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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-07 · Heft 32 (7.8.1896) · p. Seite 382

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 32 (7.8.1896)
Date
1896-08-07
Page
Seite 382 (sequence 10)
Language
German
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„Wie heißt!" lautete die unter Thränen und Seufzern abgegebene Antwort, „wenn man eilt armer Mensch ist und einer kommt und nimmt einem den Bissen Brod vom Maul weg. Soll man da lachen? Hast Du denn nicht gehört, daß Reb Rephoel Kohen will auch mit Pantoffeln handeln?" Die Szene, die nun folgte, läßt sich nicht beschreiben. Joffes Kuchenfreffer sagte: „Chaim, so lange Du lebst, werde ich nicht sterben." Noffe „mit die kupferne Nos" schrie: ' „Soll ich leben und gesund sein. Chaim, wenn Du willst wieder mit mir auf den Mngramer Markt fahren, brauchst Du mir keinen Pfennig zu bezahlen," und Gnmpel Katzew rief: „Reb Lipmaun, gebt Chaim ein Maß Alten. Zahlen werde ich." Der arme Jossel mußte das und vieles Andere über sich ergehen lassen. Einer meinte, Jossel, der an dem geschäftlichen Untergang des Chaim schuld sei, sollte diesem eine Schreibestelle beim Oberamt verschaffen, da er doch mit dem Grafen und dem Amtmann „Bruder und Bruder" sei. Und Jossel mußte seinen Aerger verschlucken, weil sonst die Sache nur noch schlimmer geworden wäre. An einem Feiertage, als er mit vielen Anderen im „Rädel" vor der Schul stand, kam Reb Rephoel, der übrigens diesen plebejischen Vergnügungsplatz strenge mied, mit ein paar gestickten Sammetpantoffeln vorüber, die er mitnahm, um sie vor dem Priestersegen anzuziehen, ehe er sich die Hände wusch, damit er nicht in Strümpfen über das staubige Ziegelpflaster der Synagoge gehen müsse. Es wird vielleicht hier nöthig sein, zu bemerken, daß die Kohanim als Nachkommen Aarons das Privilegium genießen, die Gemeinde segnen zu dürfen. Da es aber nach alter orientalischer Sitte respektwidrig ist, seine Fußbekleidung bei einem so feierlichen Akte anznhaben, müssen sie vor Ertheilung des Segens ihre Stiefel nnszieheu und die Hände waschen, wobei wieder die Herren Levi Dienste zu leisten haben. Wie nun Reb Rephoel vorübcrging, sagte einer von dem Rädel so laut, paß er cs hören mußte: „Jossel, siehst Du, er hat schon Waare eingekauft zu dem nhuen Geschäft." Jossel schäumte innerlich, aber zeigen durfte er seinen Verdruß nicht, doch nahm er sich vor, früher oder später diese Schmach an denn mächtigen Konkurrenten zu rächen. Der geeignetste Tag hierzu war Jom Kippur. Allerdings soll inan an diesem Tag gegen seine Ncbenmenschen versöhnlich gestimmt sein, aber die menschliche Natur ist mächtiger als das Gesetz, uud Jossel, der um keinen Preis an dem Versöhnungstage sich auch nur den Mund ausgespült hätte, verschob gerade auf diesen Tag seinen Nacheplan. Kaum hatte Reb Jekef auf Anschels Zuruf sein „sechs Hiiiiiinduuuuuu für den Kohen" gerufen, als Jossel energisch rief: „Tausend!" „Zwölfbuudert!" gab Anschel zurück. „Fünfzehnhundert!" rief Jossel. „Zweitausend!" schallte es aus Anschels Winkel. „Dreitausend!" sagte Jossel. „Viertausend!" war Anschels prompte Erwiederung- Jossel wurde nun vorsichtiger, denn obwohl er entschlossen war, die versteigerte Ehre um jeden Preis für seinen Schwiegervater zu erhandeln, wollte er doch die Oekonomie nicht ganz bei Seite lassen, er bot nur hundert mehr. Anschel that es prompt nach. Dachte Jener, Anschel mürbe zu machen und bot zweihundert, that Anschel dasselbe. Bot Jossel. um zu zeigen, daß er noch lange nicht an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit angelangt sei, fünfhundert über Anschels letztes Angebot, gab Anschel ebenfalls fünfhundert mehr. Die Gemeinde beiderlei Geschlechtes folgte sehr vergnügt dem Kampfe, wie ja die Aufregung jedes Glücksspieles auf derselben psychologischen Basis beruht, daß mansch in die Hoffnungen und Befürchtungen der Kämpfer hineindenkt. Nur Reb Rephoellas scheinbar emsig in Bechajis Herzenspflichten das Kapiteb über Bekämpfung des Stolzes, obwohl er dem unverschämten Joffel es nie vergeben hätte, wenn es ihm, dem Sohne des Pautoffelflickers, gelungen wäre, Reb Rephoel Kohen eine Demüthigung zu bereiten.. Inzwischen rief Reb Jekef Schammes, dem von den hohen Zahlen schon schwindlig wurde, „dceiundachtzig Hindu!" Zum Dehnen der Vokale blieb ihm nicht mehr die nöthige Zeit. Anschel, dem die Geduld ausging, schrie, daß die Schul widerhallte: „Eine Million!" Das verursachte allgemeine Heiterkeit, denn man war gespannt, was Jossel sagen würde, obwohl er mit derselben Sicherheit eine Milliarde hätte versprechen können. Da geschah etwas Unerwartetes. Der Rabbi legte das kabbalistische Andachtsbuch „Likute Zcwi", aus dem er bis dahin gelesen hatte, aus der Hand, klopfte mit der Faust mehreremale auf den mit einer Serviette bedeckten „Ständer" und rief mit einer Stimme, die man dem kleinen, schwachen Männchen nicht zugetraut hätte: „Tarbus?) in eure Glieder herein!" Augenblicklich trat Todtenstille ein. Jossel setzte sich so geräuschlos wie möglich in seine Ecke, und Anschel suchte hinter dem breiten Rücken seines Vordermannes Schutz vor den Blicken, die sich von allen Seiten nach ihm wendeten. „Ist denn eine Höhle für Gassenjungen dieses Haus?" fuhr der Rabbi mit den Worten Jeremiahs fort, „wißt Ihr nicht, was der Prophet Jesaiah sagt in der heutigen Haftorah? „Ihr fastet nur zu Zank und Streit. Am Tage eures Fastens suchet ihr Späße, und alle eure bösen Leidenschaften schüret ihr." Ich werde nicht dulden, daß man den heiligen Ort entehrt durch Verhetzung. Die Alije^) wird überhaupt nicht verkauft, sie ist eine Chasoke,^) und dabei bleibt es. Aller Widerspruch verstummte. Selbst Joffel, der geschlagene Theil, wagte keine Widerrede, ja nicht einmal eine Kritik in seinem Innern. Reb Rephoel hatte seinen Segensspruch über die Thora gesagt. Der Abschnitt von dem Tode der beiden Söhne Arons wurde vorgelesen. Reb Rephoel weinte,.denn wer über den Tod der beiden Söhne Arons Thränen vergießt, darf sicher sein, daß seine Söhne nicht bei seinen Lebzeiten sterben. Der Chasan^) schloß, mit dem ergreifend feierlichen Tone, der für diesen Tag vorgeschrieben ist, sagte Amen in demselben Tonfall auf Rephoels Benediktion und begann den Mischeberach, den Segen, der lautet, daß der Herr, der unsere Väter Abraham, Isaak und Jakob gesegnet hat, segnen möge den Rabbi Rephoel, Sohn des Rabbi Mordechai Hakohen, weil er hingetreteu ist zur Ehre Gottes, zur Ehre der Thora und zur Ehre des Gerichtstages, und zum. Lohn dafür möge Gott ihn behüten und beschirmen und ihn einschreiben in das Buch des Lebens mit ganz Israel, seinen Brüdern. Amen." Jetzt halte Reb Rephoel seine Aufträge zu geben. Zuerst ließ er den Mitgliedern des Vorstandes, einen Mischeberach machen, denn obwohl er ans seiner Unzufriedenheit mit der herrschenden Plebejerkaste niemals das geringste Hehl machte, war sein politischer Takt doch zu groß, als daß er den öffentlichen Anstand aus den Augen gelassen hätte. Für die Bitte um das Wohlergehen dieser Herren opferte Reb Rephoel achtzehn Groschen. Die Zahl achtzehn ist nämlich, weil sie dem hebräischen Worte für Leben an Zahlenwerth gleichkommt, für solche Fälle besonders beliebt. Danach kam die Familie an die Reihe, Frau, Kinder, Geschwister, Schwäger und Schwägerinnen und was nur einigermaßen in den Bereich der Familie gehörte. Für deren Beschiitzuug und Einschreibung in das Buch des Lebens wurden weitere achtzehn Groschen in Aussicht gestellt, die der Chevra Kaddischa, dem Armen- und Krankenünterstützungs- Moralphilosophisches Buch aus dem 11. Jahrhundert. 2) Respekt. 3) Das zur Thora Gerufenwerden. *) Ein durch Verjährung hingefallenes Recht. 5) Vorbeter.

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