Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1896)
- Date
- 1896-08-14
- Page
- Seite 394 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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FEUILLETON [ii~mlH»:nii;:iinrf>inir.n Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard .Deutsch. (Fortsetzung.) (SVTpun kam eine große Ueberraschung. Reb Rephoel pflegte die <£{l Fürbitten mit einem allgemeinen Mischeberach schließen zu (2/^ lassen, der die „Fürsten, Vornehmen, Häupter und Ra'thsherren der Gemeinde, die Greise, die Jünglinge, die Gäste und die Forscher in der Lehre" umschloß. Für das zeitliche und ewige Heil dieser Kategorie opferte Ncb Rephoel die ansehnliche Summe von acht Gulden und dreißig Kreuzern^ was. genau dem letzten Angebot auf die ihm jetzt gratis ertheilte Ehre gleichkam. Das war eine vornehme Rache, und manche seiner Gegner mußten sagen: Wo Thora ist, da ist Weisheit und Derech Erez.') Die Ueberraschung wurde noch größer, als Neb Rephoel dem Schammes befahl, noch einen Mischeberach zu machen, und zwar für Mordche Wächter und seine Familie, und dafür eine Spende für den „Segnenden" in Aussicht stellte, die er in diskreter Weise nicht nannte, obwohl Reb Jekef Schammes in dieser Hinsicht nicht sehr feinfühlig war. Wenn der Kreishauptmann in eigener Person bei Mordche Wächter vorgefahren wäre, um mit ihm einen „Franzefnß" zü spielen, hätte die Ueberraschung nicht allgemeiner und tiefer sein können. Darüber war man einig, daß es etwas zu bedeuten hatte, wenn Reb Rephoel Mordche Wächter einen Extra-Mischeberach machen ließ. Die Frage blieb nur, was cs zu bedeuten hatte. „Ich kann mir nur eins denken," sagte Loser, „Reb Rephoel hat ein Auge auf Maier Nendorfs Sohn, dem er seine Fanny geben möchte, und Maier ist Mordches Gevatter. Wahrscheinlich will er, Mordche soll mit Maier darüber reden." „Loser," sagte Anschel, „hast Du Heu zu Hause, um heute Abend anzubeißen. Ochs wärst Du genug dazu. Wenn Reb Rephoel einen Schadchens zu Jemandem schicken will, braucht er nicht sein Gesicht zu waschen zu geben. Er findet hundert für einen. Und dann: Fanny, ein Mädchen, die Klavier spielen kann, wie eine Prinzessin und französisch reden, als wäre sie in Paris aufgewachsen, wird sich so einen Dorfjnngen nehmen, der nicht einmal seinen Namen recht unterschreiben kann, und wird ihre Jahre auf einer „Rande"8) vertrauern. Ich kann Dir nur sagen, mein lieber Loser, geh' Heu essen!" - „Anschel, thue nicht so groß mit Deiner Freundschaft mit Reb Rephoel, mit Dir wird er sich nicht verschwägern," ließ sich hier Gumpel Katzew vernehmen. „Etwas steckt dahinter. Möglich, daß Reb Rephoel will, die Mnschauer Herrschaft soll ihm die Wolle verkaufen. Mordche ist dort früher mit seinem Vetter Chananel hausiren gegangen undkennt den Oberamtmann, wie der noch ein armer Schreiber war. Wahrscheinlich will Reb Rephoel, Mordche soll dort für.ihn den Sarser machen."4) „Bruderleben!" erwiederte Anschel mit dem Gefühle seiner Ueberlegenheit im Wollgeschäfte, „Du hast auch.von Deinen Schafen ') Lebensart. 2) Heirathsvermittler. 8) Dorfschenke. 4) Agenten. und Kälbern profitirt. Wenn . Reb Rephoel will Wolle kaufen, weiß er, wo Anschel Nemschitz wohnt. Mich hat man noch bei keiner Herrschaft und bei keinem Bauern hinansgeworfen." Das war. eine zu deutliche Anspielung auf Gumpels Unpopularität in den genannten Kreisen, als daß dieser sie hätte ohne Weiteres hingehen lassen können. „Wenn einer Dir zuhört," sagte er, „sollte man meinen, Du hast Zweimalhunderttausend im Vermögen, und Reb Rephoel lebt von Dir. Auf was hin thust Du Dich so auf? Vielleicht weil Du Zweiundachtzighttndert auf die Alijeh geboten hast, die Du wärest der Zedokah^) schuldig geblieben?" „Wer ist schuldig geblieben, Du, Gumpel mit den drei Gimmel?" Das war nämlich Gumpels Spitzname in der Khille, und die drei Gimmel bedeuten die Anfangsbuchstaben von „Gmnpel großer Ganew". „Wer ist schuldig geblieben?" fuhr Anschel im Tone höchster Gereiztheit auf. „Sag Du mir lieber,- warum Du Dich nicht mehr traust, nach Branitz Vieh einkaufen zu gehen?" Die Frage war allerdings eine so kitzliche, daß Gumpel sie nicht direkt beantworten konnte, und die Unterhaltung drohte dadurch eine sehr bedenkliche Wendnng 311 nehmen. „Seid Ihr Inden," fuhr Loser wieder dazwischen, „seid Ihr in Schul, und ist heute Jom Kippur, oder seid Ihr betrunkene Bauern, und seid Ihr im Wirthshaus, und ist heute Kirchweih?" Trotzdem wäre die Debatte kaum in friedlichere Bahnen eingelenkt, wenn nicht gerade Mordche vorübergegangen wäre. „Mordche!" rief es einstimmig aus der kleinen Gruppe. . „Was ist der Mähr?" - „Sag', warum hat Dir Reb Rephoel einen Extra-Mischeberach machen lassen?" „Wie soll ich es wissen; er hat mir doch nicht gesagt, waruni?" „Mordche, stell'Dich nicht so heilig. Dahinter muß was stecken," sagte Loser. - „Was soll dahinter stecken? Reb Rephoel hält auf mich große Stücke; er hat mir erst gestern einen harten Thaler zum „Regel"8) gegeben." „Einen harten Thaler hat Reb Rephoel Dir gegeben!" riefen jetzt alle einstimmig. „Wer soll so leben?" „Soll ich so leben bei Weib und Kind'," war Mordches prompt^ Antwort.' Nun konnte freilich an der Wahrheit der Behauptung, die zuerst wie ein Scherz geklungen hatte, kein Zweifel fein/ aber Alle waren darin einig, daß jetzt erst recht etwas dahinter stecken müsse. „Hör' einmal an, Mordche," sagte Loser, „wenn Reb Rephoel Dir einen harten Thaler giebt und läßt Dir Mischeberach -machen, muß das einen Grund haben. Jeder weiß, daß Reb Rephoel die harten Thaler ordentlich umwendet, ehe er sie ausgiebt. Ich habe ihn vor zwei Jahren fußfällig gebeten, er solle mir über den Brünner Markt hundert Gulden leihen, und habe ihm wollen ein Pfand geben. Was meint Ihr, hat er gesagt? Gar nichts, der Achsor;4) in sein Sepher hat er hinein .gebrummt und hat mich stehen gelassen. Wenn also Reb Rephoel Dir einen harten Thaler giebt, muß das einen sehr gewichtigen Grund haben. Vielleicht hast Du ihm geholfen, eine Erklärung für ein schweres Blatt Gemoro zu finden. Du gehst doch jetzt ^jeden Schabbes zum Schiur. Wir werden es noch erleben zu Gutem, daß Mordche.die MoremO bekoinmen wird." 4). Gemeindekafse. 2) Buchstabe G. 3) Festgescheuk. 4) Barbar, b) Theologischen Doktorgrad.