Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1896)
- Date
- 1896-08-14
- Page
- Seite 390 (sequence 6)
- Language
- German
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390 Geldwurde bei dem Bankhaus des Kammeragenten Meyer Michel David zinsbar hinterlegt, dazu kamen 20000 Thaler an Ueberschußgeldern aus der Manufaktur- und Allodialkafse und im Laufe der Jahre 1803—1805 die Ueberschüsse verschiedener anderer Departementskaffen, die bei dem genannten Bankhause und dem Kriegsagenten Abraham Herz Cohen deponirt wurden. Die gesummte Einnahme der geheimen Kasse bis zum Beginn des Jahres 1806 betrug 97 789 Thaler 12 Groschen und die Ausgaben für Gehaltszahlungen an die in Hannover verbliebenen Minister und für Unterstützungen 36 879 Thaler 25 Groschen. Den kurzen Zeitraum zwischen dem Ende der ersten französischen Okkupation und dem Beginn der preußischen Besetzung benutzte die hannoversche Regierung, um weitere Summen beiseite zu schaffen. So wurden insgeheim aus der Berghandlungskaffe 65 500 Thaler entnommen, und 32106 Thaler 5 Groschen wurden in dem Gebäude der königlichen Münze unter dem Glühofen eingemauert und 33393 Thaler 19 Groschen dem Kriegsagenten Cohen zur Verwahrung übergeben. Von der Existenz dieser geheimen Fonds und den Zahlungen, die von den Bankhäusern gemacht wurden, hatten die Franzosen keine Ahnung, und auch vor beit preußischen Behörden wußte man sie geheim zu halten. Bei Beginn der zweiten französischen Okkupation ward eine neue geheime Kasse gebildet und der größeren Sicherheit wegen nichk im hannoverschen, sondern auf dänischem Gebiete: zu Altona. Den ständigen Vermittler dabei spielte ein in Hamburg lebender Sohn des Kriegsagenten Cohen, Seelig Leffmann Cohen. Dieser sandte die Gelder meist in Wechseln an die Adresse seines Vaters, der dann auf Anweisung der hannoverschen Minister die Besoldungen und Pensionen bestimmten Personen auszahlte. Es sollen in dieser Weise während der zweiten französischen Okkupation zwischen 200 000 und 300000 Thaler aus geheimen Fonds verausgabt worden sein, die durch die Hände des Kammeragenten Cohen gingen, außer den beträchtlichen Summen, die in seinem Kömtor und in dem von Meyer Michel David niedergelgt waren. Die Ausführung, die in den Händen Abraham H. Cohens lag, verlief ungestört, und seine Opferwilligkeit und seine Vaterlandsliebe wurden allgemein anerkannt. Es war ohne Zweifel, daß er schwere Strafe zu gewärtigen hatte, wenn seine Handlungsweise zu Ohren der französischen Behörden gelangt wäre, was bei dem Spionirsystem der damaligen Zeit leicht möglich war. Das Lob, das ihm R. Hartmann in seiner „Geschichte Hannovers von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart" (S. 435) spendet, daß „der edle Jude Bankier Abraham H. Cohen" sich die größten Verdienste Um viele Beamte durch, seine Vermittelung bei Auszahlung der Gehälter nicht ohne eigene Gefahr erworben hat, ist wahlberechtigt und wohlverdient.?:W*r Brief aus Oesterreich. früher, als wir es dachten, hat' der Mahnruf an unsere Jugend, den wir am Schluffe unseres letzten Briefes ertönen ließen, zu unserer großen Freude gewirkt. „Erwache, warum schläfst du?" Dieses Wort des alten Psalmisten, es kann auch unserem heutigen Judenthum zugerufen werden, und geschieht es nicht mit den uralten Lauten, die Ereignisse, wie sie sich bei uns mit eiserner Folgerichtigkeit entwickeln, sie werden den in müder Lethargie schlummernden oder eingeschläferten jüdischen Gedanken aufrütteln, und wenn wir den kommenden Pingen nicht gewappnet uns entgegenstellen, dann wird die Zukunft mit eisernem Legionenschritt über uns hinweggehen. Was der Prophet einst sagte: „Drücke dich nieder, damit wir über dich hinwegschreiten," es wird sich auch .an uns erfüllen, wenn wir uns nicht selbst anfraffen, wenn wir uns nicht selbst wehren und aus dem Gottlob noch nicht erschöpften Brunnen des Heiles, der schon so häufig die lechzende jüdische Seele erquickte, neue Kräfte sammeln, um das arg bedrohte Judenthum zu schützen und zu schirmen. Denn überall erhebt der Feind sein dräuend Haupt. Was wir in einem unserer letzten Briefe vorausgesagt, wie haben es die Ereignisse nur allzurasch bestätigt! Das Judenthum hat von keiner unserer so zahlreichen Parteien etwas zu erwarten. In Mähren hat sich dies in jüngster Zeit besonders deutlich gezeigt. Wir verfügen hier über einen besonders bunten Farbenkasten von Parteien. Die früher so starke, von den Juden unterstützte Partei der Deutsch-Liberalen, sie ist nun, wie wir dies im vorigen Jahre um diese Zeit vorausgesagt, zu ihren Vätern versammelt. Sie ist zu Grunde gegangen durch die Treulosigkeit, welche in ihr herrschte. Sie hat einen herrlichen Namen auf ihr Panier geschrieben, sie hat von Freiheit gesprochen und doch nicht die Hand gerührt, wenn es galt, die Unterdrückten zu schützen. Worte der Freiheit waren in ihrem Munde, und der schwärzesten Reaktion hat sie die Wege geebnet. Ihre Anhänger, haben selbstische Interessen verfolgt, ruhen aus auf weichen Pfühlen, die sie sich bereitet, und inzwischen hat das siegreich vorrückende Mittelalter, genannt Antisemitismus,. alle Positionen erobert, und froh des errungenen Sieges, setzt er dem geknebelten Freiheitsgedanken den Fuß auf den Nacken. „Bücke dich, krümme dich, damit wir über dich hinwegschreiten." - Unsere Großen, unsere Geldprotzen und unsere Führer, sie laufen noch immer der so schäbig gewordenen liberalen Partei nach, welche nun auf den alten Lappen einen neuen Fleck gesetzt hat und sich „Fortschrittspartei" iiennt. Und wenn sie ihre Versammlungen abhalten, diese neuen „Fortschrittler", da hören wir von den sogenannten „jüdischen" Männern in ihrer Mitte nie das Wort „Judenthum" aussprechen. Diese „jüdischen" Advokaten hüten sich wie vor dem leibhaften Gottseibeiuns, als jüdische Partikularisten zu gelten und meinen, der jüdische Steuerzahler werde weiter sein Geld dazu hergebeu, damit einige „jüdische" Rechtsvertreter, Millionäre, Zuckerfabritsbesitzer und Ritter obenauf schwimmen können, ohne das Geringste zu thun, um unsere Jugend davor zu hüten, daß ihr nicht in schmählichster Weise tagtäglich ihre Konfession, ihre Geburt zum Vorwurfe gemacht, daß ihr nicht von großen und kleinen Buben, von weißen Nelken- und Kornblumen - Recken Ehre und Namen besudelt werde. Es wird aber nicht lange dauern, da wird auch unsere Zugend, wird unser arg geschmähtes jüdisches Volk sich erheben und all' diesen Vertretern oder besser gesagt Zertretern des Judenthums zurufen: „Bücket euch, wir wollen über euch hinwegschreiten." Eine andere Partei in unserem Lande bilden die Tschechen. Sie theilen sich in Jung- und Alttschechen und Klerikale. Aber alle sind einig in dem bei uns jetzt so volksthümlichen Antisemitismus. Auch die „freisinnigen" Jungtschechen, an deren Spitze bei uns ein getaufter Jude steht, glaubten sich nicht besser für die kommenden Reichsraths- und Landtagswahlen rüsten zu können, als dadurch, daß sie in ihr Programm einen Judenparagrapheu. aufnahmen und gegen die jetzt so gern ins Feld geschickte „Ueberwncherung des Judenthums auf allen Gebieten" protestirten. Dabei drapiren sich diese Herren so gern mit dem Mäntelchen des Freisinns, mit einem fast ins Radikale der Sozialdemokratie schillernden Kleide wahrer Volksthümlichkeit. Wenn aber der Jude bei .uns in öffentlicher Landtagssitzuug zum Thier gestempelt werden kann, und die dies