, daß sie leicht auszuführen sind, ohne daß der Plan im Ganzen davon berührt wird. Es ist daher wohl mit Sicherheit darauf zu rechnen, daß die Allerhöchste Verleihung binnen Kurzem erfolgen wird und diese in ihren Bestrebungen einzig dastehende, vielversprechende Anstalt dadurch ein festes Gefüge erhält und mit Eifer und Lust, wie bisher, ihre hohen Ziele zu erreichen sucht. Die Zahl ihrer Gönner und Förderer, die sie bereits in christlichen wie in jüdischen Kreisen hat, wird hoffentlich immer mehr wachsen und ihr die allseitige Unterstützung werden, die es ihr ermöglicht, ihre Wirksamkeit immer weiter auszudehnen und für unsere Glaubensgenossen im Gesammtvaterlande und darüber hinaus zu einer segensreichen zu gestalten. — Einen erfreulichen Beweis, daß es doch noch edle Männer giebt, die nicht engherzig ihre Wohlthätigkeit auf die eigenen Glaubensgenossen beschränken, liefert das Testament des kürzlich in Hamburg verstorbenen Großkaufmanns Do uv es, der seine recht bedeutende Hinterlassenschaft, etwa 500 000 Mark, in der Hauptsache seiner Vaterstadt Emden mit der Bestimmung vermacht hat, daß dafür eine „Alters- Verpflegungsanstalt für bürgerliche Kreise" hergerichtet wird. Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession oder politischen Partei soll auf die Aufnahme keinen Einfluß haben, nur ausgesprochene Atheisten und Anarchisten sind von den Wohlthaten des Testaments ausgeschlossen. Ehre dem hochherzigen Stifter! — Die neuen Leiter des „Volk" haben sich auf eine Aufforderung der hiesigen „Hannoversche Post" in einer Zuschrift an die letztere über ihre Stellung zum Antisemitismus ausgesprochen: „Ganz im Allgemeinen erklären wir unbedenklich, daß in der Frage des Semitismus und Antisemitismus die Haltung des „Volk" durchaus-die alte bleiben wird. Wir haben keinerlei Grund, die Juden zu 'schonen, wann und wo sie sich mißliebig machen, und wir erkennen