Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1896)
- Date
- 1896-08-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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60. Jahrgang. Nr. 33. (fAAtti ßevlin, 14. K«g«st 1896. Gin unparteiisches Organ für altes jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Katibiner 8»- Ludwig P hiUppson.Kon«. Verlags-GrpeLition: Äerlin, Äerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fltr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung deS JudenthumS', Berlin SW.; Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. 3ltl)tllt. Leitartikel: Die Agrarier. — Die Woche. — Das Religion?- bekemitnitz im „Bürgerlichen Gesetzbuch". Von Rechtsanwalt Emil Lehmann. — Meyer Btichel David und Abraham H. Cohen. VonDr. S. Kahserling. — Briese aus Oesterreich. — Jüdische Diamantschleifer. Von Alexander Baum. — „Horeb". Von Bernhard Traubenberg. — Feuilleton: Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) — Mesalliance. Von Alfred Friedmann. —Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeiudebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Könitz W.-Pr., Leipzig, Oberhausen, Herford, Friedberg, Wien, Brünn, Budapest, London, New-York. — Von Nah und Fern. — Miscellen. Me Agrarier. Berlin, 11. August. /fcgjS ist nicht unwahrscheinlich, daß in absehbarer Zeit der Bund JOg) der Landwirthe das Erbe der „reinen" Antisemitenpartei, die immer mehr zerfällt, antreten wird; allerdings wohl nur cum beneficio inventariir Man schickt sich. auf agrarischer Seite auch schon an, diese Rolle mit der dazu gehörigen Würde zu spielen. Seit dem verhängnißvollen Tage von Tivoli fiub die Agrarier Auch-Antisemiten; jetzt fangen sie an, Nur-Antisemiten zu werden. Diejenigen unter ihnen, denen diese Rolle nicht gefällt, werden sanft bei Seite geschoben oder unsanft aus der Partei herausgedrängt, in der der Judelihaß eigentlich schon historisch sich vererbt hat und die seiner nur in den Tagen vergessen konnte, wo sie selbst derartig in der Minorität war, daß sie die Bedrängnisse anderer Minoritäten am eigenen Leibe zu erfahren hatte. Die Frage nach dem Ursprung und der Berechtigung dieser Spielart des Antisemitismus . braucht wohl nicht erst aufgeworfen zu werden. Es ist der Haß gegen das mobile Kapital, ein Haß, noch viel intensiver als der der Sozialisten, der die Agrarier gegen die Juden, in denen sie nun einmal die Vertreter des Großkapitals sehen, von jeher erfüllt hat. Dazu kommt noch der Haß gegen die fortschrittlichen Parteien, die das Grundmotiv des agrarischen Treibens, alle Lasten soviel als möglich von dem Großgrundbesitz auf die anderen Klassen der Bürger und Steuerzahler abzuwälzen, nur zu leicht durchschauen und deshalb die Bestrebungen des Bundes der Landwirthe als verderblich, ja als staatsgefährlich hinstellen. Aus dieser Quelle stammt der agrarische Judenhaß, der sich, der jeweiligen Zeitströmung entsprechend, immer ein anderes Mäntelchen umzuhängen verstanden hat, imd der auch heute noch, je nach Bedürfniß, mit verschiedenen Faktoren zu operiren versteht. Erst kürzlich haben wir zwei Wahlaufrufe von agrarischer Seite gelesen. In dem einen wurde das Judenthum der Todfeind des Agrarierthums genannt und zur Bekämpfung desselben energisch aufgefordert. In dem andern, der allerdings in einem Landkreise mit stark jüdischer Bevölkerung ausgegeben wurde, forderte man dagegen die Juden in freundlicher Weise auf, Schulter cm Schulter mit den Herren Agrariern für den staatserhaltenden Kandidaten zu stimmen, der freilich Mitglied des Bundes der Landwirthe sei, die Gleichberechtigung der Konfessionen aber nicht anzugreifen oder zu schmälern beabsichtige. Diese Opportunitätspolitik treiben auch die offiziellen Organe des Bundes mit größerer oder geringerer Geschicklichkeit. Nur selten tritt dort der nackte und rohe Antisemitismus an sich unverblümt auf. Meist wirft er sich in die Toga des Volksretters und Staatserhalters und sucht Motive hervor aus der Rumpelkammerdes . historischen Judenhasses, mit denen er seinen Antisemitismus zu erklären oder zu rechtfertigen sucht. Nur wenn er von liberaler Seite angegriffen wird, kommt seine wahre Gestalt und seine wirkliche Gesinnung oft zu Tage. Als die Antisemiten nach dem Verbot des Getreideterminhandels ein Jubelgeheul anstimmten und in diesem Gesetz den Anfang einer antisemitischen Gesetzgebung feierten, wurden sie von den führendeil agrarischen Organen in die Schranken gewiesen. Damals hielt man es nicht für opportim, seinen Antisemitismus zu bekennen; die Enthüllungen, welche bei den Debatten über jenes Gesetz im Reichstage gemacht wurden, ließen es rathsamer erscheinen, das Mäntelchen abzuwerfen. Nachdem der Lärm verhallt, hat man es wieder malerisch um die Schultern geworfen, und in kühner Positur stehen die Staatsretter des Bundes der Landwirthe jetzt bereit, die Erbschaft des Antisemitismus „voll und ganz" — wie die beliebte Phrase lautet — anzutreten. Uns kann es recht sein. Am Ende ist es für uns auch in der That ziemlich gleichgiltig, wie unser Feind heißt und welchen Namen seine Partei trägt. Wichtig ist es für uns nur. zu wissen, aus welchem Lager er stammt und mit welchen Waffen er kämpft. Gegen den Judenhaß der Agrarier haben die deutschen Juden schon seit einem halben Jahrhundert und früher sich zu wehren. Jedes einzelne Gesetz in jedem einzelnen Lande, welches den Juden den Erwerb von Grund und Boden gestattete, wurde von ihnen bekämpft, und nur sehr langsam, Schritt vor Schritt, konnte die Gesetzgebung auf diesem Gebiete den deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens die Rechte gewähren, die ihnen Verfassung und Staatsgesetze bereits vorhex gewährleistet hatten. Die Agrarier haben nun einmal in den Juden die Vertreter des Kapitals gehaßt. Die historische Entwickelung, welche eine solche nationalökonomische Lage geschaffen, hat sie dabei wenig interessirt. Mit historischen Studien Haben sich die ostelbischen Junker von jeher wenig abgegeben. Für sie war, ist und bleibt der Jude der Großkapitalist, der Getreidewucherer, der Güterfchlächter, der bis aufs Messer bekämpft werden muß. Alle Einwändeder