Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1896)
- Date
- 1896-08-21
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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60. Jahrgang. Nr. 34. Der Gemrlndebotr. ----- Weitage zur „Attgerneinen Zeitung öes IuöenLHurns". Korresponden;err und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 17. August. Die hohen Feste rücken heran, und mit ihnen mehren sich die.Vorbereitungen für eine würdige Feier derselben. Wer den Jnseratentheil der politischen oder auch nur der jüdischen Blätter aufmerksam liest, wird in diesen von Jahr zu Jahr sich mehrenden Anzeigen synagogaler Veranstaltungen, jüdischer Buchhandlungen, Restaurationen u. s. w. sichere Anzeichen eines wiedererwachten und nach Betätigung suchenden religiösen Gefühls erkennen, das in jeder Weise geweckt und gefördert zu werden verdient. Das wichtigste Element sind natürlich die synagogalen Veranstaltungen. Man kann dem Vorstand unserer Gemeinde dankbar dafür sein, daß man jetzt in allen Stadttheilen unserer Residenz — in acht großen Sälen - würdig seine Festandacht verrichten darf. Welche Mühe und Sorge und Arbeit hie Acquisition dieser Säle, der geeigneten Beamten, Prediger und Vorbeter aber erheischt, davon können sich die werthen Nörgler und Krittler in unserem Gemeindeleben auch keine Vorstellung machen. Sie würden ihre Kritik ^sonst für bessere Anlässe aufsparen, wo sie eher am Platze ist. Darum soll abe^ nicht in Abrede gestellt werden, daß noch nicht alles in diesen synagogalen Veranstaltungen vollkommen sei und daß sie nicht hie und da der Verbesserung bedürfen, wie jede neue Institution, die, sich erst nach den gemachten Erfahrungen von Jahr zu Jahr gedeihlicher entwickeln kann. Einen Uebelstand, den wir nicht nur in den Betsälen, sondern auch in den großen Synagogen der Lindenstraße und Oranienburgerstraße oft sehr peinlich empfunden haben und über den aus unserem hiesigen Leserkreise uns wiederholt lebhafte Klagen zugegangen sind, möchten wir sogar heute schon zur Sprache bringen, damit die Herren Synagogenvorsteher rechtzeitig Abhilfe schaffen können. Am Vorabend des Versöhnungstages herrscht nämlich in den Synagogen durch das beständige Zuspätkommen vieler Besucher eine solche Unruhe, daß die Beter in ihrer Andacht vielfach sehr unliebsam gestört werden. Im vorigen Jahre dauerte dieses Kommen und Gehen in der Lindenstraßensynagoge fast bis zum Schluß des Gottesdienstes! Das ist eine Unsitte, der unter allen Umständen gesteuert werden muß. Wir wissen sehr wohl, daß dies mit nicht geringen Schwierigkeiten verbunden sein wird; gleichwohl dürfen die Gemeindebehörden diese Schwierigkeiten nicht scheuen. Es handelt sich um die wichtigste und feierlichste unserer synagogalen Institutionen, und diese darf nicht durch Lärm oder auch nur durch Unruhe gestört werden. Der Gottesdienst beginnt in der Regel um 6 Uhr Abends in allen Synagogen, und dieser Zeittermin wird in allen Zeitungen genau und wiederholt und sehr deutlich angegeben, so daß Jeder, der die Bedeutung und Würde des Versöhnungstages achtet, zu dieser Stunde pünktlich im Gotteshause sein kann und muß. Es dürfte sich sogar vielleicht empfehlen, um" Störungen zu vermeiden, das Radikalmittel einer Schließung Mt Synagogenthüren unmittelbar nach Beginn des Gottesdienstes zu ergreifen. In jedem Falle aber, welche Maßregeln auch ergriffen werden, verlangt dieser Uebelstand energische Abhilfe, die freilich dys Publikum selbst am besten leisten könnte, die aber die Gemeindebehörden nun einmal leisten müssen. c/«> Berlin, 17. August. Wenn man sich ein richtiges Bild machen will von der jüdischen Wohlthätigkeit in Berlin, und zwar von der echten, nicht von jener falschen Sentimentalität, die unser heutiger Leitartikel geißelt, so muß man 'das umfangreiche Buch studiren, welches die Auskunftsstelle der Deutschen. Gesellschaft für ethische Kultur soeben unter dem Titel: „Die Wohlfahrtseinrichtungen Berlins" (Berlin 1896/Carl Heymann) herausgegeben hat. Dort ist diesem Zweig des Berliner jüdischen Lebens ein besonderes Kapitel gewidmet, das wir im Auszuge in einer. der nächsten Nummern reproduziren werden. Für heute begnügen wir uns mit wenigen Angaben zur Jllustrirung dieses Bildes. Das Kapitel IV des genannten Buches umfaßt I. die Centralstelle für jüdische Armenpflege, II. die Armenkommission, die wieder in sechs Ausschüsse, für verschämte Arme, zur Unterstützung hilfsbedürftiger Durchreisender, zur Beschaffung und Bertheilung von Mazzot, Jahrzeitausschuß, Kommission zur Speisung inhaftirler Glaubensgenossen, Fürsorge-Kommisston, zerfällt, III. die Waisen-Kommission, IV. die unter Verwaltung der Armen - Kommission stehenden Stiftungen, davon a) für verschämte Arme 12, b) für Kranke, Erwerbsunfähige und Altersschwache 7, e) für Wöchnerinnen 2, 6) für diverse Zwecke 29, V. die unter Verwaltung der Gemeinde stehenden Stiftungen, 15 an der Zahl. Das sind die Wohlfahrtseinrichtungen der jüdischen Gemeinde als solcher, aber noch lange nicht sämmtliche Wohlfahrtseinrichtungen der Berliner Juden. Es kommen noch dazu die" beiden Altersversorgungsanstalten, die wieder zahlreiche Stiftungen für sich haben, neun Waisen-Anstalten mit vielen Separatstiftungen, ein Siechenhaus, zwei Mädchenstifte, ein Lehrlingsheim, eine Taubstummenanstalt, eine Volksküche, ein Kindergarten, ein Kinderhort und eine sehr große Anzahl von Stiftungen für Schüler und Schülerinnen, für Ferien-Kolonien, für Wöchnerinnen, Wittwen, Gemeindebeamte, Gewerbetreibende, Handwerker, Krankenpflegerinnen, Künstler, Aerzte, Gelehrte, Landwirthe, Lehrer, Lehrlinge, Studirende, Techniker, Strafgefangene ec. Aber auch damit ist das Bild noch lange nicht abgeschlossen. Denn es gehört noch zur Vervollständigung desselben die Darstellung des Antheils, welchen die Juden an den allgemeinen Wohlsahrtseinrichtungen nehmen. Ja, vielleicht ist sogar dieser Theil der lehrreichste des ganzen, höchstinteressanten Buches, dessen aufmerksame Lektüre wir ganz besonders unseren Herren Antisemiten bestens empfehlen. 2L2 Berlin, 18.August. Die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums theilt uns das Verzeichniß ihrer Vorlesungen für das Winter-Semester 1896/97 mit. Herr Dr. May bäum wird lesen: 1. Midrasch-Lektüre Wajjikra Rabba, 1 Stunde, Dienstags 8—9 Uhr. 2. Homiletische Uebungen, 2 Stunden, Freitags 8—10 Uhr. Herr Dr. Schreiner wird lesen: 1. Alte Pentateuchkommentare, 2 Stunden, Sonntags 11—1 Uhr. 2. Erklärung des Buches Hiob, 2 Stunden, Sonntags 10—11, Dienstags 11—12 Uhr. 3. Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie, 1 Stunde, Donnerstags 9—10 Uhr. 4. Systematische Religionsphilosophie, 3 Stunden, Montags 9—10, Mittwochs 10—11, Donnerstags 8—9 Uhr. 5. Geschichte der Juden, 2 Stunden, Montags 8—9, Mittwochs 11—12 Uhr. Herr Pros. Dr. Steinthal wird lesen: Psychologie des ethischen Handelns, 1 Stunde, in einer noch zu bestimmenden Stunde. Herr Dr. Laneth wird lesen: 1. Talmud curs. Baba Mezia Kap. I, 4 Stunden, Sonntags und Mittwochs 8—10 Uhr. 2. Talmud stat. Gittin Kap. IV, 4 Stunden, Montags und Donnerstags 10—12 Uhr. 3. Jo re Dea Kap. 110 ff., 2 Stunden, Montags und Donnerstags 12—1 Uhr. 4. Men Ha-Ezer Kap. 17,1 Stunde, Dienstags 10—11 Uhr. 5. Einleitung in den Talmud, 1 Stunde, Dienstags 9—10 Uhr. 6. Privatissimum: Maimonides, Mischne Tora, II. Buch, 2 Stunden, Sonnabends 11—1 Uhr. - 22 Berlin, 14. August. Die freie israelitische Vereinigung, die am 22. Juni hier in den Räumen der B. B. Loge tagte, versendet soeben die programmatische Erklärung, die der Vorsitzende Gustav Tuch vor Eintritt in die Tagesordnung abgegeben und in der es u. A. heißt: „Die freie israelitische Vereinigung soll dazu dienen, die in der jüdischen Religion verkündeten, in einer vieltausendjährigen Geschichte erprobten Grundsätze, insbesondere die des Menschenthums, der Liebe und der persönlichen Freiheit, zu steter und immer allgemeinerer Anerkennung zu verhelfen. Deshalb sind alle die Judenheit trennenden religiösen Meinungsverschiedenheiten von den Bestrebungen der Vereinigung ausgeschlossen. Dasjenige wird von ihr hcchgehalten, was unverbrüchlich einigt und was zur Förderung der allgemeinen Wohlfahrtinteressen beiträgt. Die freie Vereinigung will kein Verein sein, der sich Statuten auferlegt, Mitglieder und Vereinsbeamte besitzt. Sie wird sich von politischen-Bestrebungen fern halten und, als Wanderversammlung, an