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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-14 · Heft 33 (14.8.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 33 (14.8.1896)
Date
1896-08-14
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Deutschfortschrittlichen Wahlkomitees statt, in welcher eine Erklärung beschlossen wurde, in der es u. A. heißt: „Als zum deutschen Volke gehörend betrachten wir Jeden, der sich durch Sprache und Gesinnung dazu bekennt und der bestrebt ist, für deutsche Kultur und Gesittung, sowie für die Wahrung des nationalen Besitzstandes der Deutschen Oesterreichs einzutreten. Nie und nimmer darf die Frage nach Abstammung und Rasse den fürs Vaterland ohnehin unheilvollen Nationalitätenkampf noch verschärfen und erweitern." — Von einem furchtbaren Geschicke wurde der 17 jährige Lehrling des Schlossermeisters Markus Basch, Johann Gerstmann, ein braver, ehrlicher, arbeitsamer Junge, ereilt. Er öffnete ein Packet, das in der Werkstätte seines Meisters abgegeben wurde und das einen tödtlichen Sprengstoff enthielt; durch die erfolgte Explosion wurde der ahnungslose Knabe auf die grauenhafteste Weise verstümmelt. Das Leichenbegängniß des unglücklichen Lehrlings, dessen Freisprechung zum Gesellen am Tage nach dem Bombenattentate an einem Sonnabend hätte stattfinden sollen, fand auf dem israelitischen Friedhofe statt; auch der israelitische Handwerkerverein, der den unglücklichen Gerstmann in die Werkstätte des jüdischen Schlossermeisters Basch brachte, betheiligte sich an demselben. Tiefes Mitleid erregt der Vater des Ermordeten, der zur Freisprechung seines Sohnes aus Mähren hierher gereist war. — In die Brünner Aerztekammer wurde u. A. zum Vorstandsmitglied Dr. Jakob Ehrenstein gewählt. — Der Kaiser hat dem Generaldirektionsrathe Herrn Ignatz K o nta taxfrei den Titel eines Hofrathes verliehen. — Der Sektionsrath des Handelsministeriums Dr. Camilar Kuranda wurde zum Vorstande des statistischen Departements des Eisenbahnministeriums und der Inspektor Dr. Nathan Seifeld zum zweiten Stellvertreter bei der .Staatsbahndirektion in Stanislan ernannt. y\ Brünn, 30. Juli. Auch in Brünn, wo sich der Antisemitismus zu regen ansängt, beginnen die Juden sich als Juden zu fühlen. So fand kürzlich eine vom verdienstvollen Mitglieds der Wiener Unitas, oavä..für, Richard Rappaport, einverufene jüdische Versammlung statt, die so zahlreich besucht war, und zwar von den Vertretern aller gesellschaftlichen Kreise, daß der ziemlich große Versammlungssaal alle Anwesenden kaum zu fassen vermochte. Das überaus treffliche Referat des 'Gründungspräses der Unitas, Herrn Dr. Karl Pollak, gipfelte in den Worten: Helfen wir uns selbst; denn die übrigen Nationen haben uns bisher nur geholfen, wenn sie uns brauchten, ^d haben aufgehört, uns zu helfen, wenn sie uns nicht mehr brauchten. In seiner Rede führte Herr Dr. Pollak in klarer Weise auch den Gedanken des Zionismus aus und betonte ferner die Nothwendigkeit des Festhaltens der Juden an Religion. und Nationalität oder wenigstens an der Nationalität. Herr Professor Dr. Gotthard Deutsch aus Cincinnati (ehemals Neligionsprofessor in Brünn) begrüßte als zweiter Redner mit Freuden das endlich aufkeimende Nationalgesühl der Juden. Besonders großen Anklang fand die Rede des Herrn Religionsprofessors Dr. Max Grünfeld, dessen Streben, die Jugend für das jüdische Nationalgefühl zu begeistern, umso rühmender erwähnt werden muß, als Herr Dr. Pollak ausdrücklich erwähnte, er sei durch die Anschauungen, dieses seines früheren Religionsprosessors zum Jüdisch-Nationalen herangebildet worden. Es sprach ferner Herr stuä. jur. Hollitscher, Vizepräses der Gamala, „Ueber die Stellung der Judensrage zur Sozialdemokratie" und Herr cand. jur. Richard Rappaport, der die Ausführungen des Sozialdemokraten stad. xlnl. Pollak: „Die Juden hätten von der Sozialdemokratie am Meisten zu erwarten" ad absurdum führte uüd ebenfalls in der Kräftigung des Nationalgefühls und int Festhalten an einem gemäßigteren Zionismus die größten Hoffnungen für das Judeuthum erblickt. Auch die Worte des strammen Jüdisch-Nationalen Herrn cand. ing. Tintner fänden lebhaften Anklang. Das Verdienst der Einberufer dieser Versammlung, der Mitglieder der Unitas, ist ümso größer, als die begeisterte Ausnahme ihrer Ideen keine vorübergehende zu sein scheint, sondern. nach Schluß der Versammlung eine Anzahl jüdischer Bürger sich zu einem provisorischen Aktions-Komitee zur Gründung eines jüdisch-nationalen Vereins in Brünn konstituirte. U. Budapest, 5. August. Der israelitische Landes-Lehrerv er ein faßte noch im Jahre 1895 auf Antrag des Lehrers B. Schön den Beschluß, zum Andenken an die Millenniumsfeier ein groß angelegtes Werk herauszugeben, in welchem nachgewiesen werde, welchen Antheil die jüdischen Schulen an der Förderung der vaterländischen Volkserziehung haben und wie sich die Inden den Bestrebungen der nationalen Kultur angepaßt haben. Der Verein betraute damit die Lehrer Jonas Barna und F. Csukassp, die dieser schweren Aufgabe in einem zweibändigen Werke gerecht zu werden versuchen. Es wird mit großem Apparate nachgewiesen, daß die Juden den Schulzwang nicht kannten und daß diese Zwangsmaßregel unnöthig war, nachdem die Juden immer auf den Kinderunterricht. Gewicht legten. Die Schulpflicht regelte viel zwingender als jedes Gesetz die in der Religion begründete Vorliebe für die Wissenschaft. Der Schulunterricht blieb in jeder Beziehung Jahrhunderte lang unverändert, bis erst unter Kaiser Josef IL die Zeit der modernen Schule ihren Anfang nahm. Die reformatorische Thätigkeit des Grafen Stefan Szechenyi förderte das jüdische Schulwesen, das bis heute mit kurzen Unterbrechungen der nationalen Richtung huldigte. Sehr interessant sind die Monographien von 66 Schülern. Die Kosten dieser Edition trugen die Regierung, mehrere Kultusgemeinden und der Lehrerverein. — „Alkotmany", das Organ der Volkspartei, konnte es nicht verschmerzen, daß sein treuer Mitarbeiter wegen Verbreitung des Blutmärchens verurtheilt wurde. In seiner Wuth beschuldigte dieses saubere Blättchen die Zeugen, die zu Gunsten des angeklagten I. Adler Zeugenschaft ablegten, daß sie bestochen wären und den Gerichtshof irreführten. Es wurde ein Preßprozeß angestrengt, dessen Verhandlung für dieses Quartal anberaumt wurde. Ein gewisser Rheder) übernahm die Verantwortung für den inkriminirten.Artikel. — Der Miskolczer israelitische Gewerbeverein wurde einer seltenen Auszeichnung theilhaftig. Se. Majestät der König ordnete an, daß der anläßlich der Fahnenweihe ihm als Zeichen der Huldigung übersandte goldene Nagel inseiner Vertretung vom Obergespan in die Fahne eingeschlagen werde. — In Tprnau wurde Rabbiner M. Stein in sein Amt eingeführt. — Der hiesige Arzt Dr. Egmont Baumgarten wurde vom Unterrichtsminifter als Dozent an der hiesigen Universität bestätigt. Großbritannien. z. London, 5. August. Sie haben seiner Zeit über den Vortrag des Herrn Dr. Herzl im hiesigen Makkabäerklub kurz berichtet. Der Vortragende, der in englischer, französischer und deutscher Sprache gleich beredt sich zu bewegen versteht, hatte sich hier eines glänzenden Empfanges zu erfreuen, da Niemand an seiner ehrlichen Absicht zweifelte, und seine Begeisterung für die von ihm vertretene Sache führte ihm besonders die Herzen der Jugend zu. Anders indeß verhielt sich das Alter. Unter den älteren Herren fand er beredte Gegner, die das Ungeheuerliche seines Planes bloßlegten. So meinte Herr Israel Abrahams, daß die Juden gerade deshalb allem Widerstand zu trotzen vermöchten, weil sie aufgehört hätten, eine Nation zu sein. Den „jüdischen Staat" wieder herzustellen, würde blos die Errichtung eines kleinen, nur schwachen Staates bedeuten, der blos geduldet würde, um bei Vernichtung der „israelitischen Mission" Träger eines Ideals zu sein. Herr I. H. Levy meinte, daß das Projekt des Dr. Herzl nur Unheil im Gefolge haben müßte. Dr. Herzl hätte in seinem Buche sich der Phrase bedient: „Wir hängen von der Unterstützung der Nationen ab, in deren Mitte wir leben." Das sei eine unglücklich gewählte Phrase. In Ländern, in denen die Juden emanzipirt worden, sind dieselben keine „Gäste", sondern ein integrirender Theil der Nationen, unter denen sie leben. Auch wurde auf die Phrase in der Osterlegende hingiwiesen.- „Nächstes Jahr in Jerusalem." Nun, wenn all das verwirklicht werden sollte, was in dem Gebetbuche zusammengetragen ist, so müßten gar viele fremde und wunderliche Dinge zur Verwirklichung kommen, aber Dinge, an die kein Mensch mehr glaubt. In einem Artikel in einem der größeren englischen Blätter zieht der bekannte Schriftsteller I. Zangwill, welcher den Wiener Doktor auf die Empfehlung von Max Nordau den Makkabäern vorgestellt hatte, den Vorschlag seines Schützlings ins Lächerliche und glaubt eben, daß solcher der Verwirrung zuzuschreiben, welche der Erfolg der Luegerschen Kampagne im Gefolge hatte und die den Stempel der Unreife trägt, wie alle derartigen verworrenen und verschwommenen Rettungsmittel in Zeiten einer plötzlichen Epidemie. Die „jüdische Frage" wird auch in einem hochinteressanten Artikel und mit gründlicher Gelehrsamkeit vom dem bekannten Professor Dr. M Jastrow junior in der vornehmen Zeitschrift „International Journal of Ethies" behandelt,-und kommt er zu dem Schluffe, daß die innere Phase der „jüdischen Frage" mit der äußeren Phase in enger

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