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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-14 · Heft 33 (14.8.1896) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 33 (14.8.1896)
Date
1896-08-14
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Verknüpfung steht. Der Verlauf des' Judenthums hängt von berj Behandlung ab, die den Juden zu Theil geworden, und schließlich sind? es die Judendie das Judenthum gestalten, und nicht das Judenthüm,;? das die Juden gestaltet. Wenn, wie es den Anschein hat, das; gesellschaftliche Vorurtheil gegen die Juden nach und nach! sich überlebt, so kann es keine Frage sein, daß das universale! Element in der jüdischen Religion den hervorragenden Zug bildestwird. So lange sie indessen in der Ausnahmestellung zu verbleiben^ gezwungen sind, so lange werden die absondernden Merkmale, welche der Religion Durch ihren Rassenursprung aufgedrückt wurden, beibehalten werden. Die Pflicht, die dem Juden obliegt, ist klar genug. Den guten Willen und die Achtung Derer zu erwerben, in deren Mitte sie leben, muß eben durch das gute Beispiel, das sie geben, durch die- Hingebung an die Ideale der Menschheit geschehen, und ihre Stellung ' zur eigenen Religion kann nur durch ihre Ueberzeugung gekennzeichnet ,, werden. Ueberzeugungen, reiflich gewonnen und festgehalten, können niemals auf Irrwege führen. Die schwierigen Probleme der Religion? können blos durch geistigen Muth gelöst werden. Die Pflicht, des Christen liegt eben so klar dar. Ihre Herzen von allen Bitterkeiten und Vorurtheilen frei zu machen, das Evangelium der Humanität, wie es Jesus gelehrt, in die Wirklichkeit überzutragen, gegen alles Unrecht, gegen alle Ungerechtigkeit, gegen alle Sonderstellungen, welchem Individuum sie auch angewiesen wird, zu protestiren. - So weit die Zukunft in Frage ist, mögen Juden und Christen es lernen, ihr mit der Ruhe entgegenzuschauen, welche die alten israelitischen Propheten kenn-, zeichnete, welche sich bewußt waren, ihre Pflicht voll und ganz crfüQt j zu haben, wenn sie ihre Herzensüberzeugung furcht- und rücksichtslos; verkündet und ihre Ueberzeugung treu der Wahrheit das Wort geredet.; Portugal.! 0 Lissabon, 29. Juli. Vierhundert Jahre sind nahezu verflossen, j seitdem König Emanuel „der Große" die Juden aus Portugal, verbannte. Der in der Geschichte bekannte Papst Alexander VI.; (Borgia) beeilte sich, dem König zu seiner Heldenthat zu gratuliren, und! verlieh ihm zugleich den Titel: „üdelissimus" („allergetreuester"). , Der:- Patriarch von Lissabon wieder begann seine Jubelpredigt, die er damals; vor dem König und dem Hofe hielt, mit den Worten: „Venite, disper-? damus eos de gente, et non memoretur nomen Israel ultra.“ („Kommet, vernichten wir sie als Volk, und der Name Israel soll nie mehr er-: wähnt werden. Psalm LXXXIII, 5. DTrpPl 12^' *71# ^8*7 tP'' DtP!"Dp. Nun war das Königreich Portugal — um im' antisemitischen Jargon zu sprechen — „judenrein", und die Christen inr diesem Lande waren wieder unter sich. Vierhundert Jahre sind nun seit dem traurigen Ereignisse verschwunden, und das Königreich Portugal schämt sich darüber, daß es in seiner Unduldsamkeit die Juden verbannt^ und verfolgt hat. Voller Reue darüber hat es schon vor einigen Jahr-;? zehnten seine Pforten wieder den Juden geöffnet. Hier in Lissabonexistirt wieder eine jüdische Gemeinde, und soeben wurde auch fjerx4 Angela Sitrug aus Livorno zum Rabbiner erwählt. Amerika. 6. U. New-Aork, 20. Juli. Der Freidenker Robert G. Jngersoll, anerkanntermaßen der hervorragendste Redner Amerikas, hat eine scharfe Verurtheilung des Antisemitismus veröffentlicht, die ich Ihnen in getreuer deutscher Uebersetzung mit der nächsten Post zugehen lassen werde. — In den Veröffentlichungen des Staats-Departements (aus- . wärtiges Amt) in Washington finden sich mehrere in sehr entschiedenem Tone gehaltene Proteste des Staatssekretärs Olney und des Gesandten Brekinridge gegen die Praxis der russischen Konsuln, amerikanischen Bürgern, weil sie Juden sind, das Paß-Visum zum Eintritte nach- Rußland zu verweigern. — In Philadelphia landeten, trotzdem jedes Schiff Rückwanderer nach Europa befördert, während des Monats Juni?? 225 jüdische Einwanderer, von denen 104 aus Polen und Rußland kamen. — Einen glänzenden Erfolg verzeichnet die Aguilar-Freibibliothek. Die Bibliothek enthält 15 000 Bände, und während des Jahres wurden 256 963 Bücher' verliehen. 0 Netv-Dork, 20. Juli. Am 16. d. M. wurde ein hier eingewanderter jüdischer Arbeiter Namens David Hirsch köpf wegen Brandstiftung zu lebenslänglichem Gefängniß verurtheilt. Die öffentliche Durchführung dieses Strafprozesses hat den Umstand nicht aufgeklärt, welcher den bis dahin unbescholtenen Angeklagten auf die Bahn des Verbrechens gedrängt hat. Genug, er wurde'für schuldig erkannt und zu erwähnter Strafe verurtheilt. Nach Verkündigung des., strengen Urtheils theilte der Präsident dem Verurtheilten mit, daß er in eine weit entfernte Strafanstalt überführt werden müsse, daß 'ihm jedoch noch eine mehrtägige Frist gewährt werde, damit er Zeit gewinne, um seiner Frau nach jüdischem Gesetze Scheidung zu geben. Tags darauf erschien aber die unglückliche Gattin vor dem Rabbiner und vor dem Gerichtspräsidenten mit der flehentlichen Bitte, man möge ihr gestatten, „weiter seine Frau zu bleiben". Hirschkopf selbst legte ihr ans Herz, ihr Schicksal ferner nicht an das seinige zu knüpfen, da er von der Gesellschaft für immer ausgestoßen, sie aber jung sei und berechtigte Ansprüche ans Leben habe. „Ich bleibe Dir treu bis in den Tod!" rief schluchzend das Weib und wollte um keinen Preis in die Scheidung willigen. Einige Tage später wurde der Verurtheilte zur Abbüßung seiner Strafe nach Sing-Sing transportirt. Sein Weib folgte ihm dorthin- Um stets in seiner Nähe zu sein. Dieses rührende Beispiel der Anhänglichkeit und Treue eines jüdischen Weibes wurde von allen hier erscheinenden Zeitungen lobend hervoxgehoben. Non Nah und Fern. — Bei der Preisvertheilung an der hiesigen Universität errangen in der medizinischen Fakultät cand. med. Fritz Großmann aus Glogau, in der philosophischen Fakultät cand.phil. Jsaac Heinemann aus Frankfurt a. M. einen Preis. — Dem „Angermünder Kreisblatt" wird aus Stargard geschrieben: Ein böses Mißgeschick ist einem als gar argen Antisemiten bekannten jungen Mann widerfahren. Er hat sich von einer.jüdischen Frau das Leben retten lassen müssen. Besagter Teutschmann hatte sich beim Aalfang in der Nähe der Corowschen Mühle in einer Reusen verstrickt und war so ins Wasser gerathen. Schon war er dem Ertrinken nahe, als eine jüdische Frau des Weges gefahren kam, kurz entschlossen ans User eilte und den Antisemiten durch Zuwerfen einer Leine auf's Trockene brachte. — In Breslau kam dieser Woche die Meisterschaft von Deutschland im Schwimmen über 7500 Meter zur Austragung. Den Sieg errang Paul Neumann, ein Sohn des Hofrathes Professor Neumann, vom Wiener Amateur- Schwimmklub und^ damit auch den . prächtigen Ehrenpreis. Radl (Breslau) erkämpfte sich mit dem zweiten Platz die goldene Medaille vor Guhee, Hoffmann, Lange, Blase! und 26 anderen Konkurrenten. — Bei Gelegenheit der silbernen Hochzeitsfeier des Fürstenpaares zu Neuwied und der infolgedessen ergangenen Einladungen an die Notabeln der Stadt wurde gleich den christlichen Geistlichen auch der jüdische Prediger Rausenberg vom Fürstenpaar zu einem Cafe dansant huldvoll eingeladen. — Dr. Joseph Heimburger von der Universität Würz bürg ist als Professor für Strafrecht und Strafprozeß an die Universität Straßburg berufen worden. Bei seinem Eintritt in das Lehramt 1893 veröffentlichte er die Schrift: „Die staatskirchenrechtliche Stellung der Israeliten in Baiern, ein Beitrag zur Lehre von der Privatkirchengesellschaft." — Die Theilnehmer des deutschen Anthropologenkongresses in Speier besichtigten daselbst auch das aus dem Mittelalter stammende und etwa bis 1534 benutzte Judenbad.'— Die kürzlich; in Bordeaux verstorbene Frau Amalie Löon hat außer der Zuwendung von hunderttausend Franks für die israelitische Gemeinde ihr gesammtes, mehrere Millionen betragendes Vermögen den Armen der Stadt ohne Unterschied der Konfession vermacht. — Dem vereideten Rechtsanwalt,Hofrath und Ritter Adolf Goldblatt, Friedrichstadt (Curland), ist vom Justizminister das Recht verliehen worden, in den Ostseeprovinzen zu advociren. Es ist dies der erste Fall seit Einführung der neuen Gerichtsordnung in diesen Provinzen, daß einem Israeliten dieses Recht gewährt worden, der Fall darf daher allgemeines Interesse beanspruchen.— Der Rabbiner und Kantor Rev Osias Hochglück, früher in Poughkeepsie, N. I., und in Newark, N. I., und zuletzt bei der Kongregation Tempel B'nai Israel, 79. Str., New Jork, ist nach einem gelungenen Probevortrag einstimmig von der Kongregation „Eden Str. Synagoge" in Baltimore gewählt worden. Es hatten sich 78 Kandidaten um dieselbe Stellnng beworben und 9 haben geprobt. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin: > Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz.in Berlin.'

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