Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1896)
- Date
- 1896-08-14
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nationalökonomie, der Geschichte und der Statistik vermögen dieses Vorurtheil nicht aus ihren Köpfen zu vertreiben. Sie sind mit ihnen groß geworden' und vererben es wieder auf! ihre Kinder. Gegen die Macht dieses Vorurtheils anzukämpfen ist schwer, aber doch durchaus nicht unmögliche Es sind. schon größere und schwerere Vorurtheile wirksam bekämpft und. zerstört worden. In der That sind auch die Juden in Deutschland so gut wie in Oesterreich und selbst in Rußland seit mehr als einem Menschenalter, seit ihnen Luft und Sonne frei gewährt worden, mit allem Eifer bemüht, die eine Hälfte dieses Vorurtheils zu widerlegen und dm Nachweis zu führen, daß sie für den Ackerbau, der ja die ursprüngliche und alleinige Beschäftigung ihrer früheren Volksgemeinschaft war, sehr wohl geeignet und geneigt sind, daß sie ferner für die Landwirthschaft ganz besondere Geschicklichkeit und ein großes Interesse haben. Seit einem Jahrhundert bestehen Vereine in Deutschland, die die jüdische Jugend für die Landwirthschaft systematisch heranbilden. In Berlin, Düffeldorf, Frankfurt a. M., Breslau, Ahlem, in Wiein Budapest unb Lemberg, in Petersburg, Warschau, Odessa und noch in vielen anderen Gemeinden Europas bestehen solche Vereine zur Förderung des Ackerbaues und der Landwirthschaft unter den Juden, oder gar Schulen, die demselben Zweck dienen. Und ihr Wirken ist, wie die Jahresberichte ausweisen, keineswegs ein vergebliches, sondern vielmehr ein recht gedeihliches. Der einzige Faktor, der ihre volle Wirksamkeit hemmt, ist wiederum nur der Haß oder mindestens die Antipathie'.der Agrarier, die einen Juden auf ihren Gütern nie und nimmer anstelle» würden. Es wäre eine dankenswerthe Allfgabe für den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, deren Durchführung bei seiner guten Organisation gar nicht schwer fallen dürfte, Erhebungen darüber anzustellen, wie viele Juden in den einzelnen deutschen Staaten sich seit Jahrzehnten ausschließlich der Landwirthschaft widmen, und zwar nicht blos als Großgrundbesitzer, wie Graf Mirbach und Herr v. Plötz, sondern auch als wirkliche Landwirthe, die diesen Beruf frei erwählt und ihm trotz der großen Schwierigkeiten, welche derselbe jetzt mehr als je denJuden bietet, treu geblieben sind. Wir bilden uns allerdings nicht im Entferntesten ein, daß eine solche Statistik, auch wenn ihre Resultate noch so günstig für uns ausfallen sollten, irgendetwas an dem Judenhaß der Agrarier ändern würde. Auch nicht einmal der Nachweis, den Kenner ebenso leicht führen könnten, daß Bibel und Talmud, namentlich der letztere, für die agrarischen Tendenzen sehr gut auszubeuten wären, würde daran etwas ändern. Im Gegentheil! Aus jenen statistischen Nachweisen würde von Neuem Kapital gegen uns geschlagen werden, daß wir nun-gar auch die Landwirthschaft verjuden wollten! Gleichwohl sollte der Versuch einer solchen Statistik gemacht werden , ebenso wie wir trotz aller Angriffe unsere Anstrengungen, die' Heranwachsende Jugend für Ackerbau und Landwirthschaft zu erzieheil, unbekümmert fortsetzen müssen. Der Judenhaß der Agrarier darf uns dabei nicht geniren. Sie hassen die Juden nicht als Juden, sondern als Vertreter des Fortschritts und des Kapitals. Dieser Haß ist aber lange nicht so gefährlich wie der der reinen Thoren des Antisemitismus, die in dem Juden nur den Juden Haffen. Die Entwickelung der Menschheit aber geht ihre Wege 'über Schutt und Gerölle aller Vorurtheile, sie mögen noch so festgewurzelt sein, sicher vorwärts. Und in dem weltgeschichtlichen Kriege, den das Judenthum seit Jahrtausenden gegen Legionen von Feinden um seine Existenz zu führen hat, ist der Kampf mit den ostelbischen und anderen Junkern wie mit ihren journalistischen Aposteln wirklich mir von untergeordneter Bedeutung. Wir werden auch dieses Kampfesstadium überdauern. Piß Woche. ' Berlin, 12. August' ÄM) »knüpfend an das von Stumm kürzlich veröffentlichte Telegramm des Kaisers, versucht eine unter dem Titel „Der (j Kaiser und die Pastoren" erschienene Schrift, die Stellung der 'Pastoren zur Judenfrage klarznlegen. Zunächst wird darauf hingewieseu, daß diejenigen Pastoren, welche das antisemitische Treiben verwerfen, weil auch Jesus ein Jude war,-in einem-großen Jrrthum sich befinden. „Jesus war ein Galiläer, und ein Galiläer war damals - genau so wenig ein Jude, wie heute ein Jude ein Christ ist." Nachdem der Alltor verschiedene Stellen aus dem alten Testament als Hafis des „religiösen Ueberbewußtseins" des Judenthums von heute bezeichnet, fährt er pathetisch fort: „Gerade jetzt, wo sich das deutsch-christliche und das jüdische Volk auf der gemeinsamen Grundlage der staatlichen Gleichberechtigung Auge in Auge gegenüberstehen und es die Juden ihrerseits nicht daran fehlen lassen, nicht nur ihr finanzielles, sondern auch ihr religiöses Uebergewicht zu proklamiren, scheint der historische Augenblick gekommen, wo geistig und staatsbürgerlich die im Christenthum angekündigte Degradation des jüdischen und nicht die nach Mommseu historisch zu befürchtende Dekomposition desdeutschen Volkes durch die Juden sich zu bewahrheiten ' hat. An der Erfüllung dieser deutsch-christlichen Aufgabe nach dem Maß seiner Laienkräste mitzuarbeiten, ist jeder christlich lebendig lebende Geist berechtigt und berufen. Christus hat ausdrücklich prophezeit, daß den Juden das Reich Gottes werde genornmen werden, das sie sich bekanntlich als das auserwählte Volk selbst zuspreche'n, und daß es einem anderen Volk gegeben werden solle, und nicht, wie Luther leichthin übersetzt „den Heiden". Hier verlangt also das Christenthum eine religions-politische Entscheidung zwischen dem jüdischen Volk und „einem anderen Volk, das die Früchte des Christenthums hervorbringt". Jedenfalls lebt das Judenthum heute in einem sehr kritischen Kampf „um das Reich Gottes". Die Juden glauben zwar lebhafter als je an die Weltherrschaft ihres Gottesvolkes, aber die Zeichen mehren sich, daß auch „ein anderes Volk" sich göttlicher Weltaufgaben bewußt wird. Kaiser Wilhelm II. sprach bei der Friedensfeier in Frankfurt mit testamentlichem Ernst davon, daß der, Weltenschöpfer sein Volk nicht aus den Augen gelassen habe, durch das er den Frieden bereiten wollte und das er zum Hüter des Friedens ausersehen habe! Es war das erste Mal, daß ein deutscher Kaiser für das deutsche Volk eine sittliche Weltmission unmittelbar aus dem Willen des Schöpfers selbst abgeleitet hat, und die Kraft der historischen Ereignisse gab seinen Worten Recht, Würde und Demuth zugleich. Der Lauf der geschichtlichen Dinge drängt also sehr sonderbar zu einer Entscheidung zwischen dem alttestamentlichen Religionsprimat der Juden und dem siegreichen Durchbruch der germanisch-christlichen Völkerwürde. „Bismarck hat uns mit seiner nationalen Politik fünfzig Jahre zurückgebracht", soll einmal ein Jude gesagt haben, der noch zu Anfang der siebziger Jahre an einen sortgesetzten Siegeslauf der judoliberalen Ideen und des jüdischen Welteinflusses glaubte. An diesem Ausspruch könnten lediglich die „fünfzig Jahre" ein Jrrthum sein. Es kann sich aus dem durch Bismarck in die Weltgeschichte als neuen Seelenfaktor hineingebrachten Nationalbewußtsein der Deutschen ein dauerndes „Zurückbringen" des Judenthums herleiten, wenn sich mit dem jungen deutschen Nationalbewußtsein in derselben Energie nur ein christlich - volksthümliches Religionsbewußtsein verbände. Ein Volk ohne klaren religiösen Willen ist wie ein Leib ohne Seele. Daß das neugeborenedeutsche Volk auch diese erhalle, ist Sache politischer Pastoren. Politische Pastoren, wenn sie nur den Geist der Zeit verstehen wollten, wären also heute sehr erwünscht. Die Juden, die jetzt so häufig mit dem „christlichen Deutschthum" ihren Spott treiben, würden dann bald spüren, daß das deutsche Christenthum zweifellos eine große weltgeschichtliche Zukunft und daß das Judenthum ebenso zweifellos eine große — Vergangenheit hat." Der Verfasser begreift es nicht, wie noch immer in der Geistlichkeit beider Konfessionen eine große Abneigung gegen den Antisemitismusherrschen kann. Nun, wir wollen ihm das Räthsel lösen. Derartige Schriften, wie sein Machwerk, offenbaren eben jedem objektiv denkenden