Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1896)
- Date
- 1896-08-07
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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niliilo! Was damals die Bajonuette nicht vermochten, das vollbringt jetzt die naive Dummheit der arischen Jugend. Wahrscheinlich wird das österreichische Volk auch die politische Drehkran!heit überstehen und wird gesunden und zu den einfachen, ewig gütigen Grundsätzen von 1848 zurückkehren, es wird wieder geeint seinen zahlreichen Feinden gegenüberstehen. Der gegenwärtig in Wien und Troppau herrschende Unsinn ist zu haarsträubend, als daß er lange andauern könnte. Allein dieses garstige Intermezzo bleibt doch eine Schmach für diese beiden Städte, welche eine so schöne, liberale Vergangenheit gehabt haben. Ich glaube und hoffe auf eine solche Wendung und Reinigung — werde aber wohl-selbst dieselbe nicht mehr erleben!" — Unterrichlsminister Freiherr v. Gautsch empfing vor einigen Tagen Frau Amalie Thilo-Naschör, um in verbindlichster Form die Annahme und die Zulässigkeit des von derselben geschaffenen „Lehrplans für weibliche Fortbildungsschulen", wie die ihres größeren Werkes „Erziehungswissenschaft für Jedermann" an das Ministerium zu überweisen. Der Minister gab seiner Freude der bewährten Pädagogin gegenüber beredten Ausdruck. — Der Eisenbahn- Minister hat bei der Organisirung seines Ministeriums auch zahlreiche israelitische Beamte zu höheren Stellungen berufen, so den Ritter v. Leon und Herrn Heinrich Graf zu Inspektoren, die Herren. Dr. Richard Ziffer und Siegmund Sonnenschein zu Ministerial-Vizesekreläreu, zu Ministerial-Konzipisten die Herren Dr. Isidor Mauthner und Dr. Heinrich Schlesinger u. v. A. — Hier ist Dr. Moritz Krassa, Direktor der Unionbank, gestorben. Das Leichenbegängniß fand unter reger Betheiligung auf deni israelitischen Friedhofe statt. In der Leichenhalle auf dem Centralfriedhose, welche dicht gefüllt war, hielt nach den rituellen Trauergesängen des Oberkantors Singer Oberrabbiner Dr. Güdemann eine tiefergreifende Traueransprache. Hierauf wurde der Sarg in der Familiengruft zur letzten Ruhe gebettet. LI. Budapest, 3. August. Die Gesetzgebung nahm behufs Entschädigung jener Seelsorger, die durch die Verstaatlichung des Matrikelwesens in ihrem Einkommen eine starke Einbuße erlitten, in den Etatsvoranschlag die Summe von 300 000 Kronen auf. Der Kultusminister, der den Rabbinern eine viel höhere Summe als im Vorjahre widmete, fordert nun die israelitische Landeskanzlei und die orthodoxe Durchführungskommission auf, ihm eine Liste der in ihrem Einkommen geschädigten Rabbiner vorzulegen, um die Vertheilung der Entschädigungssumme vornehmen zu können. Die Daten, die vor einigen Monaten abverlangt wurden, werden anläßlich der Regelung der Kongrua bei der Bestimmung des Gehalts Minimums der Rabbiner und der entsprechenden Ergänzung desselben verwerthet werden. — Der Schriftsteller Dr. Adolf Ko Hut wurde in Anerkennung seiner Verdienste als Präsident des Ungarnvereins in Berlin durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz-Josefs-Ordens ausgezeichnet. Die gesammte Presse begrüßte Kohut bei dieser Gelegenheit in äußerst sympathischer Weise. — In Neupest wurde Dr. Ludwig Venetianer feierlichst in sein Amt eingeführt. O Czernowitz, 31. Juli. Vom Hpfniarschallamte Seiner Hoheit des Herzogs Friedrich von Anhalt ist dieser Tage an den Herausgeber und Chefredakteur der „Theater-, Kunst- und Litteratur-Zeitung" in Czernowitz, Herrn Schriftsteller Isidor Obstgarten, folgendes Dankschreiben herabgelangt, wobei bemerkt werden muß, daß es dem genannten Herrn aus dem Grunde zu Theil wurde, weil er die Juli-Nummer seiner Zeitschrift mit dem Bildniß des Herzogs Friedrich von Anhalt geschmückt hat. Das Dankschreiben lautet wörtlich: „Dessau) den 15. Juli 1896. Die mir von Euer Hochwohlgeboren mit geschätztem Schreiben übersandten Exemplare Ihrer „Theater-, Kunst- und Litteratur-Zeitung" habe ich Seiner Hoheit dem Herzoge von Anhalt vorgelegt. Höchstderselbe nahmen mit großem Interesse davon Kenntniß und lassen Euer Hochwohlgeboren für die so freundliche Aufmerksamkeit Seinen verbindlichsten Dank aussprechen. Indem ich mich dieses höchsten Auftrages hiermit entledige, habe ich' die Ehre mich zu zeichnen als Euer Hvchwohlgeboren ergebener Berenhorst m. p., Oberst-Kammerherr und , Oberhofmarschall." Frankreich. S. Paris, 17. Juli. Einem russischen Journal entnehmen wir die interessanten Mittheilungen eines Herrn Krewitztui, welcher Amerika bereist und aus Dacota feiner Zeitung Folgendes berichtet. Mitten .in den Steppew dieses Staates begegnete ich einige Gruppen von russischen Juden. Zwei Familien, die ursprünglichen Besitzer des Territoriums, haben hier eine ganze Anzahl jener Auswanderer angesiedelt, die die Steppen urbar machen und hier verschiedene Feldfrüchte kultiviren. Es sollen in drei Gruppen er. 190 jüdische Familien in Nord-Dacota leben, von denen die ersten schon 1882 kamen, die weitaus größte Zahl aber erst in letzter Zeit sich niedergelassen hat. Die Kolonisten erklärten, sehr zufrieden zu sein, ihre Kinder besuchen die öffentlichen Schulen und lernen schnell englisch sprechen. Die russischen Reisenden können nicht Worte genug finden, um den Unterschied zwischen den feigen, gebückten russischen Juden und diesen kräftigen, frischen, muthigen Bauern zu schildern, die demselben Stamme angehören wie jene ersteren und mit ihnen noch vor wenigen Jahren zusammenwohnten. Großbritannien. mf. London, 30. Juli. Dem hier tagenden internationalen Arbeiterkongreß hat eine Resolution des Gewerkfchaftsraths in Leicester Vorgelegen, der Israeliten, gleichviel mit welcher ökonomischen Anschauung und gleichviel welcher Nationalität, ihre Zustimmung nicht versagen werden. Die Resolution richtet sich vornehmlich gegen die bereits bestehenden und weiter beabsichtigten Einwanderungsbeschränkungen in England und Amerika und lautet dahin, daß alle „beschränkenden Gesetze zur Verhütung der Landung fremder Armen in allen Ländern abgeschafft werden müssen". — Ein Berichterstatter des „Jewish Chronicle" hat unter den 800 Delegirten, welche 19 Nationalitäten repräsentiren, diejenigen aufgesucht, welche jüdischer Abstammung sind. Er rühmt das Auftreten des jetzt 55 jährigen Herrn Singer, der Mitglied des deutschen Reichstages ist und seinen Ueberzeugungen bereits große Opfer gebracht hat. Neben ihm sitzt auf der Estrade Herr Eduard Bernstein, ein Verwandter des trefflichen Publizisten Aron Bernstein, des Verfassers von „Vögele der Maggid", und, wie es heißt, ein begabter Journalist. Von deutschen Delegirten jüdischer Abkunft wäre noch der Reichstagsabgeordnete Wurm zu nennen. Aus Oesterreich ist der Herausgeber der vielgelesenen „Arbeiter- Zeitung"^ Wien, Dr. Victor Adler, anwesend, der, früher praktischer Arzt, seit 20 Jahren seine Zeit den Arbeitern gewidmet hat. Aus dem österreichischen Polen kommt die Delegirtin Fräulein Rosa Luxemburg, die, Russin von Geburt, schon Bemerkenswerthes über den Sozialismus in Polen veröffentlicht hat. Einige polnische Delegirte hatten versucht, ihr Mandat anzufechten, sie wurde indeß als vollberechtigt zugelassen. Der durch sein Duell mit Drumo nt, besser aber durch seine „Geschichte des Antisemitismus" bekannte Professor B. Lazare vertritt Frankreich. Er bereitet angeblich eine Geschichte des jüdischen Proletariats vor. Acht jüdische Arbeitervereine mit 5000 Mitgliedern sind allein aus England durch Delegirte auf dem Kongreß vertreten, doch sind das schlichte Arbeiter, während die Palme der Intelligenz den deutschen Delegirten zuerkannt wird. So lange das jüdische Proletariat in einzelnen Ländern noch auf bestimmte Wohnsitze eingeschränkt und die Freizügigkeit unterdrückt wird, werden leider auch die Organe des Judenthums, denen der Sozialismus ja etwas Fremdes ist, von diesen Dingen Notiz nehmen müssen. Rußland. g. St. Petersburg, 30 Juli. Der Verkehrsminister Fürst C h i l k o w beklagte sich, als er von seiner Besichtigung der sibirischen Eisenbahn zurückkehrte, beim Zaren über den Mangel an guten Civilingenieuren. Der Zar schien erstaunt und fragte nach der Ursache. Der Fürst Chilkow antwortete, daß ein großer Theil der russischen Ingenieure nicht angestellt werden könne. Warum nichts fragte der Kaiser. Weil sie Juden sind, war die Antwort. „Verbietet es das Gesetz?" — „Das eigentlich nicht, aber es ist so Tradition durch die Instruktionen meiner Vorgänger in: Ministerium." — „Dann setzen Sie die Traditionen und die ministeriellen Cirkulare bei Seite und halten Sie sich nur an das Gesetz," erwiederte der Zar. Das Resultat der kurzen Unterredung war die sofortige Anstellung von 40 jüdischen Ingenieuren bei den Arbeiten der Eisenbahnverwaltung.