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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-07 · Heft 32 (7.8.1896) · p. Seite 381

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 32 (7.8.1896)
Date
1896-08-07
Page
Seite 381 (sequence 9)
Language
German
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gefunden; ' sie stand auf und schien geheilt zu sein. Wie sie strahltim frohen Glauben, wieder den Ihrigen angehörenzu können, wie sie hier mit liebender Verehrung von allen Seiten empfangen wurde! Aber nur einige Monate sollte sie sich, sollte ich mich dieses bangen Glückes erfreuen, denn sreilich die Bangigkeit, die wir uns gegenseitig zu verbergen suchten, war dennoch nicht von uns gewichen; da trat in Salzbrunn, einem nahen Badeorte, wo wir mit den Kindern die Ferienzeit zubringen wollten, in neuer, den ganzen Körper ergreifender Form das Uebel auf. Unter Furcht und Hoffnung, die mir in den letzten Monaten ganz geschwunden war, die sie nie ganz ausgab, schlich die Zeit hin bis zuin 6. Dezember, dem Tage vor ihrem Geburtstage, da schloß sie die mndln Angen sanft, ein Ereigniß, das erwartet war und doch so urplötzlich eintrat. Ich habe viel verloren, und nachdem ich alsbald meinen Kindern, meinem Amte, der Wissenschaft treu zu leben mir gelobte, es meiner guten Natur gelungen ist, das Gelübde zu halten, ich dem Leben voll und ganz angehöre, so bleibt doch die schmerzliche Lücke mir stets neu, mein Hans ist und bleibt verödet. Es ist ein Glück für mich, daß mein ganzes Leben niemals mir angehörte, daß es stets einer Idee gewidmet war, und diese Idee wird mir Tag für Tag klarer, und ich weiß, ich muß der treue Arbeiter für sie sein, und ich bin es. Es ist ein Glück für mich, daß meine Kinder wohlgerathen sind und in dem Alter, das nicht mehr jener ununterbrochenen Pflege bedarf, die um* bie Mutter geben kann, und dennoch wieder noch so jung, daß sie Jahre lang mich noch umgeben. Es ist ein Glück für mich, daß ich mir eine Lebensstellung errungen, die sorgenfrei und geachtet ist und es täglich mehr wird. Wie wehmüthig aber ergreift es mich, daß ich all das Glück nicht mit ihr theilen kann. Die Liebe hatte ihr zum Verständniffe für all mein Wollen und Thun das Auge und den Geist geschärft und sie nahm daran so herzlichen Antheil; sie war so recht die Nabbinerin der Gemeinde und was der Manu so mühsam sich erkämpfen mußte, es ward ihr mit solcher Freude entgegengebracht, und die Kinder, wie wären sie ihr Stolz gewesen, wie wäre sie in ihnen wieder neu jung geworden, und jede liebevolle Aufmerksamkeit meinerseits, wie empfand sie dies so tief, wie war sie davon beglückt! Daß sie so freundlich herniederblickt, wie ich sie immer vor mir sehe, und nicht einmal diese Freude an unserer Seite ausdrücken kann, ach, lieber Freund, das thut wehe, sehr wehe! — Du hast sie als liebliche Jungfrau gekannt, sie blieb so das ganze Leben hindurch, der Jugendreiz schwand, aber schön war sie bis zum letzten Augenblicke, und die weibliche Anumth und Würde erhöhte sich immer mehr. Sie wäre eine Greisin geworden, vor der ein Jeder schon aus weiter Ferne aufgestanden wäre. Ich spreche nur zu Dir so, lieber Freund, ich bin sonst nicht blos ruhig, ich gehöre voll meiner Thätigkeit an. Sie nimmt mich ein; daß die Zeit heilte, kann ich freilich nicht sagen. Es ist keine Wunde, es ist kein Schmerz, den ich um meinetwillen fühle, mich schmerzt es nur so tief, daß sie sich nicht mit freut. Was ich an ihrem Grabe aussprach : — wenn ich dieser Stätte des Friedens vergessen könnte, so müßte ich alles Echten und Rechten, alles Guten und Edlen vergessen, das kann ich heute nach mehr den 14 Monaten noch eben so sogen, und es wird mich wohl das Leben hindurch begleiten. Ich gehöre nicht zu Denen, die im Schmerze wühlen, aber es thut mir gar sehr wohl, wieder einmal aus tiefstem Herzen von ihr fptedjeit zu können, als wäre sie gestern geschieden.. Auch dessen, weiß ich, freut sie sich, und mir ist es ein Genuß, mir sagen zu dürfen, daß ich nicht blos 20 Jahre hindurch ihr Glück und ihr Stolz war, sondern daß sie auch heute noch in mir lebt! Du siehst, lieber Freund, ich spreche zu Dir, als wäre ich erst gestern von Dir weggegangen, und wenn ich es auch bedauerte, von Dir nichts zu hören, so warst Du mir doch keinen Augenblick entfremdet. So möge denn der neu angeknüpfte Faden glücklicher sich fortspinnen, als es ehedem der Fall war. Schreibe bald wieder Deinem treuen Freunde Geiger?) E—;-1 1—1 |--—--H!-> 1fl | FEUILLETON 1 ii 1-i ----St.--1 —fl— Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) s ist ganz überflüssig, zu bemerken, daß Jossel noch am selben Tage erfuhr, was Reb Rephoel gesagt hatte, und das verdroß ihn umsomehr, als er jetzt die Zielscheibe des Spottes für alle Welt wurde. Chaim Schuster saß eines Tages in der Weinstube, wo er nach Ansicht seines Weibes überhaupt viel häufiger zu finden war als in der Werkstätte, mit einem so betrübten Gesichte, daß jeder erstaunt fragte: „Chaim, was ist der Mähr?" Ehaim antwortete nur mit einem Achselzucken: „Jeder weiß allein, wo ihn der Schuh drückt." Man schenkte ihm mehrmal ein, was Chaim nicht verschmähte, aber seine Stimmung blieb gedrückt wie vorher, so daß selbst Diejenigen, die von vornherein gemeint hatten, .Chaim habe nur einen Scherz vor, diese Meinung jetzt aufgeben mußten. Endlich trat Jossel ein. In demselben Augenblicke ließ Chaim ein unterdrücktes Schluchzen hören und fuhr sich mit einem Taschentuch über die Augen,'so daß Alles erschreckt aufschaute. : „Chaim," sagte Jossel, „ist Dir, Gott behüte, ein Unglück geschehen?" i) Die letzten Briefe von Nr. 24 an, nämlich die von 1846—62, erhielt ich erst nach dem Tode des Adressaten, ja sogar, nachdem der Hanpttheil des Manuskripts schon iw den Händen der Redaktion war, durch meinen Freund H. Derenbourg in Paris, vireotear adjoint ä l’6cole des haules iludes. . Daher ist auch der ursprünglich gewählte Titel 1833-42 beibehalten worden Daß sie trotz der durch die Briefe selbst konstatirten häufigen und langen Briefpausen nicht die einzigen in dem zwanzigjährigen Zeitraum (von 1842 an) geschriebenen Briefe sind, ist gewiß; schon Geigers Pariser Reise (1855) gab sicher Anlaß zu mancher schriftlichen Darlegung. Die nach 1862 geschriebenen Briefe haben mir nicht Vorgelegen. Es ist dies, abgesehen von den in der Einleitung dargelegten Momenten, aus zwei Gründen sehr zu bedauern. 1. Dadurch wird der Vergleich zwischen den theologischen Anschauungen Geigers in seiner Jugendzeit und denen seines Mannesalters unmöglich; man weiß, daß einzelne Anschauungen über Judenthum, besonders aber über Christenthum sich sehr stark änderten. 2. Das Eingehen in die wissenschaftlichen Arbeiten Dernburgs, die nach längerer Pause 1867 wieder ausgenommen wurden, fehlt. Vielleicht werden auch diese Briefe noch in dem. Nachlasse des kürzlich Verstorbenen gefunden; mag es dann gestattet sein, noch einmal auf jenen merkwürdigen Freundschaftsbund zurückzukommen. Stimmungsvoller . aber, als es durch obigen Brief geschieht, konnte diese Sammlung nicht geschlossen werden. Denn er zeigt, durch die liebevolle Würdigung meiner guten unvergeßlichen Mutter, daß die Freunde, bei allem Interesse für religiöse und wissenschaftliche Angelegenheiten das Reinmenschliche niemals vergaßen.

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