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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-21 · Heft 34 (21.8.1896) · p. Seite 407

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 34 (21.8.1896)
Date
1896-08-21
Page
Seite 407 (sequence 11)
Language
German
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Andererseits hat aber die durch die drakonischen Judengesetze neugeschaffene Situation auch viele wohlhabende russische Juden nach Warschau geführt, die dort ein neues Element in das Gemeindeleben gebracht haben. Es ist charakteristisch und für Diejenigen, die diese Juden aus ihrer Heimath vertrieben, wahrhaft beschämend, wenn man hört, /daß viele, derselben, als sie nach Warschau kamen, sich weder mit den Inden noch mit den Christen verständigen konnten. Sie verstanden weder Deutsch noch Polnisch noch Jargon — sie könnten nur Russisch sprechen!! Und doch hat man sie aus Rußland Vertrieben, angeblich weil sie keine Russen seien. Innerhalb des arg zerklüfteten Warschauer Gemeindelebens bilden diese russischen Juden wieder eine ganz besondere und ziemlich abgeschlossene Enklave. Sie bauen für sich jetzt sogar eine eigene große Synagoge. Die beiden anderen Hauptrichtungen sind die fortschrittliche, welche immer mehr zurückgeht, und die chassidische, welche — wiederum Dank den Herren Jgnatieff und Pobedonoszeff — immer mehr zunimmt. Wie bei uns die Reaktion, so wächst dort der Chassidismus. Beide Strömungen haben dieselbe Quelle. Von den Verwüstungen des Chassidismus, den man in Rußland fast gar nicht, in Litthauen nur wenig kennt, dessen eigentliche Heimath aber Russisch-Polen ist, kann sich nur Der einen Begriff machen, der dieses sittliche und soziale Elend in einer kleinen Gemeinde kennen gelernt hat. In Warschau verschwindet es doch im Strom des großstädtischen Lebens; in dem kleinen polnischen Nest mit überwiegend, oft sogar mit ausschließlich jüdischer Bevölkerung tritt es in seiner ganzen Widerwärtigkeit zu Tage und erfüllt die Seele des Menschenfreundes, vor Allem des Juden mit tiefer Trauer. Etwa eine Stunde von Warschau, an der ersten Station der Petersburger Bahn, besitzt meine Familie seit langen Jahren ein Gut, in besten unmittelbarer Nahe eine kleine jüdische Gemeinde von etwa 3000 Seelen sich befindet. Dort hatte ich wiederholt und auch diesmal reichliche Gelegenheit, den Chassidismus gründlich studiren zu können. Ich muß aber noch bemerken, daß sich unter diesen 3000 Juden in der kleinen Gemeinde mindestens 2500 befinden, die heute absolut nicht wisten, wovon sie morgen leben werden. Trotzdem muffen sie einen Rabbiner und einen Rebbe, d. h. einen chaspdischen Rabbi, aushallen. Der frühere „gute Jüd" war einer der berühmtesten in Polen. Vor den hohen Festen lvallfahrteten Tausende und Abertausende dahin, um vereint mit ihm den Versöhnungstag zu. feiern. Ich habe aber auch eine chassidische Orgie am Simchat Thora dort mit angesehen, die nur ein Boccaccio oder gar ein Zola wahrheitsgetreu unb charakteristisch hätten abschildern können. . Es war derselbe chassidische Rabbi, der mir, als ich ihn zum ersten Mal besuchte, eine wahrhaft klassische Antwort auf meine Frage nach der Entstehungsgeschichte des . Chassidismus gegeben. Ich hatte das dunkle Gefühl, als ob die Darstellung, welche Grätz und Andere von den Ursachen dieser Bewegung gegeben, nicht die richtige sei. Daher meine Frage, die der Rabbi anfänglich überhaupt nicht verstand oder vielleicht auch nicht verstehen wollte. Erst als ich mich ihm verständlicher machte und ihn direkt fragte, wann nach seinem Wissen der Chassidismus angefangen und wie er sich entwickelt habe, strich er mehrere Mal über seinen ziemlich gut gepflegten, langen Bart und sagte dann bedächtig das große Wort: „Es heibt , sech nischt un. es hört sech nischt auf!" Damit war die Sache erledigt. Der jetzige „gute Jüd'" von R. erfreut sich nicht der großen Popularität, die seine großen Vorgänger genoffen. Doch gilt auch er in seinen Kreisen als großer Wunderthäter. Freilich, ein ganz klein wenig Kultur hat sogar auch er schon auf sich einwirken lasten. Ich bin in der Lage, dafür ein ebenfalls klassisches Beispiel zu geben. In diesem Sommer ist der Chassidimrabbi von R. auf die yiehr als seltsame Idee gekommen — eine Sommerwohnung zu miethen! Ich vermuthe, daß diese Neuerung bei seinen Getreuen „ein Schütteln des Kopfes" Herborgerufen haben mag. Aber schließlich, es war das Machtwort des Rebbe, und nun begab man sich auf die Suche auf den umliegenden Gütern. Unter anderen kamen die Gesandten-auch nach unserem lieblichen und hübsch gelegenen Czarna. Aber wir waren nicht in der Lage, dem frommen Manne eine seiner würdige Wohnung -anbieten zu können. Dagegen machte sie unser Verwalter auf ein anderes, gleichfalls nahegelegenes Gut aufmerksam, das sogar einem streng orthodoxen Juden gehört. Mit dieser Botschaft kamen sie nach R. Aber was erwiederte ihnen zu ihrem Schreck der fromme Rabbi, als sie ihm jenes Gut, von dem er wohl schon gehört hatte, vorschlugen? Er lehnte einfach ab mit den Worten: Eh, so e zydowski majatek! Das heißt: Eh. so ein jüdisches Gilt! In dieser Weise etwa sprechen hochmüthige, adelige Polen von einem jüdischen Grundbesitzer. Aber wenn das am.grünen Holz geschieht — Erfreulicher als in den großen und kleinen Städten sind die Zustände auf dem Lande, soweit Juden das traurige Recht haben, daselbst zu wohnen. Hier kann man mit aufrichtiger Genugthung sehen, wie geschickt und eifrig dieselben selbst den schwersten Arbeiten obliegen. Auf unserem Gute ist der Verwalter ein praktischer Agronom, der eine jüdische Ackerbauschule — ich glaube in Odessa — besucht hat. Der Milchpächter ist ein Jude, der Pächter des Obstgartens ebenfalls, der Schmied im Dorfe gleichfalls. Ja, es giebt keine Arbeit, kein Handwerk, das sie hier nicht allsüben; auch vor dem schwersten und am wenigsten lohnenden scheuen sie nicht zurück. Juden sind Dachdecker, Steinklopfer an der Challffee, Holzflößer auf der Weichsel. Und man würde staunen, wie gering die Bedürfnisse dieser Leute sind, mit wie wenigen: sie sich zufrieden geben, welchen Muth, welche Ausdauer und Widerstandskraft diese armen Juden im Kampfe ums Dasein haben. Hierher müßte man unsere Antisemiten führen, um sie eines Besseren zu belehren — wenn sie überhaupt noch zu belehreil sind oder belehrt werden wollen. Das Bild, das mail sich bei Ulls von den armen poülischeil Juden macht, ist gemeinhin ein ganz verkehrtes. Weil man ihre Bärte kennt, glaubt man sie selbst und ihr Leben zu kennen. Aber in. diesem Leben ist mehr Kraft und Arbeit, mehr Muth und Entsagung, als sich mancher deutsche Philosoph je hat träumen lassen. Ein französischer Arzt, Dr. Maggei, hat kürzlich in den polnischen Juden, die er in den Pariser Hospitälern an Neurose zu behandeül hatte, den Ursprung der Sage' und des Typus vom ewigen Juden studirt. Jll der That, wenn man den Wandertrieb, die Geschäftigkeit und nervöse Aufgeregtheit dieser Menschen hier an Ort und Stelle genauer kennell lernt, niöchte die Sache gar nicht so ungeheuerlich erscheinen. Der Frenide, der in ein, überwiegend oder ausschließlich voll Juden bewohntes polnisches Dorf oder Städtchen eintritt, hat ganz den Eindruck, als störte er einen Ameisenhaufen bei seiner vollen Arbeit auf. So wäre es ohne Zweifel eine dankbare Aufgabe für einen großen, mit psychologischem Scharfblick begabten Schriftsteller, dieses Leben in seiner Eigenart, mit all' seinen Vorzügen und Auswüchsen, wahrhaftig zu schildern. Diese Aufgabe habe ich mir hier allerdings nicht gestellt, auch -nicht stellen können, da ich. ihr nicht, im Entferntesten gewachsen wäre. Ich breche daher meine Schilderung für heute ab und bitte meine Leser, mir ein nächstes Mal auf meinen Wanderzügen durch Rußland bis nach Nischni-Nowgorod zu folgen. G. K. SS

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