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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-07 · Heft 32 (7.8.1896) · p. Seite 376

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 32 (7.8.1896)
Date
1896-08-07
Page
Seite 376 (sequence 4)
Language
German
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höchsten Interessen der Menschheit, den geistigen und moralischen Charakter unseres Stammes zu entwickeln und zu heben, die reinsten Prinzipien der Menschenliebe, der Ehre und des Patriotismus ihm einzuprägen, Wissenschaft und Kunst zu unterstützen, die Noth der Armen und Dürftigen zu lindern, die Kranken zu besuchen und zu pflegen, Wittwen und Waisenzu beschützen und denselben auf den umfassendsten Grundsätzen der Menschlichkeit beizustehen." Dieser Satz enthält wie die Devise des Ordens: „Wohlthätigkeit, Bruderliebe und. Eintracht", eine Fundgrube ethischer Aufgaben. Die Wohlthätigkeit, nicht in dem engbegrenzten Sinn von Almosenspenden, erstreckt sich auf alle Menschen ohne Unterschied des Glaubens. Bruderliebe sollen wir eingedenk der herrlichen Prophetenworte üben: „Haben wir nicht Alle einen Vater, hat uns nicht ein Gott geschaffen, warum soll Bruder gegen Bruder untreu sein?" Oder des.Wortes unseres Moses Mendelssohn : „Wollet ihr gehegt und geduldet und von Anderen verschont sein, so heget und duldet und schont euch untereinander! Liebet, so werdet ihr geliebt werden!" Und „zur Eintracht, .zu herzinnigem Verein" sollen wir uns zusannnenschaaren in der Ausübung guter Werke, in der Vervollkommnung unseres Geistes und Herzens. So ideal auch die Mission des Ordens ist, so müssen wir doch durch Zahlen beweisen, daß die jüdischen Logen in Deutschland seit ihrem Bestehen auch wirklich werkthätig sich gezeigt haben. Wir verweisen auf den hochinteressanten Bericht der Großloge: für Deutschland vom November 1893 und wiederholen daraus, daß voll 3000 Mitgliedern, die 29 Logen angehörell, eine Summe von 2 655 296 Mk. aufgebracht wordeil ist; davon dienten zur Hilfeleistung an Mitglieder 339 634 Mk., all Wittwen und Waisen 240 000 Mk., all Versorgungs-, Erziehlingsrc. Anstalten 263000 Mk., für sonstige Wohlthätigkeitszwccke 495 000 Mk., für Vorträge über Geschichte, Litteratnr und Kunst haben die deutschen Logen über 25 000 Mk. verausgabt. Die feindselige Stimmilng, die viele unserer Glaubens-' genossen noch gegen unfern Orden einnehmeu, beruht zum allergrößten Theil auf Unkenntnis; der Logenbestrebungen, und die Folge davon ist, daß man den Orden in einen künstlichen Gegensatz zu den Gesellschaften für ethische Kultur zu bringen sich bemüht. Die beiden Vereinigungeil haben, wie gesagt, vieles miteinander gemein, nur hinsichtlich ihrer Orgallisation sind sie insofern von einander verschieden, als die letztgenaluite grundsätzlich Anhängern aller Konfessionen Aufnahme gewährt, der Ordell nur Jsraeliteil zn Mitgliedern zählt. Die Ausschließung Andersgläubiger ist kein Akt der Intoleranz, sondern eine natürliche Reaktion gegen den allgemeinen im Freimaurerorden üblichen Brauch, Jllden von der Aufnahme (mit Sitz und Stimme) auszuschließen; anderenteils liegt der Vereinigung die Tendenz zu Grunde, eine sittliche Vervollkommnung erst in dem kleillen Kreise von Glaubensgenoffen selbst anzustreben. Wir würden es allch nicht für verfehlt ansehen, weiln sich die christlichen Mitbürger als solche zusammenthun möchten, um erst im Kreise der Glaubensgenoffenschaft selbst ethische Grundsätze wahrhaft zn erfassen, Ideen der Glaubens- und Gewissenfreiheit in sich aufzunehmen und zu bethätigen. Bei dieser Gelegenheit wollen wir. gleich darauf Hinweisen, daß uns eine sehr rege Theilnahme unserer Glaubensgenossen au der „Gesellschaft für ethische Kultur" nicht ganz opportun erscheint, weil dann infolge konfessioneller Vorurtheile die größere Theilnahme von seiteil der christlichen Mitglieder gefährdet ist, ivie wir beobachtet haben. Es hat also doch einen großen Werth, wenn erst die einzelnen Glaubensgenoffenschaften an ihrer Selbstläuterung arbeiten, wenn erst in kleineren Kreisen die Herzen begeistert, die Köpfe erleuchtet unb zum Ausbau großer Gedanken befähigt werden. Kchuhucht. Bon Mittelschullehrer Max Golde in Dresden. VI. - wir die Mittel der Schulzucht bezüglich der Ursache ihrer Wirksamkeit erforschen, so muffen wir darin h'aupt- - e' sächlich zwei entgegengesetzte Momente unterscheiden; einerseits das zwar künstlich erregte und geleitete, aber doch frei nach eigenem Gefallen handelnde Interesse und andererseits einen künstlich erzeugten, äußerlichen Anstoß, der den Willen mehr oder minder gewaltsam zunl Handeln antreibt. Jenes'wirkt durch den ihm innewohnenden eigenen Trieb bei der Belehrung, dem Beispiele, Beifall und Tadel, dieser aber durch eine ihm ursprünglich fremde Autorität, . und zwar beim Befehl, bei Belohnung und Bestrafung. (Bei der Gewöhnung ist jede dieser beiden ursächlichen Kräfte möglich, diese selbst also nicht bestimmt, doch ist eine bestimmte Form ihrer Wirksamkeit geboten.) Interesse und Disziplinargewalt wirken demgemäß .mit verschiedenem Erfolge auf die Willensthätigkeit ein. Der Wille des Jntercssirten bewegt sich in freier, ungehemmter Spontanität, ist lebhaft, kräftig, willig, der höchsten Entschlüsse fähig und von so langer Dauer, bis der Geist von einem anderen Reize erfaßt wird. Dagegen ist der gleichsam durch eine fremdstoffliche Injektion belebte Wille genöthigt, seine Kraft zu zersplittern. Ein Theil wird von dein eingeimpften Antriebe selber aufgebraucht, und nur der Rest strebt nach der von ihm vorgeschriebenen Richtung. Praktisch ausgedrückt, der Schüler trachtet zumeist danach, von dem auf ihn ansgeübten Zwange frei zu kommen oder auch die ihm vorgewiescne Belohnung zu gewinnen und nur theilweise danach, die gestellte Forderung zn erfüllen. Zwar erscheint der Eifer eines nach Auszeichnung strebenden Schülers lebendiger als der eines unter dem Zwange handelnden, doch dient jener Eifer ja nicht dem Wissen selber, sondern der dafür ausgeworfenen Belohnung. Das für die Pflicht selbst eingesetzte Streben ist tatsächlich bei dem Ehrgeizigen wie bei dem Gestraften gleich groß, nämlich so groß, als die Heiden zu Grunde liegende Autorität zu wirken vermag. — Während diese mit Bezug auf Intensität des Wirkens weit hinter dem Interesse zurückbleibt, ist sie diesem an Extensität, d. h. an Umfang des Wirkungskreises, weit überlegen. Da nämlich das Interesse nur unmittelbar wirken kann, so muß es immer wieder neu erweckt oderangeregt werden. Die äußere Disziplinargewalt aber wirkt auch in der Ferne' durch eine Suggestion, welche ununterbrochen dauert, sobald nur ihre Autorität gleich zu Anfang in Achtung gesetzt worden ist. Ferner stellt sich das Interesse nur dann ein, wenn der Unterricht den Schüler in passender Stimmung findet oder die Kraft hat, diese zu erzeugen. Dabei ist es sogar von äußeren Zufälligkeiten abhängig; es kann nicht eintreten, wenn die Eltern oder andere Lehrer oder auch Mitschüler das Kind in einem anderen Sinne beeinflußt haben, oder wenn häusliche Verhältnisse oder auch nur eine vorübergehende Stimmung ihm widerstreben: Das Interesse bietet also dem Lehrer nnr wenige Angriffspunkte dar. Dagegen ist die Verwendung der äußeren Disziplinarmittel von jeder Bedingung frei und daher stets durchführbar. Sie wirken bei allen Stimmungen, unter allen Verhältnissen, zu allen Zeiten und gegen alle Hindernisse. Sie bringen den Schüler dahin, seine Liebhabereien zu Hause im Stiche zu lassen, nach der Schule zu eilen und dort stundenlang festgebannt auf einem Sitze zu verharren. Sie drängen bisweilen in Lehrer utib Schüler Empfindungen, die. ihren Geist mit elementarer Gewalt bewegen, zurück und sammeln ihre Aufmerksamkeit in einem entlegenen Punkte. Dazu kommt noch, daß

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