Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1896)
- Date
- 1896-08-07
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Es barf faum erwähnt werben, baß geistvolle Neben und Toaste bas schöne Fest würzten. Von Seiner Majestät dem Kaiser ist dem Jubilare bte Ehemebaille hulbvollst verliehen worben. Schließlich barf nicht unerwähnt bleiben, baß Herr Wahl selbst bei Frost und Wetter keinem Gottesbienst, selbst nicht an Regentagen, sern bleibt. Möge ihm ber All-, vater hierzu noch lange Kraft und Gesunbheit und einen schönen undlangen Lebensabend schenken. Cft} Kolb erg, 30. Juli. Am letzten Sonntag, Vormittags 11 Uhr, fand im jüdischen Kurhospital die Stiftungsfeier dieser Anstalt statt. Der Betsaal des Kurhosp.itals hatte festlichen Schmuck angelegt.. In der stattlichen Versammlung, die sich eingefunden hatte, bemerkten wir neben zahlreichen Badegästen den Kolberger Bürgermeister Herrn Kümmert sowie die Vorsteher der Anstalt. Nach einleitenden Gesängen : und Gebeten bestieg Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt die Kanzel, um die Festrede des Tages zu halten. In gedankenreichen unb ergreifenden Worten schilderte der Redner die Mühseligkeiten und Vergänglichkeiten des Lebens, sowie die allen Schmerz der Erde verklärende Menschenliebe Der Redner gedachte des Weges, den die Anstalt seit 22 Jahrenf gegangen. Aus dürftigen Anfängen entstanden, sei das Hospital eine vielbegehrte Zufluchtsstätte der Armen und Bedrückten, der Beladenen und Schmerzensreichen geworben. Im letzten Jahre habe die Anstalt 171 Kranken die Pforten der Heilung und Genesung öffnen dürfen Aber noch sei vieles zu thun. Der Raum sei zu eng, das Haus zu klein, nicht der fünfte Theil der um Aufnahme Bittenden könne berücksichtigt werden. Deshalb habe die Anstalt im letztvergangenen Jahre das Nachbargrundstück hinzugekaust, damit auf erweitertem Terrain ein neuer Ban sich erhebe, nicht stolz und prunkend, sondern einfach und schlicht, aber luftig und weit, wie die Gesundheitspflege der modernen Zeit es gebiete. Mit einem begeisternden Appell an die nie versagende Liebe edler Menschen, auch zu diesem großen Werke mit Einzelspenden und größeren Stiftungen zum Neubau und dessen Einrichtung Beihilfe zu leisten, schloß die Festrede, welche einen tiefen Eindruck auf alle Erschienenen machte. Wußte man doch, daß der verehrte Redner nicht einer fremden Sache seine Worte lieh, sondern daß einer der Mitbegründer und Leiter der Anstalt, der seine ganze Kraft für dieses Werk seines Lebens rastlos hingiebt, vor uns stand! Möge reicher Erfolg das edle Streben lohnen! Mit einem Seelengebete für die Heimgegangenen Wohlthäter der Anstalt und dem Gebete für Kaiser und Vaterland schloß die ernste, erhebende Feier. Zu Gunsten der Anstalt findet) wie wir bereits mittheilten, am Donnerstag im Strandschloß eine Abendunterhaltung statt, zu der hervorragende Kräfte ihre gütige Mitwirkung zugesagt haben. Es steht zu erwarten, daß dieser Veranstaltung die Theilnahme weiter Kreise nicht fehlen wird. 15. Ems, 2. August. Eine Autorität auf dem Gebiete der Kunstmalerei, Herr Professor Emil Löweuthal aus Rom, ist am 30. Juli Hierselbst, wo er zum Kurgebrauch weilte, im Alter von 71 Jahren plötzlich aus dem Leben geschieden. Der verstorbene Künstler war ein persönlicher Freund Sr. Königlichen Hoheit des Prinzen Georg von Preußen, als dessen Gast er alljährlich hier weilte. — Seine Königliche Hoheit hat durch seinen Adjutanten den hiesigen Bezirksrabbiner Herrn Dr. Weingarten um ein feierliches Begräbniß nach jüdischem Ritus ersuchen lassen und dem verstorbenen Freunde einen Palmenwedel und herrlichen Kranz persönlich auf den Sarg gelegt. Herr Bezirksrabbiner Dr. Weingarten hielt eine zu Herzen gehende Grabrede, in welcher er die Verdienste des Heimgegangenen um Kunst und Wissenschaft hervorhob. Der Verstorbene entstammt der Stadt Jarotschin ut Posen, hat in Berlin die Akademie der Künste besucht, und sich später in Rom domizilirt. Er war ein hervorragender Porträt - Maler; zwei bedeutende Kunstwerke zieren die Berliner National-Galerie. Seine Königliche Hoheit Prinz Georg von Preußen lud schon seit Jahren den mit irdischen Glücksgütern nicht gesegneten Künstler als "persönlichen Gast hierher ein und bewohnte mit ihm einige Räume im Hotel Panorama. Nach seinem Ableben befahl Höchstderselbe durch seinen persönlichen Adjutanten Herrn Oberst v. Gröber einen sehr kostbaren Sarg nebst pompösen Funeralien, welche beide jedoch von dem hiesigen Bezirksrabbiner Herrn Dr. Weingarten als dem jüdischen Ceremoniell zuwider bezeichnet wurden. — Der hiesige Stadtmagisträt hatte die Beerdigung nach jüdischem Ritus vorläufig beanstandet und erst durch den deutschen Botschafter in Rom telegraphisch die Zugehörigkeit des Professor Löw.enthal zur jüdischen Religion feststellen lassen. — Herr Löwenthal schied genau ein Jahr nach dem Tode des hier ebenfalls verstorbenen Professor Derenbourg in Paris. ^.Bengel (Kreis Wittlich), 29. Juli. Eine Feier fand am Sonnabend in diesem kleinen Orte statt, wie derselbe eine dieser. Art wohl noch nie gesehen hat, und an welcher so recht erkennbar ist, wie Gott Diejenigen nicht verläßt, welche mit Ausdauer auf seine Hilfe und « Gnade vertrauen. Vor ca. 8 Jahren wurde die Synagoge der aus neun meist unbemittelten Familien bestehenden jüdischen Gemeinde wegen Baufälligkeit polizeilich geschlossen, ynh trotzdem fast alle Familienväter oft recht hart um die Ernährung ihrer Familie zu kämpfen haben, faßten diese den fast unausführbar erscheinenden Entschluß, ihrem Gotte ein neues würdiges Haus zu errichten. Nach rastlosem Arbeiten und Mühen haben dieselben diesen Vorsatz nun ausgeführt und ein Gotteshaus eingeweiht, um welches wohl manche andere Gemeinde mit weit mehr und leistungsfähigeren Mitgliedern sie beneiden könnte. Von Nah und Fern waren denn auch die Glaubensgenossen, von welchen Mancher wohl sein. Scherflein dazu beigetragen, herbergeströmt, um sich an der Vollendung dieses Werkes zu ergötzen und erfreuen, und war es ein imposanter Zug mit Musik und ChorgesaNg, der sich am Freitag von der alten nach der neuen Synagoge bewegte. An dessen Spitze schritt rüstig ein ehrwürdiger 96 jähriger Greis einher, Herr Mendel Schönmann, welcher noch Mitbegründer der alten Synagoge war und es sich trotz seines hohen Alters nicht nehmen ließ, aus Trier, seinem jetzigen Aufenthalt, herbeizueilen, um Gott für die ihm bewiesene Gnade, ein neues Haus erstehen zu sehen, zu danken. Besonders wohlthuend war es auch, die Theilnahme der christlichen Bewohner des Dorfes zu sehen, die ihre Aecker verließen, ihre Häuser beflaggten, mit Stolz auf das „Häuflein armer Luden" sehend, denen so Wunderbares gelungen, und sich an deren Frerchenfest betheiligten. — Es würde zu weit führen, die Einzelheiten der Festlichkeit, die allen anderen dieser Art ebenbürtig, zu erwähnen. Viel haben die stets offenen Hände unserer Glaubensbrüder am Zustandekommen dieses Werkes geholfen. — Allen Dank. — Äber ein edles Werk bleibt noch der Mildthätigkeit derselben Vorbehalten. Durch Sturm und Wetter in der alten Synagoge durchgefeuchtet, sind die Gesetzrollen der Gemeinde unbrauchbar geworden, und steht dieselbe vor der Nothwendigkeit, neue anzuschaffen, wofür alle Mittel fehlen. Edle Freunde einer guten Sache, die eine fTVin "ISD stiften oder Beiträge zu einer solchen geben wollen, können kein besseres, gottgefälligeres Werk thun, als solche dieser Gemeinde zuzywenden. Oesterreich-Ungarn. O Wien, 2. August. An den Vorstand des Troppauer Männergesangvereins ist von dem in Amerika lebenden Freiheitskämpfer Dr. Hans Kudlich ein Brief angelangt, in dem dieser u. A. über die Zustände in Oesterreich urtheilt und seine Anerkennung ausspricht, „daß es der bornirten antisemitisch-klerikalen Reaktion in Troppau auch nicht gelungen ist, aus den Köpfen und Herzen der Denkenden und Gebildeten den echt deutschen, freien und humanen Sinn gänzlich zu verdrängen. Mir selbst ist der Freudentag des 13. März vergällt und getrübt durch die Betrachtung der österreichischen Gegenwart. Während damals die österreichischen Deutschen innig zusammengestanden und vom ganzen Volke die Resultate des blutigen Kampfes acceptirt wurden, obwohl in unseren Reihen Juden mitgekämpft und geblutet hatten und obwohl die ungarischen Ideen Kossuths beigetragen hatten, die Wiener Studenten zu begeistern, ist jetzt Oesterreich zersplittert und zerrissen in ohnmächtige, kleine Fraktionen, die sich knabenhaft dumm in den Haaren liegen und sich in wahrhaft ekelerregender Weise mit politischem Koth bewerfen, auf alles Freiheitliche losschimpfen und in ihrer Afterweisheit glauben, daß mit der Judenfrage alle politischen, nationalen und ökonomischen Streitfragen und Schwierigkeiten gelöst werden könnten. Während auf solche erbärmliche Weise das antiliberale Deutschthum sich verächtlich und lächerlich macht, freuen sich der Dritte und der Vierte, der Klerikale, der Czeche, der Aristokrat, und auf den Schultern der arischen Jugend wird die vormärzliche Reaktion, wird der römische Pfaff und das ganze schöne Mittelalter wieder zurückgetragen und auf den Herrscherthron gesetzt. Wenn wir das hätten voraussehen können/würden wir wohl I kaum unser Blut verspritzt und Freiheit und Leben riskirt haben — pro