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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-14 · Heft 33 (14.8.1896) · p. Seite 395

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 33 (14.8.1896)
Date
1896-08-14
Page
Seite 395 (sequence 11)
Language
German
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Man muß nämlich wissen, daß zwischen'den Gelehrten und den Amrazim eine tiefe Abneigung bestand, und die Verachtung, welche die Erstereu' gegenüber den Letzteren an den Tag legten, wurde von diesen wieder reichlich durch ehrlichen Haß vergolten. Es war darum nur natürlich, daß sie in Mordches bescheidener Frömmigkeit, die ihn alle Woche zum Schiur trieb, eine gewisse Ueberhebung sahen, geradeso tute man in bürgerlichen Kreisen den Bailkierssohn mit scheelen Augen ansieht, der sich ausschließlich unter der Aristokratie bewegt. Wir müssen übrigens auch zur Ehrenrettung Neb Rephoels bemerken, daß Lösers Geschichte eine Lücke hatte. Er hatte wahrscheinlich vergessen zu erzählen, daß er Reb Rephoel bereits hundert Gulden schuldete, als er ihn um jenes Darlehen ansprach. Es war aber Neb Rephoels Prinzip, einem säumigen Schuldner nie wieder zu borgen, wenn er auch blutige Thränen weinte. Als konservativer Mann hielt er in religiösen und bürgerlichen Dingen unerbittlich fest an seinen Prinzipien. Die Frage nach dem Grunde von Reb Rephoels Huld gegen den Wächter war aber noch immer nicht gelöst. Mordche,' dem die Neugierde der Gesellschaft Spaß machte, sagte plötzlich mit der unschuldigsten Miene von der Welt: „Jetzt fällt mir etwas ein! Ich habe Neb Rephoel zum letzten Pester Jahrmarkt tausend Gulden geliehen, die er mir noch nicht zurückgezahlt hat. Vielleicht furchtet er, ich würde ihn mahnen, das wird's sein." „Mordche, Du bist ein Gcmew,"*) sagte der Chorus, „Du weißt schon ganz gut, Du willst's nur nicht sagen." Dabei blieb es. Andere auffallende Erscheinungen nahmen die Gebetpausen in Anspruch. Man wollte wissen, warum Reb Machet für Reb Schimme eine Pessiche^) gekauft habe; Leeser hatte als Vorbeter bei Minchah die schlüpfrige Stelle „uschu, gnschu, chuschu" nicht passiren können,, ohne den gewöhnlichen Heiterkeitseffekt zu erzielen, daß die lustigen Brüder „husch, husch, husch" riefen. Salmele Hoschmes, der ein Kohen war, ging zum Dnchan, um den Segen zu sprechen. Einige lustige Brüder, die in Salmele trotz seiner hohen Abkunft und seiner wichtigen Fllnktion immer nur den kleinen, buckligen Packelträger sahen, zogen ihm sein großmächtiges, blau und roth getupftes Taschentuch aus der Tasche und spendelten es ihm an den Rockschoß an. so das es wie eine majestätische Schleppe sich ausnahm, als Salmele mit den Tallis über dein Kopfe zur Bundeslade schritt. Irgend ein bis heute leider noch unermittelter Taugenichts trat dem armen Salmele auf diese Schleppe, gerade als er die zur Lade führenden Stufen hinaufging. Salmele kollerte hinunter und verwickelte sich derart in seinen Tallis, daß. es nöthig wurde, den Tallis auf einer Seite anzufassen, um den kleinen Packträger herauszuschütteln, was ein so komischer Anblick war, daß selbst Reb Rephoel, der als erster Kohen auf der obersten Stufe vor der Lade stand, lachen mußte. Dann passirte es dem immer zerstreuten Reb Jekef Schammes, daß er beim zweiten Thora-Vorlesen, als er den.Kohen versteigerte, statt „drei Hindu" „eine Million" rief. Andere ruchlose Hände hatten die hohen Stiefel Jossef Kuchenfressers, die er Tags, über abgelegt hatte, so dicht mit Heu vollgestopft, daß er sie Abends, als er im Frohgefühle des Mahles, das ihn erwartete, nach Hause eilen wollte, nicht anziehen konnte und begreiflicherweise wie ein Heide auf „die Meschumodim und Mamserim"«) fluchte, die so einen Schurkenstreich verübt hatten. Das Merkwürdigste an dem allen blieb aber, daß dieselben Schelme, die sich auf Kosten ihrer Nebenmenschen solche Späße eri) Schelm. 2) Das Recht, die Bundeslade zu öffnen. 3) Gottlosen Bastarde. laubten,. mit ernster Reue achtmal beim Sündenbekenntnisse an ihre Brust schlugen und saugen: „Ob der Sünden, die wir begangen haben durch Uebermuth und unzeitigen Scherz, vergieb. verzeih und sühne utts." Ja. als dann der Rabbi beim Schlußgebet mit seiner melodischen Stimme sang: . „Bring' uns, Herr, mit Deiner Hand In der Schechinah Schatten; Sei uns gnädig, wenn Du prüfst. Laß uns nicht ermatten." konnte man aufrichtige Rührung in allen Gesichtern lesen. Trotz alledem läßt sich offenbar der Dttrchschnittsmensch nicht einen gatizen Tag in einer feierlichen Stimmung erhalten. Endlich war der* Schofarton verklungen. Die Mehrzahl strömte in verzeihlicher Hast nach Hause. Die Minderzahl verrichtete vorher das Nachtgebet und sprach noch beim Stümpfchen des gespendeten Lichtes vor der Synagoge den Segen über den Mond, den Gott so gnädig wieder erneuert hatte, woran sie die Hoffnung knüpften, daß die Lücke des Mondes ergänzt werden würde, daß er nie wieder abnehmen und daß das Licht des Mondes sein werde wie das Licht der Sonne. Mit dieser etwas kühnen Hoffnung durften auch die Frommsten gehen, um nach sechsuudzwauzigstündiger Entbehrung sich "an Speise und Trank zu laben. (Fortsetzung folgt.) Mesalliance. Von Alfred Friedmann. konntest unter Deinen Ranggenoffen Den Führer wählen Deines künft'gen Lebens, Gehilfin sein des Wissens ihm und Strebens, In edlem Mitthun war' Dein Sein verflossen. Nun wird gejagt, gezecht^bei Dir, geschossen! In eitler Hoffnung wartest Du vergebens. Daß man Dich achte, schätze. Müden Bebens Verdammst Du, alt, den Bund, der, jung, geschlossen! So viel der Anmuth — und ein hohler Namen, So viel des Reizes — und ein ödes Nichts, Nicht ebenbürtig giltst Du seinen Damen! Um Deines Geldes willen und Gesichts Nahm er Dich heut; was werdet Ihr Euch sagen, Naht Euch das Alter — um Euch anzuklagen? Fitterarlsche Mitthellungen. --- M. Ehrenpreis: Die Entwickelung der Emanationslehre in der Kabbala des XJII. Jahrhunderts. Frankfurta. M. 1896. I. Kaufmann. Die Lehren der Kabbala galten bisher als abenteuerliche,' sinn- und gedankenlose Träumereien, die sich in kein wissenschaftliches System bringen und für keinen Wissenszweig fruchtbar machen lassen. Die Erforschung des kabbalistischen Litteraturzweiges, der nebenbei bemerkt von ungeheurem Umfange ist und dem Forscher sowohl sprachlich als auch inhaltlich die größten Schwierigkeiten bietet, wurde daher, als nicht der Mühe werth, vollständig vernachlässigt. In der neuern Zeit jedoch haben hervorragende jüdische Gelehrte, wie Zunz, Steinschneider, Jellinek, Landauer, Epstein u. A., auch in das tiefe Dunkel dieser Litteratur Licht gebracht, manchen Autor kabbalistischer Werke der Vergessenheit entrissen und seinen Leistungen nach gebührend gewürdigt, so daß sie .mit ihren

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