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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-07 · Heft 32 (7.8.1896) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 32 (7.8.1896)
Date
1896-08-07
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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' ■ Imerilra. \ W. Cirreinnati, 20. Juli. Die „Central - Konferenz" amerikanrfcher Rabbiner ist eine permanente.amerikanische Institution geworden. Sie hat die sieben Gründungsjahre glücklich und im stetigen Wachsthum zurückgelegt und tritt vollständig gerüstet und mit geschlossenen Reihen in ihr achtes Daseinsjahv arbeitslustig Änd arbeitsfähig. Was unser Amerika an philosophisch gebildeten Rabbinern, theologischen Lehrern und Schriftstellern besitzt — bis auf. drei oder vier. Männer — ist vereinigt in derCentral -"Konferenz, außerhalb derselben sind nur noch die in den zwei letzten Dezennien eingewandertcn polnischen Rabbis und einige von der älteren Orthodoxie, wovon nur zwei als Männer fürs öffentliche Leben uns bekannt geworden .sind. Die ganze jüdische Presse ist mit Ausnahme einer englischen Wochenschrift in den Händen von Konferenz - Mitgliedern — die Jargonzeitungen ausgenommen. Es ist also gelungen, und zwar das erste Mal in der jüdischen Geschichte, einen permanenten, das Rabbinat des ganzen Landes umfassenden Rabbinerverband zu errichten. Da die Hauptgemeinden des Landes das von dieser Konferenz verfaßte und herausgegebene Gebetbuch für Synagoge und Haus beinahe einstimmig angenommen und eingesührt haben, besitzt dieselbe das Vertrauen der Gesammtgemeinde und ist durch dieses Plebiscit gesetzmäßig als religiöse Autorität bestätigt. Ta ferner diese jetzt aus 140 Mitgliedern bestehende Konferenz auf der Grundlage des progressiven Fortschrittes im Judenthume gegründet und alle seine dem Publikum vorgelegten Arbeiten von diesem Prinzips ausgehen, ist das amerikanische Judenthum als identisch mit dem Reformjudenthum erklärt. Die Zukunft der Konferenz wird also einzig und allein von ihrer Prinzipientreue und ihrem Festhalten an derli historischen Judenthum abhängig sein. Das ist der Hauptgedanke, der im Konvent zu Milwaukee vom 7. bis 10 Juli die Verhandlungen geleitet hat; die Central - Konferenz hat ihre Permanenz vorbereitet durch Umgestaltung ihrer Grund- und Nebengesetze, die endgiltige Organisation des Unterstützungsfonds für dienstunfähige, Kollegen, die Finanzverwaltung und Verwerthung ihrer Drucksachen und den Ausgleich widersprechend scheinender Beschlüsse in den Protokollen aus früheren Jahren. Neues wurde hinzugefügt durch die Annahme eines allgemeinen Lehrplans für den Religionsunterricht... in den Sabbathschulen, Form und Formulare für Aufnahme von Prosclyten in der Gemeinde und eine Hymnensammlung mit der Musik, von der Kantoren-Association für den Gemeindegesang. Die Konferenz ist vollständig organisirt und equipirt, das Judenthum zeitgemäß rmd gleichförmig zu erhalten, zu pflegen und zu verbreiten und seinen rechtmäßigen Organen, beizustehen. Bemerkenswerth sind noch zwei Beschlüsse: 1. Die nächste Konvention im Juli 1897 in Montreal, der Hauptstadt Kanadas, also im Auslande stattfinden zu lassen, wa die Konferenz bereits zwei Mitglieder zählt; 2. im Einverständniß - mit der Union der amerikanisch - hebräischen Gemeinden an dem Religions- Kongreß in Paris im Jahre 1900 theilzunehmen und das amerikanische Judenthum zu repräsentiren; und drittens, daß der Präsident der Konferenz im Namen dieser die von dem New-Iorker Nabbinerverein ausgehende Petition an die hohen Behörden Großbritanniens und der Vereinigten Staaten, ein Schiedsgericht für endgiltige Erledigung aller internationalen Fragen, die den Frieden bedrohen könnten, unterzeichne. Diese in drei Tagen, resp. in 16 Sitzungsstnnden, geleistete Arbeit dürfte Denjenigen, die jedes Jahr das Lösen einer Reformfrage erwarten, unbedeutend oder gar geringfügig erscheinen. Die Betheiligten aber glauben, fleißig und geschäftsmäßig an der Arbeit gewesen zu sein, besonderst da' von den 18 Arbeitsstunden drei bis fünf den Vorträgen und Debatten darüber gewidmet wurden — dieselben nebst den Konferenzreden von Dr. Hecht, Dr. Hirsch, Dr. Großmann und Dr. Säle erscheinen im Jahrbuch der Central-Konferenz, und das sind neue litterarische Leistungen. Auch wurde beschlossen, daß jedes Mitglied ein freies Exemplar der von der Central-Konferenz veröffentlichten Kauzelreden — ein stattlicher Band von nahezu 400 Oktavseiten — erhalten soll. Für den Berichterstatter waren die Verhandlungen der Konferenz ein hoher geistiger Genuß. Von weit und breit sind sie gekommen, diese Lehrer des Glaubens, sprechen und besprechen, rathen und berathen, so ernst/so' würdevoll, daß man ihnen das EpfcMP ansieht und anhört — die unterlaufenden Sarkasmen gehören der neugierigen Zuhörerschaar, nicht der Konferenz, in ihr herrscht ein ernster Geist der Wahrheitsliebe. Aas I jüngste wie das älteste Mitglied spricht in Ueberzeugung, ohne nach Beifall zu Haschen, ohne selbstsüchtigen Hintergrund. Das scheint auch der Eindruck zu sein, den die Konferenz auf das Millvaukeeer Publikum gemacht hat, wie die zahlreiche Betheiligung, besonders in den Tempeln, und die gastfreundliche Behandlung an den zwei Bergnüguugsabenden zur Genüge beweisen, wofür freilich in erster Reihe die beiden Herren Rabbiner Hecht und Caro gesorgt haben. Von Nah und Fern. - Der deutsche Kaiser hat dem Präsidenten des' deutschen Hilfsvereins in Amsterdam, Herrn Julius Eltzb ach er, den Kronenvrden dritter Klasse verliehen. — Der Kaufmann Theodor Potsdammer in Lissa, Inhaber der Firma Aron .Süßkind Nürnberg junior, Mitglied des Gemeindevorstandes, Stadtverordneter u. s. w., ist zum Königlichen Kommissionsrath ernannt worden. — Die Tochter des Weingroßkaufmanns Treplowitz in Gleiwitz hat mit eigener Lebensgefahr drei Personen vom Tode des Ertrinkens gerettet. — In der Klinik zu Gießen starb am 21. v. M. Herr Max Grünebaum aus Mainz im 49. Lebensjahre. Derselbe hat im Kriege 1870/71 fast alle Schlachten mitgemacht, zeichnete sich aber namentlich bei Spicheru, Weißenburg, Wörth und Dijon aus, wofür er mehrfach dekorirt wurde. Er stand im 87. Nass. Infanterie-Regiment und war in Ruppertshofen, Provinz Hessen-Nassau, geboren. — Am 24. v. M. starb in Wien Herr Jonas Rintel, Lehrer der^ deutschen Hauptschule zu Tarnopol, im 81. Lebensjahre. Herr Rintel/hat' an.der obigen Anstalt 61 Jahre ununterbrochen als Lehrer fungirt. — Aus Karlsbad wird berichtet: Fürst Ferdinand von Bulgarien überbrachte dem hier zur Kur weilenden Hofschauspieler Adolph von Sonnenthal vor dessen Abreise persönlich sein Bild und die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft, die bisher nur die Königin von Rumänien erhalten hat. — Ein zur Kur irrKarlsbad weilender Sektionsrathbemerkte eines Morgens, wie die Brunnennymphe einen vor ihr stehenden polnischen Juden nicht bedienen wollte und an demselben vorüber nach dem Becher des Sektionsraths langte. Als dieser der antisemitischen Egeria vorhielt, sie möge doch zuerst den Herrn bedienen, ignorirte sie auch den freundlichen Sektionsrath und nahm einem Kurgast aus dem Qneue nebenan den Becher ab. Der Sektionsrath führte hierüber Beschwerde beim Bürgermeister — der Stadt Karlsbad natürlich — und die Adeptin des Herrn Gregorig hat jetzt Muße, an einer entlegeneren und weniger stark frequentirten Therme über ausübenden Antisemitismus nachzudenken. — Der. berühmte Philologe Signor Ascoli in Mailand ist zum Ehrenmitgliede der Akademie der Wissenschaften in Wien ernannt worden. — Der reiche jüdische Stoffhändler Jakob S ti n gl aus dem böhmischen Grenzorte W ild stein würde in der.Nähe des Ortes angeschossen, beraubt und bewußtlos aufgefunden. — In Retz (Niederösterreich) wurde am 22. v. M. unter großer Betheiligung der städtischen Behörden sowie zahlreicher auswärtiger Gäste ein neuer Tempel eingeweiht. Die Festrede hielt Herr Rabbiner Dr. Schächter aus Horn, — Lord und Lady Rothschild in L ond o n halten sich zur Zeit in Hawarden, dem Landsitz des greisen Gladstone, als dessen Gäste auf. — Eine der letzten Nummern der „Daily News" bringt einen Leitartikel über das Schwert des Moses (?trs Svvord of Moses), das älteste hebräische Werk über Magie, welches D. M. Gaster, der Rabbiner der portugiesischen Gemeinde in London, entdeckt und übersetzt hat — In der Gouvernementsstadt Grodn o ist der am Niemen belegene, meist von Juden bewohnte Stadttheil von einer furchtbaren Feuersbrunst vollständig eingeäschert worden. Ueber 1500 Menschen sind obdachlos; das Elend ist sehr groß, der Schaden bedeutend. — Dr. Henry Pereia Mendes ist zum Oberfeldprediger (Grand Chaplain of the Grand Looge) der New-Iorker Freimaurerloge ernannt worden. :Die Loge besteht seit etwa 100 Jahren, und Dr. Mendes ist der erste Jude, dem die Ehre dieser Ernennung zu Theil wurde. Die Thatsache, daß der Bischof Henry C. Potter sein Kollege ist, wird einen Begriff davon geben, was für Männer zu solchen Ehrenämtern auserlesen werden. — Moritz Rosenthal, welcher sich in der vorigen Saison zum ersten Male in England einführte, ist soeben für eine 100 Konzerte umfassende Tournee in Amerika engagirt worden. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich, für die Redaktion: M a x B a u ch w i tz in Berlin.

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