Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1896)
- Date
- 1896-08-07
- Page
- Seite 378 (sequence 6)
- Language
- German
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sich der Ausdrucksweise gewöhnlicher Menschen an." Der früher am weitesten verbreitete Choboth ballebaboth des Bachia ibn Bäkoda bringt zur Erklärung dafür einen der derben Veranschaulichungsweise entsprechend derben Vergleich. „Ein Mann erscheint bei einem reichen Freunde, und dieser hat für seine Verpflegung zu sorgen. Er besitzt auch Vieh, welchem Futter gereicht werden muß. Da sendet ihm der Reiche große Mengen Futter für sein Vieh, aber von der für ihn selber bestimmten Speise nur so wenig als nöthig ist und für seinen Unterhalt allein hinreicht. Die Deutung ist klar. Der verständige Bibelleser findet in den prophetischen und übrigen Schriften nur wenige Stellen, welche die, Geistigkeit Gottes deutlich aussprechen; die breite Grundlage ihres Inhalts aber ist auf dem Standpunkte der Unverständigen angelegt. Nach einer anderen Stelle deffelben Religionsphilosophen, bei der er den angeführten Vergleich wohl noch im Sinne hat, nennt er die gemeinverständliche Ausdrucksweise der Bibel den Pfiff, der die Heerde 311 Speise und Trank herbeilockeu?) soll. — So wenig diese Berücksichtigung der großen Menge der religiösen Erkenntniß erleuchteter Geister geschadet hat, kann auch die Fürsorge für die religionsunterrichtlichen Bedürfnisse der breiten Masse dem redlichen Eifer der Frommen Schaden bringen. Oft ist der Rathschlag ertheilt worden, den Religionsunterricht mit Rücksicht ans die aus der geschichtlichen Vergangenheit der Schule bekannten Uebergriffe des Klerus gänzlich diesem zu überlassen. Diese allgemeinen politischen Erwägungen finden jedoch durch die Besonderheit unserer Verhältnisse keine Anwendung auf uns, und so können und muffen wir uns ganz allein von religiösen und pädagogischen Gesichtspunkten leiten lassen. Diese aber lassen den Verzicht auf eine gesetzliche Regelung des jüdischen Religionsunterrichtes als eine Preisgabe deffelben erscheinen, deren wir nicht fähig sind. Ein Volk, dessen Könige seine Lehrer waren, (David, Salomo, Josaphat, Josiah, Agrippa I.) und welches einen ganzen Stamm, die Leviten, aus seiner Mitte mit der besonderen Bestimmung ausschied, den König in diesem Amte zu unterstützen,l * 3 4) ein Volk, dem das Forschen in seiner Lehre das Lebenselement ist, wie dem Fische das Wasser,10) ein solches Volk muß für seinen Unterricht alles daransetzen, auch nachdem es seine Nationalität verloren und nur die Gemeinschaft des Glaubens sich bewahrt hat. —- Bei einer Theilung der religiösen Amtsgeschäfte wäre also dem Rabbiner die Kanzel und dem Lehrer, entsprechend seiner Vorbildung und seinem Gesammtinteresse, die Schuleeinzuräumen, sowie für den Vorbeter das Wort des 'polnischen Chasan gilt, wenn er feine Bimah betritt: „S'Brettl kher mein!" (Das Pult gehört mir.) — Der Rabbiner wäre bctniit nicht auf die bloße Inspektion des Unterrichtes beschränkt. Er könnte ihm auch weiterhin mit seinem reichen hebräischen Wissen dienen, denn die Klage Horwitz': 5) „Wie die jüdische Litteratur .im Leben keinen Boden, so hat der winzige jüdische Boden — die Schule — keine Litteratur" ist noch ungestillt. Nur sollte die damalige Verbindung eines hervorragenden hebräischen Gelehrten, wie Professor Steinschneider, und eines anerkannten Schulmannes, wie Horwitz, zur Herstellung eines kleinen Büchleins für die Religionsschule zu größerem Nutzen derselben maßgeblich bleiben. l) I. Pforte, 10. Abschnitt, in Fürstenthal's Ausgabe 36». Daselbst 43 a. - ») Vgl. V. B. M. 17, 19 und 2. B. d. Chron. 17, 7 rc. 4) Vglll die bekannte Fabel des R. Akiba vom Fuchs mit den Fischen. 6) Spruchbuch für jüd. Schulen von A. Horwitz und M. C teinschneider, Berlin 1647. Zum Schluffe sei noch dem Vorwürfe begegnet, daß-es dem jüdischen Religionslehrer-hauptsächlich um eine Aufbesserung; seiner materiellen Lage und seines Ansehens zu thun sei. Honny soit qui mal y pense! Der jüdische Religionslehrer findet in der Ausübung seines Berufes nicht allein einen edlen Lohn, sondern auch eine hinreichende Würde. Den Taktvollen wird auch nicht die Sorge schrecken, daß er nach seiner gleichberechtigten Aufnahme in den allgemeinen Lehrkörper die rechte Stellung darin verfehlen könnte. Mögen diese Ausführungen dazu beitragen, der sittlichen Erziehung unserer Kinder im Allgemeinen und insbesondere ihrem religiösen Unterrichte eine bessere Zukunft zu bereiten. Der Salon 1896. Bon M. Friedeberg. II. der Plastik leisten dieses Mal einige Berliner ganz Hervor- 'OP ragendes, auch scheint bei den bedeutenden Bildhauern, die C5-5 * Deutschland heute besitzt, geradezu eine Bevorzugung biblischer Stoffe vorznwalten. An der Schlichtheit und klassischen Ruhe der ersten Seiten des Buches der Bücher wollte auch Reinhold Begas sich einmal von dem etwas aufgebauschten Pathos der modernen Bildhauerkunst erholen. In dem Kabinet 16 finden wir seine Slizze zu einer Gruppe „Adam und Eva" und die Bronzegrnppe „Kain und Abel", den mehr thierischen Brudermörder und den. zarten Abel in heftiger Bewegung. Auch das Meisterwerk Peter Breuers „Adanl und Eva" in dem Nachbarkabinet wird man nicht unter die „alttestamentarischen Nippsachen" rechnen dürfen, ebenso wenig wie die wohlgelungene Terrakottagruppe von N. Geiger. Max Levi, der uns vor zwei Jahren mit seinem „David mit dem Haupte des Goliath" erfreute, hat dieses Mal einen „Kugelspieler" (Nr. 2931) charakteristisch in Wachs geschaffen. Arthur Lev in sandte aus Nom die Bronzestatuette des „Stein werfenden Knaben" und die Gipsgruppe „Streitende Knaben"; ebenfalls ans der ewigen Stadt kommen die Arbeiten des zu Stildienzwecken nach Rom gegangenen H. Glicenstein „Abel", eine Bronzebüste, und die Brunnenfigur Arion. H. Hahn-München nennt das niedliche, eine Frau darstellende Figürchen Nr. 2848 „Eva", seine Doppelbüste in Bronze scheint große Porträtähnlichkeit zu besitzen und imponirt durch sorgfältige Ausführung. Auf dem Gebiete der Bildnißbüsten und Bildnißreliefs leisten I. Moser und Hugo.Nathan, Beide in Berlin, Vorzügliches. Des liebenswürdigen Humoristen Siegmund Haber vortreffliche Bronzebüste von Ludwig Mangel-Charlottenburg wird die zahlreichen Verehrer des Verstorbenen erfreuen; eine Büste des hervorragenden Physiologen Professor Dr. Hermann Munk hat F. Lepcke-Berlin geschaffen. Der bereits einmal erwähnten Heine- Büste von Werner Begas müssen wir noch einige Worte widmen, bevor wir unseren Rückblick über die Skulptur auf der diesjährigen Ausstellung schließen. Welche Absicht den Künstler geleitet hat. als er uns den Typus des kranken, bereits dem Martyrium der Matratzengruft verfallenen Heinrich Heine vorführte, wissen wir nicht, vielleicht wollte er dem Bildungspöbel ins Gewissen reden, der Herters Brunnengruppe mit dem Bildnißrelief des jugendschönen Dichters aus heuchlerischen Motiven abgelehnt hat. Sicher wird Niemand dieses bereits mit den Furchen des Schmerzes gezeichnete Antlitz in