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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-21 · Heft 34 (21.8.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 34 (21.8.1896)
Date
1896-08-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gm unparteiisches Organ für altes jüdische Interesse. Berlin, 21. August 1886, 60. Jahrgang. -Ar. 34. Diese Zeitung erscheint w ö ch e n t l i ch. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl'.3 M. Nedactenr! Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig phiUppson-Konn. Verlags-Expedition: Gertin, Jerulalemerflr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion. und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung des Judenthums', Berlin 8XV.. Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel: Etwas über den Sammeleifer. — Die Woche. — ■ Protokoll der zwölften Konferenz des Vereins der israelitischen Lehrer der Landrabbinatsbezirke Emden und Oldenburg. — Der französische Antiseinitismus. Von O. Neuschotz de Jassy. — Brief aus Australien. Von Rev. A. T. Chodöwski. — Eine alte Gemeinde in neuem Aufblühen. Von M. Friedeberg. — Feuilleton: Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) —Von der Reise. I. Von G. K. — Litterarische Mittheilnngen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Landsberg a. W., Aus der Provinz Posen, Wittenberg, Bremen, Hannover, Atünchen, Wien, Paris, New-Pork. — Von Nah und Fern. — Briefkasten der Redaktion. — Geschäftliche Notizen. , Etwas über den Sammeleifer. Berlin, 18. Augnst. /^^^8uter den vielen Benennungen, die man für unsere so reich bewegte Zeit vorgeschlagen .hat, dürfte sich auch die Bezeichnllng „Zeit des Sammeleifers" empfehlen. ' Mail ' sammelt aber nicht nur Münzen und Briefmarken, Steinwaffen und Gewehre, alte Drucke xtnb Stickereien, man sammelt auch Geld. Wer ill einer größeren Stadt lebt und irgendwie gesellschaftlich hervor-. ragend ist oder im Rufe der Wohlhabenheit steht, kann niemals genug geben. Man sammelt für Beerdigungsvereine, für-Waisenhäuser, für Kinderhospitäler, für Nettungsasyle, für Volksküchen, für Taubstummenanstalten, für Blindeuinstitute, für Ferienkolonien, für Feuerwehr, für Bolksbibliotheken, für Künstlerhäuser, für Schiller-, Goethe- und Lessingdenkmäler, für die Stadlverschönerung, für Bekehrung von Heidenkindern, für Besserung von Sträflingen und für eine ungezählte Menge von löblichen Zwecken. Dazu kommen hei uns Juden noch die speziell jüdischen Vereine und Wohlthätigkeitsanstalten, die Handwerkervereine, die Kurhospitäler, die armen Rabbinerswittwen, die Nothleidenden im heiligen Lande und alle die wandernden Schnorrer, die bald als brodlos gewordene Lehrer, bald als Väter heiratsfähiger Töchter, bald als Abbrändler, bald als zu Grunde gegangene Kaufleute oder als Sammler für einen Synagogenbau in Galizien uns heimsuchen. Es ist kein Wunder, wenn inan bei der Unmöglichkeit, diesem liebereifer gerecht zu werden, und bei den häufigen traurigen Erfahrungen , die'man zu. machen in die Lage kommt, oft unmuthig wird mit ein für alle Male sagt: „Jetzt ist's genug, meine Taschen bleiben zu." :v > Unter diesen Umständen müssen alle. Diejenigen, welche in. die Lage kommen, die öffentliche Wohlthätigkeit für Andere in Anspruch zn nehmen, sich fragen, ob denn der Zweck auch würdig genüge ist, um den unstreitig vorhandenen Umnuth gegen. alle Sammlungen noch zu erhöhen, und ob es. nicht gerathener wäre, das bischen Einfluß, das Man auf feine Freunde hat, für bessere Zeiten und, wichtigere Zwecke.zu sparen/ ‘ , Diese Betrachtung wurde in. uns durch den Anblick verschiedener Aufrufe der letzten Wochen, namentlich aber durch die galizischen Bettelbriefe und Schnorrer-Annoncen angeregt. „ Was zunächst die letzteren anbelangt, so ist es ja klar, daß sie nicht so oft und so ausführlich inserirh. werden würden, wenn sie nicht, sichern und positiven Gewinn brächten. Es giebt immer noch so viele sentimentale Gemüther, denen ein hundertjähriger blinder Greis oder eine nach Sibirien verbannte Familie die Thränen in die Augen treiben, obwohl beide gar nicht existiren. Das zuverlässigste Kriterium ..für die Echtheit nnd Bedürftigkeit müßte doch immer die Erwägung bleiben, daß ein so hilfloser Greis und eine so. unglückliche Familie zunächst in ihrer eigenen Heimath unterstützungsberechtigt sind. /Wenden sie sich an das Ausland und mit bestimmten Adressen, so verräth das eine genaue Kenntniß des Schnorrer-Kodex und eine innigb . Vertrautheit mit dem Mohlthäter- Adreßbuch, das, gut angelegt ,pnd zuverlässig. fortgeführt, in den verehrten' Schnorrerkreisen mit großer Pünktlichkeit zirkulirt. Hier heißt es: Die Taschen zu! Nur so kann diesem kolossalen Unfug gesteuert werden. An die ^galizischen Gemeinden aber möchten wir abermals die dringende Bitte richten, mit Hilfe der staatlichen Behörden diesem betrügerischen Treiben ' endlich zu steuern. Was aber-sonstige Sammelaufrufe, die natürlich mit diesen 'Bettelbriefen gar nicht zu.verwechseln sind, anbetrifft, so müssen wir uns hinsichtlich dieser nur einige wenige Bemerkungen, erlauben. Es ist eine Thatsache, daß sich die Wohlthätigkeit für allgemeine Zwecke fast nur auf die Großstädte kolizentrirt. Berlin vor allem wird am meisten und hei jeder Gelegenheit und geradezu in unverantwortlicher. Weise gebrandschatzt. Zum; Dank dafür wird dann in der lieben Heimath bei anderen Gelegenheiten auf Berlin tapfer losgeschimpft. .Nicht weniger werden Frankfurt a. M., Hamburg, Königsberg, München, Breslau u. s. w. herangezogen. Ein solches Treiben könnte .aber leicht zur Folge haben, daß die bestimmte Anzahl edler Wohl- "thäter in diesen großen Städten, eines Tages, von. den ungeheuren und ungeheuerlichen Anforderungen, ermüdet, ebenfalls in den Ausruf einstimmt: Die Taschen zu! Nun, wir haben eine solche Eventualität,. Gott fei Dank, nicht zu befürchten; aber daß die unaufhörliche Bettelei ' auch - selbst die-besten und edelsten Männer schließ- > lich verstimmt, das ^erscheint uns . völlig fraglos. Die Wohlthätigkeit muß also mehr decentralisirt werden — das ist eine der wichtigsten -Forderungen für den Sammeleifer.; w Nicht weniger wichtig erscheint auf diesem Gebiete eine ver-.' günstige Auslese. .Eine Gemeinde in Ungarn, die sich eine.Mikwahr Muen will, hat nicht das Recht, in Frankfurts a. M. dafür zuschnorren, und ein brodloser Lehxer in Süddeutschland hat. auch nicht- ,,das .UDt,^ an den Wohlthätigkeitssinn der Königsberger 'Juden: zu.

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