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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-07 · Heft 32 (7.8.1896) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 32 (7.8.1896)
Date
1896-08-07
Page
Seite 383 (sequence 11)
Language
German
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vereine der Gemeinde, gufafleit sollten. Dann kamen die entfernteren Bekannten an die Reihe, die Nachbarn, die Geschäftsfreunde, natürlich Anschel und Wolf obenan, auch andere Klienten, denen Neb Nephoel zeigen wollte, daß sie, wenn sie auch hie und da von ihm fünf Gulden borgen mußten, doch sin seinen Augen Menschen seien. Zn diesen kam auch noch ein Pathenkind, bei dem Reb Nephoel, obwohl' solchen Parade-Mizwoß, wie er sie . nannte, abhold, die böse Welt sagte freilich, weil sie Geld kosten, die Pathenstelle angenommen hatte, weil er damals „zu Buß" gesagt, im Trauerjahre nach seiner Mutter. Für das Behüten uild Beschützen dieser Gesellschaft und für ihre Immatrikulation in das Buch des Lebens wurden dem Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs weitere achtzehn Groschen geboten, welche für die Talmud-Thora Verwendung finden sollten. (Forts, folgt.) Richard Wagners erste Liede. Von Theodor Braun. s ist wohl ein Gemeinplatz, aber er bleibt darum doch von tiefer psychologischer Wahrheit, daß Ergebnisse, welche im Leben gewöhnlicher Sterblicher spurlos vorübergehen, dadurch, daß sie in das Leben solcher Menschen eiugreiseu, denen die Unsterblichkeit beschieden ist, eine besondere Bedeutung erlangen. Ein solches Ereigniß ist aber auch Richard Wagners erste Liebe. Die bisherigen Biographen des großen Tonmeisters waren sämmtlich Bayreuthianer, also keineswegs objektiv, vielmehr recht einseitig. Sie haben die Geschichte dieser ersten Liebe — ich will nicht sagen unterdrückt, aber einfach nicht erzählt, vielleicht auch nicht gewußt. Da kam vor zwei Jahren ein Mann nach Londoll Namens Ferdinand Praeger, ein Christ, aber nicht ganz zweifellosen arischen Ursprungs, jedenfalls kein eingefleischter Bayreuthianer, obwohl ein entschiedener Anhänger und intimer Freund Richard Wagners, und brachte ein Buch auf den Markt: „Wagner, wie ich ihn kannte." Dieses Buch entfesselte ein wahres Sturmgeheul in Bayreuth und Umgegend. Es regnete Schmähungen, Angriffe und Keulenschläge gegen den unglücklichen Mann, der aber inzwischen verstorben war und sich nicht vertheidigen konnte. Der Streit tobt noch heute fort, aber das Merkwürdige dabei ist, daß sämmtliche Gegner Praegers nur die von ihm mitgetheilten Briefe bemängeln können; das, was er über die Jugendzeit des Meisters erzählt, ziehen sie wohl auch in Frage, aber sie sind nicht im Stande, auch nur den geringsten Beweis gegen die Wahrhaftigkeit seiner Erzählungen vorzubringen. Ja, sie sind sogar gezwungen, viele Episoden, die Praeger aus Wagners Jugendgeschichte erzählt, als wahr und echt ausdrücklich auzuerkennen. Und da sie sich nicht anders zu helfen wissen, wagen sie die mehr als kühne Bermnthung, daß Praeger unberechtigten Einblick in eine Art Autobiographie des Meisters genommen habe. Sie machen es sich dabei sehr bequem; was ihnen in Praegers Erzählungen ans der Jugendzeit Wagners paßt, das trägt für sie den Stempel der Wahrheit; alles Andere ist „selbstverständlich" erfunden. ' Mit heiliger Scheu drücken sie sich aber an einer Episode vorbei, die Praeger sehr ausführlich in seinem Buche erzählt. Es ist dies die Geschichte von Richard Wagners Jugendliebe. Wir werden gleich hören, warum. Nur der Muthigste der ganzen Schaar, der Hauptbiograph Wagners, Karl Fr. Glasenapp, hat in der neuen Ausgabe seiner Biographie cs doch für nöthig befunden, einige Zeilen über die Angelegenheit vorzubringen. Er schreibt: „Mit interessanten Erzählungen von Richard Wagners erster Liebe können wir dagegen dem Leser an dieser Stelle beim besten Willen nicht dienen; zwar erzählt Praeger nach den angeblichen mündlichen Mitthcilungen des Meisters, um diesem empfindlichen Mangel in deffen Jugendgeschichte abzuhelfen, eine solche in voller Länge und Breite; doch ist er dabei ganz und völlig Novellist auf Wagners Kosten." Und in einer Anmerkung fügt Herr Glasenapp hinzu: „Seine unausgesetzten Beteuerungen und Anführungen ganzer Unterredungen zur Beglaubigung des von ihm Vorgebrachten sind in dieser Hinsicht ganz ohne Werth." Aber der sonst so zuverlässige Biograph bringt für diese Angriffe auch nicht den Schatten eines Beweises vor; ja noch mehr, kurz vorher, und bald darauf erzählt er in voüer Gemüthlichkeit einzelne Episoden aus Wagners Jugendzeit, die nur Praeger mittheilt, und die für ihn den berühmten Stempel der Wahrheit an der Stirn tragen. Warum weigern sich aber die Herren von Bayreuth, all die Geschichten von Wagners Jugendliebe zu glauben? Man höre und staune! Wagners erste Liebe — war eine Jüdin. Es war in Leipzig zu Ende der dreißiger Jahre bei einem Besuche, den er seiner Schwester Louise, die damals am dortigen Stadttheater engagirt war, machte. In ihrem Zimmer lag ein ungewöhnlich großer Hund, der sofort Wagners ganze Aufmerksamkeit in. Anspruch nahm. Die Liebe des Meisters für die Thierwelt, namentlich für schöne Hunde, ist ja bekannt. Mit Vorliebe zitirte er gern Karl Maria von Weber, der feinem Hunde, wenn er nicht gehorchen wollte, immer sagte: „Wenn du so fortsührst, wirst bn bald so dumm lind schlecht werden wie ein Mensch." Die Bcschäftiglmg mit dem Huilde im Zimmer seiner Schwester ließ den jungen Wagiler die Anwesenheit einer jungen Dame gar nicht merken, die Praeger Leah nennt, und welche gekommen war, um biefeu ihr gehörigen Hund abzllholen. „Leah David war eine Freundin seiner Schwester, ein ungewöhnlich schönes Mädchen im selben Alter wie Richard Wagner unb besaß den reizenden Typus der poriugiesischell Juden, der ganz orientalisch ist." Wagner fing sofort Feuer. Erhalte sich noch nie einem so schönen Mädchen genähert und noch in der späten Erinnerllng an dieses Jugendabenteuer sagte er: „Ich war höchst erregt und fühlte zum ersten Mal im Leben den Ansbruch eines solchen Gefühls; das war die erste Liebe." Vater David war ein reicher Mann, der gern Künstler in seinem Hause sah, und Richard Wagner, der bald darauf dort eiugeführt wurde, machte in diesem Hause viele Bekanntschaften, die ihm später nützlich'wurden. Leah war Davids einziges Kind. Sie hatte ihre Mutter früh verloren, und der Vater that Alles, was er ihr an den Augen absehen konnte. Es entspann sich bald ein freundliches Verhältniß zwischen Leah und dem juugeil Meister. Er wurde gern empfangen und besonders zu allen musikalischeil Soireen des Hallses zugezogen. An einem dieser Abende spielte auch ein Neffe des Hausherrn aus Holland mit großen: Beifall einige Klavierstücke. Dieser Erfolg ärgerte Wagner so sehr, daß er sich heftig über das Klavierspiel des jungen Mannes ansließ. Ein bischen Eifersucht wird wohl, auch dabei im Spiel gewesen sein. Als er aber nach vielem Drängen sich selbst an den Flügel setzte und recht ungeschickt spielte, wurde seine Stimmung immer heftiger und er vergaß alle Rücksicht so weit, daß er geradezu wüthend und grob wurde. Nur die peinliche Stille, welche in der Gesellschaft eintrat, ließ ihn merken, daß er sich lächerlich benommen habe, er eilte aus denl Zimmer, nahm seinen Hut und stürmte „mit Racheplänen aller Art" in die Nacht hinaus. Zwei volle Tage ging ec nicht zu Davids; aber bann hielt es ihn nicht länger, es trieb ihn zu seiner Angebeteten — aber es war

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