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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-21 · Heft 34 (21.8.1896) · p. Seite 404

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 34 (21.8.1896)
Date
1896-08-21
Page
Seite 404 (sequence 8)
Language
German
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404 Jahrhunderts befreit gewesen zu sein. Wie Karl Koppmann iii;* seiner nur auf Urkunden beruhenden Arbeit „Die Juden in Dortmund".{ erwähnt, sind wir nur mangelhaft unterrichtet. „Zur Zeit der Ver-,.. treibung" hatte sich, wie Dortmunder Chronisten mittheilen, der, Rath der von dm Juden: zurückgelastenen Habe bemächtigt. Der- Erzbischof von Köln hatte deshalb über den, Rath und die Stadts-., gemeinde,die:Exkou,munikation verhängt, hob dieselbe aber am 8. Mai s 1354 wieder auf. Die, nach der Vertreibung neu sich ansiedelnden Juden scheinen, zu Anfang nicht gleiches Recht gehabt zu haben. — Der Rath der Stadt benahm sich schwankend, je nach den Zeit- , umständen. Dem Schutzbrief des Erzbischofs Konrad vom Jahre 1250 hatte er das Stadtsiegel, beigefügt und die Bestimmung ge-, troffen, daß zwei Rathsmänner als Zeugen zugegen sein sollten, wenn dem Schultheiß das Schutzgeld bezahlt wurde. Diese Bestimmung sollte auch einen Schutz gegen willkürliche Steuererhebungen bieten, an denen es niemals fehlte. Ludwig der Baier schreibt an die Stadt, er habe von den Juden Steuern und Geldunterstützung empfangen oder wolle sie empfangen, und schickte deshalb einen eigenen Abgesandten nach Dortmund. Daß die Juden daselbst von ihm dem Grafen von der Mark verpfändet seien, solle der Erhebung, nicht im Wege stehen. Der Schutzbrief des Grafen Engelbert von der Mark vom 20. September 1372 bestimmte, daß die Juden in der Grafschaft Dortmund leben, Geld zu Wucher austhun und dasselbe vor seinen Gerichten einfordern könnten. Der Wucher ist auch... hier, wie .in der ganzen mittelalterlichen Geschichte des jüdischen Volkes, das Mittel, .um die Citrone bester und vielseitiger auspressen zu können. Der von Ludwig dem Baier eingeführte „goldene Opfer-^ Pfennig" scheint von den Dortmunder Juden erst durch Ruprecht? von der Pfalz verlangt worden zu sein. Die Dortmunder. Juden widersetzten sich der Erhebung mit vollem Recht, denn derselbe Ludwig der Baier hatte ihnen vormals zugesichert, „in Zukunft wolle er nichts von den dem Grafen von der Mark verpfändeten Juden begehren". Da sie jetzt nicht zahlten, ließ sie der König durch den Grafen Emicho von Leiningen vor. das Hofgericht laden, und als sie der^ Ladung dreimal nicht Folge geleistet, am 12. November 1403.. die Reichsacht über die Dortmunder Juden verhängen. Der König hatte, wie mehrfach urkundlich beglaubigt ist, am 25. Januar desselben Jahres, die Juden Elias von Weinheim und Isaak von Oppenheim mit Einziehung dieser Extrasteuer von der. ganzen Jüdischheit beauftragt. Der eigentliche Pfandbesitzer hatte, ein Interesse daran, jeder Auflegung neuer.Lasten auf seine Juden entgegenzutreten. Herzog Adolph von Cleve wandte sich wegen Aufhebung der über die Dortmunder Juden verhängten Reichsacht an den Kaiser. '" v > Erst am 24. September 1405 wurde die Judengemeinde aus der Acht entlassen und blieb auch später von den gewaltsamen Maßregeln, welche anderwärts die Geldgier der Großen über die Juden verhängte, verschont. Ihre Geschichte ist ein Lichtblick inmitte,! der Finsterniß des Mittelalters. In neuerer Zeit hat sich in Dortmund eine stattliche Gemeinde gebildet, die unter der Leitung trefflicher Führer ihre Institutionen nach jeder Richtung hin in einer Weise ausbaut, welche dem modernen Judenthum zur Ehre gereicht. 3lud^ ein Sittevatiirberein befielt bafelbft mit mehr als 160 Mitgliedern. Möge sich die neu aufblühende Gemeinde in ihren religiösen Fortschritten durch die reaktionären Bestrebungen einzelner Heißsporne nicht beirren lasten. - -II ^.- 1 N K FEUILLETON | *! i—*■— -— 1-1 i— Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. ,! (Fortsetzung.) Sechstes Kapitel. Der Stadtklatsch. «eb Rephoel ging langsam nach Hause, obwohl er sich sehr matt fühlte, denn er hatte den ganzen Tag sich nicht niedergesetzß. und die Synagoge nicht verlassen, aber Eile und Aeußerung von Hungergefühl wären plebejisch, sie waren das charakteristische Kennzeichen Esaus, der Typus der Rohheit und Gottlosigkeit. Mit einem „gut' Woch'" trat er in die Stube, küßte seine Rachel und wünschte ihr, sich alles Gute ausgebeten zu haben, dann segnete er seine Kinder; auf Fannys Haupt seine Hände legend, sagte er: „Möge Gott Dich werden lasten wie Sarah, Rebbekah, Rachel und Leah;" zu Max sagte er: „Möge Gott Dich werden lasten wie Ephraim und Manaste." Dann zündete er das aus vier bunten Kerzen geflochtene Wachslicht an, sprach den Segen über die kommende Woche und trank einen Schluck Wein, die erste Nahrung, die seit sechsundzwanzig Stunden über seine Lippen gekommen war. Hierauf ging er mit dem Reste des Jom Kippur- Lichts in die Laubhütte, um dort einen Nägel zu befestigen, denn man soll nach altem Brauche „von That zu That" gehen; dann erst durfte er sich mit ruhigem Gewissen zu Tische setzen. Reb Rephoel, der von schwacher Konstitution war, aß sehr wenig und ging nach aufgehobener Mahlzeit sofort in sein Komptoir, das ihm zugleich als Studier- und Empfangszimmer diente, wo er aus dem talmudischen Traktate Sukkah die Frage studierte, ob man mit einem gestohlenen, einem kugelrunden, einem blattnarbigen oder plattgedrückten Eßrog seine Pflicht erfüllen könne. Er hatte nur eine kleine Weile so gesessen, als Anschel mit der brennenden Pfeife im Munde eintrat. „Gut' Woch', Reb Rephoel, Ihr sollt Euch alles Gute ausgebeten haben." „Dir das Gleiche," antwortete Reb Rephoel in demselben singenden Tone, mit welchen, er aus dem Talmud lernte. Anschel setzte sich auf einen Ladentisch, einen Fuß ausidie davorstehende Bank stützend, während der andere in der Luft baumelte, ohne daß Reb Rephoel daran Anstoß genommen hätte, denn so groß auch der soziale Abstand zwischen den Männern war, und so entschieden auch das Bewußtsein davon in Anschels Innerem feststand, in dem äußeren Verkehr . hätte das Niemand wahrgenommen. Anschel kam und ging zu jeder Tageszeit; Anklopfen und Hutabnehmen war noch absolut unbekannt, und Reb Rephoel hätte es sehr übel genommen, wenn Jemand beim Eintritte in.sein Haus den Hut abgelegt hätte. Das war ein Privilegium, welches nur dem Doktor zustand. Uebrigens war' Anschel für Reb Rephoel, was heutzutage ein Lokalblatt ist. Der gelehrte Magnat ging weder in die koschere Weinstube, noch in die gastfreien Häuser, wo man sich die Zeit mit Kartenspielen vertrieb, er stellte sich nicht ins „Rädel" und „schmußte" nicht in Schul. Darum mußte Anschel ihm alle Information

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