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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-21 · Heft 34 (21.8.1896) · p. Seite 406

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 34 (21.8.1896)
Date
1896-08-21
Page
Seite 406 (sequence 10)
Language
German
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- Jetzt erst, nachdem Rachel in die Küche gegangen war, richtete er ein Wort an Anschel. i,Hör' einmal, Anschel," sagte er, „was hat Mordche gesagM „Er hat geschworen, er weiß von nichts und wie sie haben wollen mit Gewalt von ihm etwas herausbringen, hat er gescherzt und gesagt, er hat Euch Geld geborgt, aber wen mann hätte unker ihm Feuer gemacht," setzte er im Tone aufrichtiger Bewunderung hinzu, „wäre auch nicht mehr aus ihm herauszubringen gewesen." Reb Rephoel war eigentlich in seinem Innern verdrießlich darüber, daß der Wächter eine solche vornehme Gesinnung an den Tag gelegt hatte. Er hätte es lieber gesehen, wenn der von ihm Beleidigte durch eine gehässige oder gemeine Redensart sich die verächtliche Behandlung verdient hätte, welche ihm zutheil geworden war, aber sein Gerechtigkeitssinn zwang ihm doch die Aeußerung ab: „Mordche ist der erste Amhorez, den ich getroffen habe, von dem man sagen kann, er ist ein Jüd." Anschel wandte sich, uni zu gehen, als ihn Reb Rephoel zurückries: „Eine Sache habe ich vergeffen, — ich wollte es eigentlich schon vor Jom-Kippur sagen, — Wolle wird jetzt infolge der polnischen Revolution steigen. Kaufe, was Du kannst, um einen halben Gulden höher als vor dem Markt." „Und wenn Jossele Parech noch mehr giebt, was dann?" „Was andere Leute thun, geht mich nichts an," sagte Reb Rephoel stolz. „Wenn Du etwas besonders Schönes siehst, kannst Du mir ein Muster bringen.oder den Verkäufer hereinschicken. Du sollst deswegen nicht zu kurz kommen." „Soll ich so eine Sorge, haben um Parnosse, wie mir das Kummer macht," war Anschels schmeichelnde Antwort, „a gute Nacht." „Wart ein Weilchen," rief ihm Reb Rephoel nach. „Wenn Du nächstens nach Wittau gehst, halte Dich in der Fabrik von Baron Kölike auf, gehe zum Buchhalter und sage ihm, Raphael Kohen schickt Dich. Sie haben dort öfters alte Maschinen zu verkaufen. Wenn Du kein Geld hast, soll er mir nur schreiben; bis fünfzig Gulden stehe ich gut." Anschel eilte vergügt nach Hause. Das eifrige Bieten auf die Alijeh und das Erzählen der Neuigkeiten hatte ihm doch einen positiven Erfolg gebracht. Er wußte nicht, wie die Leute Reb Rephoel für stolz ausschreien können. Anschel kann sich ihn um den Finger wickeln. Fortsetzung folgt.) Non der Neise. i. uch in diesem Jahre mache ich von der gütigen Erlaubniß Gebrauch, die mir unsere Leser nun einmal gegeben haben, ihnen von meiner Sommerreise erzählen zu dürfen. Allerdings sind es diesmal keine Karlsbader Badewitze, die ich ihnen mitzutheilen habe, dafür aber um desto wichtigere Mittheilungen über das Leben und Leiden unserer Glaubensgenoffen — im großen Zarenreiche, das ich diesmal von Warschau bis Nischni-Nowgorod auf der einen und von Moskau bis Kertsch auf der andern Seite in den letzten Wochen durchreist habe. „Wie sind Sie hineingekomnien?" „Haben Sie dort keine Unannehmlichkeiten gehabt?" Diese beiden Fragen, die jetzt so oft an mich gerichtet werden und die sicher auch viele Leser gestellt hätten, will ich vor Allem beantworten, so ungern ich auch mit persönlichen Angelegenheiten vor das Lesepublikum trete. - Wenn man mit einer offiziellen Einladung der Regierung, .mit einem Freifahrtschein erster Klaffe für alle Eisenbahnen und Dampfschiffe Rußlands und mit denbesten Empfehlungen reist, so hat man auch als'Jude keine Unannehmlichkeiten dort zu befürchten. Ich brauche aber wohl nicht erst hervorzuheben, daß all diese Begünstigungen nicht dem Redakteur der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" galten. Jndeß — ich habe meine Reise durch das ganze Land ohne jede Fährniß beendigt, ich bin überall mit de?' größten Zuvorkommenheit, ja meist mit einer Liebenswürdigkeit aus genommen worden, die man wirklich nur in Rußland findet, — und das fordert immer den Dank heraus. Gleichwohl möchte ich es aber doch nicht unterlassen, zu bemerken, daß ich bei all diesen Vergünstigungen, und Gefälligkeiten, bei all dieser Zuvorkommenheit und Liebenswürdigkeit nie ein peinliches, ja drückendes Gefühl habe loswerden können, das meine Leser sicher nur zu gut begreifen werden. Der Gedanke, in einem Lande, das meine Glaubensgenoffen ausweist oder zurücksetzt, frei und ungehindert reisen zu dürfen, hat gewiß etwas Bedrückendes. Vielleicht wären Andere mit praktischen Erwägungen darüber hinausgekommen; ich muß gestehen, daß ich dieses Gefühl von. dem Momente, da ich in Alexandrowo die Grenze überschritten, bis zu dem Momente, da ich in Thorn wieder deutsches Land sah, nicht einen Augenblick habe loswerden können. Es ist natürlich, daß mich die Lage unserer Glaubensbrüder in Polen und Rußland vor Allem interessirt und mehr als alles Andere beschäftigt hat. Ich habe mir durch Unterredungen mit hervorragenden Männern in den verschiedensten Theilen des Landes ein Bild dieser Lage zu verschaffen gesucht — und werde am Schluß -dieser anspruchslosen Reiseskizzen meine Beobachtungen und Erfahrungen mittheilen. Zunächst will ich aber einige flüchtige Reisemomente fixiren, die für meine Leser von besonderem Interesse sein dürften. Ich werde mit Warschau beginnen, in Nischni-Nowgorod Station machen und mit der Krim abschließend; * Dank dem edlen Grafen Jgnatieff und seinen drakonischen Maßregeln konzentrirt sich heute fast das ganze russische Judenthum in Warschau und Wilna. Man schätzt die jüdische Bevölkerung in Warschau auf etwa 200 000 Seelen. Es ist also die größte Gemeinde der Welt, ja vielleicht die größte, die seit der Zerstörung Jerusalems überhaupt existirt hat. Naturgemäß kann in einer solchen Gemeinde keine Einheit oder Einigkeit herrschen. Aber eine solche Zerfahrenheit, wie sie thatsächlich in Warschau herrscht, brauchte selbst in dem Herzel'schen Staate nicht zu existiren! , Es fehlt an einem geistlichen und, seit dem Tode des Dr. Ludwig Nathanson, auch an einem weltlichen Führer. Als vor einigen Wochen die Gemeinde aufgefordert wurde, ihren Rabbiner , als Mitglied der Deputation zur Krönung nach Moskau zu schicken, mußte sie einen braven, alten Dajan entsenden, den Jeder kennt und schätzt, dem aber selbst seine besten Freunde eine offizielle Mission nicht anvertraut hätten. Man denkt mit Schrecken an die Möglichkeit, daß der Zar an den braben Judge Segal, der nun auch mit einem Orden geschmückt heimgekehrt ist, irgend eine Frage gerichtet hätte.. Noch schlimmer.ist die ökonomische Lage der in ihr Ghetto zusammengedrängten armen polnischen Juden. Von dieser Armuth, von solcher Noth und solchem Elend kann man sich bei uns wirklich keine Vorstellung machen.- Was man in den Armenvierteln von London'und Neapel sieht, bleibt weit zurück hinter diesem entsetzlichen Elend. Die Existenz dieser Menschen ist für sie und für die Anderen ein großes Fragezeichen. Und doch — sie leben und preisen Gott auch für dieses Leben. —*—‘r m

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