Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1896)
- Date
- 1896-08-21
- Page
- Seite 401 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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zu machen. Wird angenommen. Zugleich erbietet sich Herr Dr. Löb, dahin wirken zu wollen, daß eine baldige Bearbeitung des „Lehrbuches der israelitischen Religion" von Dr. B. H. Auerbach (Verlag Gießen, Roth) für jüdische Volksschulen erfolge. Als Handbücher 'zur Vorbereitung für den Lehrer wurden empfohlen: Amude Gola von Stern und das genannte Lehrbuch von Dr. B. H. Auerbach. Schließlich wird noch Herr Dr. Mannheimer seitens' der Konferenz gebeten, sein Manuskript über Einführung in die Liturgie durch Drucklegung weiteren Kreisen zugänglich zu machen. Die Wahl der in Vorschlag gebrachten Kommission fällt auf die Herren Dr. Löb, den Vorsitzenden, sowie auf die Kollegen Selig, Apt und Löwenstein. Um 12 Uhr beschließt die Versammlung, sich auf eine Stunde zu vertagen, um ein Gabelfrühstück einzunehmen. Nach Beendigung der Pause wird zunächst festgesetzt: 1. Es bleibt dem Vorsitzenden im Verein mit den Herren. Landrabbinern überlassen, die nächstjährigen Konferenztage anzuberaumen. 2. Als Konferenzort kommt in erster Linie Norden in Betracht, in zweiter Emden, wenn sich nämlich die Abhaltung der Konferenz in erstgenannter Stadt nicht ermöglichen läßt. Darauf werden die bisherigen Vorstandsmitglieder Levy-Norden, Löwenftein-Jever, Wolff-Aurich durch Zuruf wiedergewählt. Als Themata fürs nächste Jahr wurden bestimmt: 1. Inwieweit läßt sich das Gebetbuch beim systematischen Religionsunterricht aus der Oberstufe verwerthen? Referent Gottschalk-Esens. — 2. Ist im Deutschen ein besonders grammatischer Unterricht erforderlich, oder soll sich derselbe an die Behandlung des Lesestückes anschließend Referent Klein-Lingen, der auch die dazu gehörende Lehrprobe übernimmt. Nun erhält Herr Landrabbiner Dr. Löb das Wort zu feinem Vortrag: „Ueber den Trauritus". In höchst anziehender Weise verbreitete sich der Redner über die gesetzlichen Bestimmungen bei der Vorbereitung und der Vornahme des religiösen Trauaktes seitens des Trauenden an Hand des Llsir enajim von Rapaport (Amsterdam 1855), ein Buch, das warm empfohlen wurde< Durch zwischengestreute Fragen und Anfragen wurden die Zuhörer stets zum Denken angeregt, so daß der Dank, den der Vorsitzende dem Redner darbrachte, durch Erheben von den Sitzen allseitig gerrt gespendet wurde. Für die freien Besprechungen blieb wenig Zeit. Das Wichtigste bei denselben war ein Antrag deß Unterzeichneten, die Bildung eines Wittwen- und Waisenraths für die Mitglieder der Konferenz. Die Begründung dieses Antrages war so überzeugend, daß man die Wahl, die auf den Vorsitzenden und Unterzeichneten, sowie auf die Kollegen Frankenstein und Strauß fiel, sofort vornahm. Nach den üblichen Dankesworten für unsichtige Leitung und Geschäftsführung schloß der Vorsitzende gegen 5 Uhr die Verhandlungen mit dem Wunsche, daß diese manche Anregung für die hehre Arbeit in der stillen Werkstätte der Schulstube gegeben haben und wir uns im nächsten Jahre gesund und froh Wiedersehen mögen. Der Schriftführer: B. Wolfs. Der französische Antisemitismus. Von O. Neuschotz de Jassy.- Paris, im August 1896. ftt keinem Lande des Kontinents trägt der Antisemitismus ein fadenscheinigeres Gewand und nirgend lugt die Verworfenheit seiner Vertreter und das banale Interesse der intellektuellen Urheber so augenfällig hervor, wie in Frankreich und zumeist in der Lutetia. Diese Thatsache bestätigt nun einmal noch Bernard Lazare, der bekannte Verfasser des „l’antisemitisme, son histoire et ses causes“, in einer gegen den Antisemitismus gerichteten Broschüre, die seine in den letzten Wochen im „Voltaire" erschienenen Artikel wiederbringt und die Geschichte einer Polemik zwischen ihm und Edouard Drumont ist. . , Veranlassung zu dieser für uns um so interessanteren Polemik, als wir durch dieselbe den Antisemitismus in Frankreich von einer neuen Lichtseite zu sehen bekommen, gab der von Emile Zola im „Figaro" erschienene, sehr wacker gehaltene Artikel ^ponr les Juifs“ (l6. Mai d. I.), dessen Sie ja auch erwährrteu und in dem sich der berühmte Verfasser des „Germinal" wie folgt äußerte: - „Mit Staunen und immer mehr wachsendem Ekel verfolge ich den seit einigen Jahren gegen die Juden in Szene gesetzten Feldzug, der mir ebenso sinnlos als wahrheitswidrig und gerechtlos erscheint. Die ibn führen, sind ebenso dumm als blind. Sie werfen uns um einige Jahrhunderte zurück und führen uns zu einer der schlimmsten Scheußlichkeiten, zu einer religiösen Verfolgung, welche sämmtliche Staaten blutig zu färben geeignet ist. Dies zu sagen, erachte ich für meine Pflicht." Der Name der Verfassers und die mit Wucht vertheilten Hiebe mußten Natürlicherweiser einen Kampfhahn, wie den Direktor der „Libre Parole", aus dem Häuschen jagen. Drumont antwortete. Und um Zola am Zeuge zu sticken — Argumente kennt Drumont nicht, dafür aber Injurien, wie alle seine Mitkämpfer — stellte er ihm Bernard Lazare gegenüber, der, wenn auch Jude, ein viel gefährlicherer und feinerer Gegner sei als der große Naturalist. — Diese Anerkennung Lazare's sollte dem Direktor der „Libre Parole" theuer zu stehen kommen. Seit lange schon hatte Lazare den Vertreter des „Kulturkampfes" zu einer programmatischen Erklärung der etwas dunklen Doktrin gedrängt, ohne jedoch etwas Entscheidendes zu Gesicht zu bekommen. Drumont wußte jede ernstere Frage wohlweislich zu umgehen. Aber in seiner Erwiederung auf den Artikel Zolas gab er folgende Erklärung ab: „Die Antisemiten, sagte der Verfasser der „Kranes juive“, haben es sich zud Aufgabe gemacht, die von den jüdischen Aufkäufern vernichteten, von den Unternehmern der Abzahlungsgeschäfte.ausgebeuteten und von schamlosen Freibeutern ihrer Ersparnisse beraubten Arbeiter zu befreien." Diese Erklärung, diese Synthese der antisemitischen Doktrin, war der Ausgangspunkt zu der Polemik, aus der Lazare, und' mit ihm die gerechte Sache, siegreich hervorging. Es würde uns weit führen, wollten wir den Wortlaut der Lazare'schen Argumente wiedergebeu. Ich kann aber nicht umhin, einen Satz des geistvollen Schriftstellers zu bringen, der die Thesis der ganzen Broschüre ist und wie ein rother Faden durch die ganze Polemik läuft. „Wie?" ruft Bernard Lazare in den Spalten des „Voltaire" aus, „wie Drumont?" das ist Alles? Deshalb so viele Bücher und Artikel? Blos um die jüdischen Abzahlungsgeschäfte zu unterdrücken? Und was geschieht mit den christlichen, auf denselben Prinzipien beruhenden Abzahlungsgeschäften? Was machen Sie aus den christlichen Aufkäufern, Unternehmern und Ausbeutern! Wollen Sie auch diese unterdrücken? Warum sind Sie denn Antisemit? Sie wollen sie behalten? Dann wird Ihre Soziologie eine ganz untergeordnete." Und nun, auf dieses Dilemma, kommt der Wuchtschlag auf die empfindlichste Wundstelle des Antisemitismus. ' „Glauben Sie," fährt Lazare in seinem Jnquisitorium fort, „daß die Arbeiter-Frankreichs, deren Loos Sie so viel beschäftigt, glücklicher sein werden unter den Industriellen, welche ihre Geschäfte von den „Mtre Dame cts rUsine“ patroniren lassen? Sagen Sie mir doch einmal Ihre Meinung über das christliche Kapital? Sagen Sie mir vor allem, in aller Aufrichtigkeit, ob es Ihnen unbekannt ist, daß der Antisemitismus einzig und allein den Interessen der katholischen Kapitalisten dient und daß das Loos des Proletariats die letzte seiner Sorgen ist?" ' Die Fragen Herrn Lazares waren zu direkt und zu indiskret, als daß Drumont auf dieselben mit derselben Präzision antworten mochte. Er suchte denn, wie dies in seinen Gepflogenheiten ist, die "Frage auch diesmal zu umgehen. Und er umging sie. Aber der . Schlag hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Drumont ward als das gebrandmarkt, was er ist und seit vielen Jahren ist: das bezahlte Instrument der katholischen Industriellen. Der Antisemitismus 'in Frankreich hat somit einen rein spekulativen Charakter, und ihm