Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1896)
- Date
- 1896-08-21
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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398 appelliren. Der Bedürftigkeit und Armuth kann man allerdings in dieser Beziehung keine Gesetze' und Formen vorschreiben. Wohl aber r kann man den Wohlthätigkeitssinn in bestimmte Bahnen und zu vernünftigen Zielen lenken, wodurch sich dann das richtige Verhältnis; von selbst Herausstellen wird. Der Wohlthätigkeit sollen keine Schranken gesetzt werden, und das jüdische Herz wird immer und überall für jedes Erdenleid warm und theilnahmsvoll schlagen. Aber gerade darum soll man sich auch hüten, an dieses Herz gar zu oft und bei jedem Anlässe zu appelliren, um nicht schließlich die Wirkung eines berechtigten Appells in Frage zu stellen, wie sich dies leider in den letzten Jahren wiederholt gezeigt hat. Eine der schlimmsten Folgen des erhöhten und oft unberechtigten Sammeleifers ist aber die-leider nicht wegzuleugnende Thatsache, daß es nicht immer die würdigsten und bedürftigsten Anstalten oder auch Menschen sind, die die allgemeine Lheilnahme unserer Glaubensgenossen finden. Wer es besser versteht, an die Barmherzigkeit zu appelliren, wer die Saiten des Herzens stärker zu rühren weiß, der - trägt bei diesem Wettlauf den Sieg davon. Der Jude ist von Natur enthusiastisch; er ist für jede große Idee, für jedes edle Werk zu' interessiren, wenn mcm es nur versteht, das Feuer dieses Enthusiasmus zu entflammen. Immer haben die Juden, wie schon ein alter Weiser im Talmud sagte, „Gold zur Genüge für das Heiligthum des Ewigen und für die Anfertigung des Kalbes gehabt." Wie sie für Beides in alten Tagen mit derselben Bereitwilligkeit gespendet,' so unterstützen.sie noch heute mit derselben Freigebigkeit die erhabensten - Werke der. Menschenliebe wie jene Institutionen, deren letzter Zweck gar oft die Vernichtung ihres religiösen Bekenntnisses ist oder die Förderung von Zielen, welchedarauf hinausgehen,, ihre eigene - Existenz zu vernichten. Die Barmherzigkeitder Juden ist, wie schon ein hervorragender Forscher bemerkte, nicht blos: ein Gebot ihrer-Religion, sondern ein Erbgut' ihrer Natur. Daher entstammendenn auch die Fehler dieser'Vorzüge. Aber es ist durchaus nothwendig, daß wir uns dieser-'Fehler bewußt werden, bcimit die Vorzüge iw desto hellerem Lichte erstrahlen.- Und nun noch ein letztes Wort über dieses Kapitel. Da diejenigeii Sammlungen naturgeniäß die meiste Aussicht auf Erfolg haben; die.am wirksamsten an die Thränendrüsen zu appelliren versteheii, so ergiebt sich vonselbst das traurige Resultat, daß die Anstalten der Wissenschaft durch alle anderen Sammlungen stark in den Hintergrund gedrängt werden. Es ist dies zweifellos der dunkelste Punkt in der ganzen Wohlthätigkeitsfrage; der Punkt , zugleich, wo sich das moderne Judenthum von dem alten und mittelalterlichen am wenigsten vortheilhaft unterscheidet. Die hebräische. Sprache besitzt zwei Ausdrücke für Wohlthätigkeit: Zedokoh und Gemiluth Chassodim. Der,erstere heißt aber eigentlich: Gerechtigkeit, während der letztere dem Sinne nach vielleicht am besten zu übersetzen wäre: Hebung von Liebeswerken. Es giebt eben eine Wohlthätigkeit, , die ein Gebot der Gerechtigkeit ist. Und das ist die Förderung der Wissenschaft des Judenthums! Diese kann und wird nicht betteln gehen;' sie' wird sich nicht vordrängen und nicht mit Sammelaufrufen an eure Mildthätigkeit appelliren; denn sie wird auch leben, wenn ihrihr nichts gewährt und wenn ihr in unbegreiflicher Verblendung ' achtlos an ihr vorüberziehlt. Aberbedenket wohl, ob es einer religiösen Gemeinschaft von so hohem Alter würdig ist; ihr geistiges', Leben in dieser Weise-verfallen zu lassen und ihre großen Schätze gering zu achten, die doch'„eure Weisheit und Einsicht bilden sollten in den Augen .der Völker!" Und wenn ihr solches bedacht habet/ dann erwäget ferner, welche die richtige Form und Art der Zedokoh ist,. ob< die plan- undziellose, wie sie in: unserer- Zeit so oft geübt' wird, - die Niemandem gründlich hilft, oder die unserer Alten, die mit derselben Pietät und Menschenliebe die Zedokoh wie. das Gemiluth Chafsodim geübt und neben dem Hospital, ja sogar vor demselben das Bet Hamidrasch gebaut' haben, weil ihnen die Förderung der Lehre, der Wissenschaft des Judenthums als das höchste Liebesgebot erschien. Und-dann gehet hin und thuet desgleichen! . Die Woche. Berlin, 19. August. >(>/it der antisemitischen Bewegung geht es hier und anderwärts bergab, so lautet die herzbewegliche Klage eines antisemitischen Blattes. Und dann heißt es in demselben Klageton weiter: „Die Vorstände der Vereine wagen kaum noch Versammlungen einzuberufen. Gelder gehen so gut wie gar nicht ein; die Kassirer klagen über enorme Schulden, für die Niemand aufkommen will. Die Zeitungen laboriren; mit Mühe und Noth sind sie über Wasser zu halten. Eine Berliner Zeitung,, die für Prooinzblätter sogenannte Kopfblätter ausgiebt, kann die Ausldgen nicht eintreiben. Das Berliner Blatt hält sich dadurch schadlos, daß es Judeninserate aufnimmt. Die traurige Haltung der Antisemiten im Reichstage schlägt dem Faß den Boden aus. Es fehlt das Vertrauen. Weder die „Führer" noch die „Vertrauensleute" werden ernst genommen. Die bislang bethörten Mitläufer wollen sich nicht weiter schröpfen lassen. Die ganze Bewegung wird nur noch gehalten, damit verlotterte Existenzen Stellung behalten. In den nächsten Tagen stehen allerlei Enthüllungen bevor." Nicht minder drastisch wird der antisemitische Nothstand durch das folgende Schreiben illustrirt.- 'Streng vertraulich! Aschersleben, den 30. Juli 1896. Geehrter Parteigenosse! Um Vereinssachen von höchster Wichtigkeit zu regeln, werden Sie hiermit zu einer vertraulichen Zusammenkunft Sonnabend, den 1. August 1896, Abends punkt 9 Uhr, im Lokale Cafe Lehmann höflichst eingeladen. — Im Falle diese Versammlung den Beweis erbringen sollte, daß der größte Theil der Mitglieder theilnahmlos den Bestrebungen des Vereins gegenübersteht, werden Schritte zur Auflösung desselben gethan werden, und erhalten Sie dann seinerzeit diejenige Summe aufgegeben, die Sie zur Tilgung der unter der früheren Vereinsleitung gemachten Schulden beitragen müssen. Mit deutschem Gruße! Deutsch-soziale Reformpartei des Wahlkreises Calbe - Aschersleben. I. A.: Wünsche!, erster Schriftführer. In der antisemitischen Presse liest man sollst immer nur von der großen Begeisterung, mit der die Führer von ihrem Anhang bejubelt werden, und trotzdem müssen ihre Vereine Schulden machen 'und gerathen in Noth. Am Ende werdet! sie noch von den Juden Hilfe verlangen! Der neuernannte Kriegsminister, Generallieutenant v. Goßler, ist kein Liebling der Antisemiten, von denen er als Direktor des Allgemeinen Kriegsdepartements vielfach, namentlich bei dem berüchtigten Ahlwardtschen Judenflintenprozeß im November 1892, heftig angegriffen worden ist. Zum Dank dafür, daß General Goßler damals für die Ehre der preußischen Militärverwaltung den unerhörten Verunglimpfungen Ahlwardts und Paaschs gegenüber eintrat, machte ihn und seine Familie der selige Böckelsche „Reichsherold" zum Juden oder „Judenstümmling", eine Behauptung, die von dem älteren Bruder des Kriegsministers, dem früheren Kultusminister v. Goßler, zur Zeit ausdrücklich und ausführlich als unwahr widerlegt wurde. * : ■