Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-21 · Heft 34 (21.8.1896) · p. Seite 405

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 34 (21.8.1896)
Date
1896-08-21
Page
Seite 405 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228183--53047-3258704
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

bringen, die man in diesen Kreisen erlangen. konnte. Aber selbst Ha sträubte. sich, Reb Rephoels aristokratische Natur dagegen, Interesse au dem Stadtklatsch zu verrathen. ' , Er saß, wie es gerade kam, über seinen talmudischen Werken oder seinen -Geschäftsbüchern, blickte-, selten auf und machte noch seltener eine Bemerkung, wenn Anschel, wie das meistens der Fall war, seine Neuigkeitsschätze vor Frau Rachel ausbreitete. So wartete er auch diesmal, bis. Rachel erscheinen konnte, die zuerst die Magd beim Geschirrwaschen zu überwachen hatte, damit das Silberzeug von zu vielem Reiben nicht Schaden leide, dann mußte Reb Rephoels Kittel und Kittelhäubel') und die Filzpantoffeln, schließlich ihr weißes Kleid, Tuch und Spitzenhaube an den ihnen bestimmten Ort gebracht werden. Dann wurde das Fleisch für morgen ansgesalzeu — was Rachel, wie wir zu ihrer Ehre mittheilen müssen, niemals dem Dienstmädchen überließ —, und jetzt erst trat gerade eine Pause von einer vollen Stunde ein, so lange nämlich, als das Fleisch' im Salz liegen mußte, während welcher Zeit die vielgeplagte Hausfrau , von ihren schweren Pflichten sich erholen konnte. Anschel hatte, ohne das leiseste Zeichen von Ungeduld zu verrathen, gewartet, bis Frau Rachel eiutrat. Nach gegenseitiger Beglückwünschung war natürlich Rachels erste Frage: „Was ist Neues, Anschel?" „Nicht viel," war die Antwort. Das war ein Signalschuß, der die Eröffnung der Schlacht anzeigte. „Bon dem Jossele Parech habt Ihr doch gehört? Er untersteht sich zu sagen: „Reb Rephoel wird nicht mehr lange mit Woll' handeln." Ich habe ihm aber heute gewiesen und werde es ihm noch ausdrücklich sagen, wenn er in meine Dörfer gehen will. Wolle kaufen, soll er sich nur gleich ein Säckel mitbriugen, daß er sich seine „Beiner" nach Hause tragen kann." Reb Rephoel, sehr angenehm berührt von der Treue seines Klienten, sagte iü sanft abwehrendem Tone: „Müßt Ihr denn gleich nach Jom-Kippur wieder Loschen Horre^) reden?" „Was wahr ist, ist kein Loschen Horre," war Anschels Antwort. „Ihr wißt nicht, was Ihr für schlechte Freunde habt, Reb Rephoel. Ihr sitzt zu Hause in Euerem Geschäft und hört nicht, was die Leute reden. Unsereiner wird aber mehr gewahr." Reb Rephoel studirte wieder über dem buckligen Ethrog und dem gestohlenen Lulab, ohne auch nur durch die leiseste Miene sein Interesse an den geäußerten Worten zu verrathen. Im Gegentheil, er stand auf und sagte in seinem summenden Tone: „Laß mal sehen, ob der ,,Meharschal"°) etwas sagt," holte das Buch aus dem vergitterten und innen mit grünen Vorhängen verdeckten Schranke und war offenbar ganz darin vertieft.. Desto unverhüllter trat Rachels Interesse zu Tage. „Warum," sagte sie, „was ist vorgegangen?" „Was liegt Euch an den Leuten, was habt Ihr auf sie zu geben?" erwiederte Anschel, um die Neugier seines Auditoriums höher zu spannen. „Ich mach mir gar nichts daraus, es liegt mir auf „stagelgrün", aber wiffen möchte ich es gerne." In dem letzten Theile hatte Frau Rachel jedenfalls die volle Wahrheit gesagt. „Ihr gebt mir aber Euer Wort, daß Ihr nicht „broges"4) sein werdet," sagte jetzt wieder Anschel. mehr um Rachels Neugier zu spannen/ als aus wirklicher Besorgniß. „Kindische Person, was kannst Du dafür?" Nun begann Anschel auszukramen-, er erzählte nicht nur, was die Leute gesagt hatten, sondern noch etwas mehr. Getreulich bell Sterbehemds 2) Klatsch. 8) Glossen zum Talmud aus dem 16. Jahrhundert. 4) Böse. richtete er. daß Loser gesagt habe, Reb Rephoel sei ein „Achsor", und nur um den Eindruck zu erhöhen, setzte er hinzu, Loser habe gesagt, „mau soll die Erd' schaufeln unter ihm, wie er geht". Ebenso erzählte dr von der abfälligen Kritik über Reb Rephoels Generosität, immer die Wahrheit durch einige - Pinselstriche in helleres Licht fetzend. Am längsten verweilte er bei den Diskussionen der Leute über den räthselhaften „Mischeberach" für Mordche Wächter, indem er neben den -Konjekturen, die er wirkich hehört hatte, auch seine eigenen zum besten gab, welche er anderen Leuten in den Mund legte. Del: Trumpf sparte er sich für zuletzt. . „Wißt Ihr, was noch Einer gesagt hat, — ich will nicht sagen, wer er war —Nein, es ist zu dumm und zu schlecht, nch erzähle eslieber gar nicht. Ich Hab'aber es ihnen gegeben, sie werden sich hüten, so ein Wort wieder in den Mund zu nehmen." „Nu, was war das?" rief Frau Rachel, aufs Höchste gespannt. „Was ist Euch gelegen?" war Anschels Antwort. „Du weißt, was mir daran liegt, was die Chaklöß*) reden, aber wissen möchte ich es." " „Nun, wenn Ihr es wissen wollt, sag' ich's. Einer hat gesagt, Ihr wollt, Maier Neudorfs Sohn soll Fannyu nehnien, und Mordche soll Schadchen sein." „Wer hat das gesagt?" schrie Rachel in höchster Aufregung. „Nun, wenn Ihr es wissen wollt, ich will kein „Holech Rochil"2) sein," sagte Anschel mit einem Tone, als stände er unter dem Zeugnißzwange, „Loser hat es gesägt." Rachel, die eben behauptet hatte, daß sie sich um den Pöbel nicht bekümmere, war außer sich. Ihre Fanny, ein Mädchen, um besten Besitz sich jeder Prinz glücklich schätzen könnte, soll so einen Baüern heirathen; nicht, wenn er bis' an den Hals in Gold sitzen würde. Daran sehe man erst, wie schlecht die Leute seien. Am besten, man weiche ’ ihnen aus. Aber der Loser soll das büßen. . „Du, Reb Rephoel," schrie sie — es war immer ein Zeichen höchster Erregung, wenn sie ihrem Gatten das Prädikat „Reb" gab — „gleich schreibst. Du einen Brief an den Advokaten, er soll Loser auf die Bezahlung seiner Schuld verklagen, das Häusel muß er ihm verkaufen, und in die „Schlafstatt"3) muß er, der Lump, der schlechte Mensch, — ich wollt', ich hätte ihn jetzt unter den Händen." „Rachel, mein Kind," sagte Reb Rephoel mit voller Ruhe. „Ich denke, es.ist schon jetzt eine Stunde, seit Du das Fleisch ausgesalzen hast; es wird schon Zeit sein, es abzuspülen. Du weißt, es ist nicht gesund für mich, so ausgesogenes Fleisch zu essen." „Sieh Dir an, das hätte ich richtig vergessen," sagte Rachel, „so muß man sich jachten,4) daß man nicht weiß, was man thut." Reb Rephoel hatte indessen während des ganzen Gespräches nicht durch die leiseste Miene zu erkennen gegeben, daß er an etwas, anderes als an den kugelrunden oder plattgedrückten Ethrog denke; er hatte den Meharschal in den Schrank zurückgestellt und den Alfassib) herausgenommen; aber Rabbi Nissimb) schien an dem plattgedrückten Ethrog gerade so wenig Anstoß zu nehmen,, als Nikolaus Kopernikus, nnb was „der Herr des Lichtes"7) über dies< Frage zu sagen hatte, war eher dunkel als hell, doch war Reb Rephoel weniger bei. diesen für unser Seelenheil so wichtigen Themen, als bei Anschels ($r5örjluitgen, obwohl es seiner Würde als „Lamden"^ ganz unangemessen war, irgend ein Interesse an diesem „leeren Gewäsche" zu verrathen. .! i) Pöbel. 2) Geschichtenträger. 3) Armenhaus. 4) Aergern. 6) Auszug aus dem Talmud. 3) Kommentarzu Alfassi. 7) Glossen zu Alfassi von Serachja Ha-Levi. 8) Gelehrter.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.