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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-07 · Heft 32 (7.8.1896) · p. Seite 375

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 32 (7.8.1896)
Date
1896-08-07
Page
Seite 375 (sequence 3)
Language
German
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375 Are Gesellschaft für ethische Kultur und der U. O. B. B. Von Dr. M. Spanier in Magdeburg. fte „soziale Frage" ist uralt, ebenso wie es die Gegensätze zwischen Arm und Reich sind und Laster wie Genußsucht, Habgier. Betrug; nur mehr oder weniger scharf zugespitzt trat sie zu den verschiedensten Zeitläuften ans. Und wenn in unseren Tagen diese Frage einen immer gefahrdrohenderen Charakter annimmt, so ist es des Schweißes der Edlen Werth, den Ursachen nachzuforschen und Mittel zu einer heilbringenden Reform zu schaffen. So haben einsichtsvolle Männer mit Recht hervorgehoben, daß unsere moderne Bildung, von der materiellen Zeitströmung beeinflußt, einseitig genannt zu werden verdiene, indem nicht mit dem rechten Nachdruck der Schwerpunkt der Erziehung in eine harmonische Altsbildung aller geistigen Kräfte gelegt, vielmehr die intellektuelle Bildung auf Kosten der moralischen bevorzugt würde, statt beide gleichmäßig zu Pflegen und zu fördern. Auch dieser Gedanke ist nicht neu; es ist oft genug schon betont worden, daß der Gipfelpunkt aller geistigen Bildung in dem ewigen, unverbrüchlichen Sittengesetz ruht, aber im Zusammenhang mit der Unzulänglichkeit der menschlichen Natur ist dieser allein wahre Grundsatz nicht zur Allgemeingiltigkeit und zur obersten Richtschnur des erziehlichen Unterrichts wie des praktischen Lebens erhoben und noch weniger bethätigt worden. Soll das Leben der Erwachsenen eine Verkörperung des sittlichen Ideals sein, so muß das Ziel der Erziehling in der sittlichen Charakterbildung liegen, die sich auf sittliche Gefühle, sittliche Begriffe und sittliche Gewöhnung gründet. Sittlich ist nach unserer Auffassung das, was das Wohl der Gesammtheit fördert. Vornehmlich kann hier der Religionsunterricht Großes wirken, aber der echte und rechte Lehrer hat auch sonst oft genug Gelegenheit, u. a. auf die Pflicht des Mitleids, der Selbstverleugnung, der Toleranz, der Gewissenhaftigkeit Hiuzuweisen. Die Pflichten gehören in die Kategorie der Sittengesetze, die für alle Zeiten und alle Menschen bindend sind und die wir vorzugsweise „ethische" nennen. Aber die Schule allein kann ihre Aufgabe nicht voll und ganz erfüllen, wenn nicht eine einsichtsvolle Familienerziehung (besonders die Einwirkung der Mutter!) und Selbstzucht hinzutreten mit dem Ziele, menschlich denken und vernünftig handeln zu lehren, beziehungsweise zu lernen. „Eine tüchtige Mutter ist in der Familie der Magnet aller Herzen und der Polarstern aller Augen. Ihr Einfluß ist unermeßlich; ihr Charakter wiederholt sich beständig in ihren Kindern. Die reinen Gedanken und Handlungen der Liebe, der Zucht, der Selbstbeherrschung, des Fleißes, der Arbeit, von beiien sie täglich Beweise giebt, leben und wirken fort und fort, gehen durch die Kinder in die folgenden Geschlechter über." (Smiles) Und wer sich selbst in Zucht nimmt, wer unablässig an seiner Selbsterkenntniß und an seiner Selbstvervollkommnung arbeitet, der gelangt dahin, daß sein Denken, Urtheilen und Handeln immer mehr einem ideal sittlichen Charakter entspricht. Das Ideal aber weist den Menschen auf eine immer höhere Stufe der Vollkommenheit hin. Das ist es, was Mantegazza so schön sagt: „Der Mensch ist nur dann ein Mensch, wenn er etwas glaubt und hofft, was höher steht und länger dauert, als er selbst." Unsere Zeit krankt an der Mißachtung der heiligsten Güter der Menschheit; die Krarckheit zeigt sich in der einseitigen Vertretung der Standesinteressen und Privilegien aller Art, in der schroffen Betonung des Konfessionellen. Humanität muß die Losungsein. Während schon durch die verschiedenartigen Berufsthätigkeiten alle möglichen Scheidungen hervorgerufen werden, während die Religionen durch ihre verschiedenen Glaubenssätze trennend wirken, sollte für Alle ein Einigungspunkt gegeben sein: in dem allgemein Menschlichen, in dem einträchtigen Beisammenleben aller Menschen, in der rücksichtsvollen Behandlung unter den Anhängern der verschiedenen Konfessionen. Dies ist der Punkt, an bent „die Gesellschaft für ethische Kultur" und auch der „Unabhängige Orden „B’ne Brith“ den Hebel ansetzen wollen. In ihren Satzungen giebt die „Deutsche Gesellschaft für ethische Kultur" als Zweck der Vereinigung an, „im Kreise ihrer Mitglieder und außerhalb desselben als das Gemeinsame und Verbindende, unabhängig von allen Verschiedenheiten der Lebensverhältnisse sowie der religiösen und politischen Anschauungen, die Entwickelung ethischer Kultur zu pflegen. Und unter ethischer Kultur versteht die Gesellschaft „einen Zustand, in welchem Gerechtigkeit imb Wahrhaftigkeit, Menschlichkeit lind gegenseitige Achtung walten". Zur Erreichung des Zweckes dienen folgende Mittel: a) im Kreise der Mitglieder: Anregung und Förderung jeglicher Art in Bezug auf ethische' Aufgaben, Grundsätze und Pflichten; b) insbesondere und nach außen hin: Erörterung der Thatsachen und Formen des wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens; Unterstützung der Reformen, die sich als ethische nothwendig erweisen; Maßnahmen, unl der gesammten Jugenderziehung eine reine ethische Grundlage zu geben, Erschließung der Schätze der Kunst und Wissenschaft in ihrer ethischen Bedeutung, Herausgabe und Unterstützung von ethisch förderlichen Schriften und schließlich: Sittigende Einwirkung auf die Formen der Geselligkeit und des Umganges, mit Einschluß des Verkehrs verschiedener Nationalitäten unter einander. Die edlen Ziele, welche das Programm der Gesellschast für ethische Kultur enthält, wird gewiß kein wahrer Menschenfreund verkennen, aber sie sollte sich nicht begnügen, blos sittliche Theorien zu predigen, sonderil sie auch in die Wirklichkeit übertragen. Sonst entsteht leicht Phrasengeklingel und damit im Gefolge Heuchelei, so daß das Gute vor bem Schwall der Worte nicht zu sehen ist. Wir stehen den ethischen Gesellschaften sympathisch gegenüber, und doch haben wir Unsere Bedenken. Wenn sie nämlich das Sittliche ganz unabhängig von allem Religiösen und Konfessionellen auf die gebildete Vernunft und das erleuchtete Gewissen gründet, so setzt das unbedingt eine philosophische Vorbildung voraus, die selbst in sogenannten gebildeten Kreisen nur selten zu finden ist. Beweis ist, daß hier der Nährboden des Antisemitismus, der doch gewiß keinen sittlichen Charakter an sich trägt, sich vorfindet. Die „Gesellschaft für ethische Kultur" sollte aber auch nicht diejenige Vereinigung anfeinden, die nicht im Gegensatz zu ihr steht, sondern viel Gemeinsames mit ihr aufweist: den „Unabhängigen Orden Bne Brith". Der bekannte Wiener Schulmann Dr. Dittes sagt mit vollem Rechte: „Richtige Werthschätzung der Dinge ist die Grundlage der Sittlichkeit." Der U. O. B. B., seit 1882 ebenfalls von Amerika nach Deutschland verpflanzt, ist ein nothwendiges Produkt unserer Zeit. Die antisemitische Bewegung vor allem hat es veranlaßt, daß die Juden sich in sich selbst zurückzogen und die christlichen Gesellschaften, wo sie verhöhnt wurden, mieden. Dazu kam noch, daß bei unseren Glaubensgenossen sich vielfach eine grenzenlose Gleichgiltigkeit gegen alles, was jüdische Religion und Geschichte betraf, eingenistet hatte, woo.egen von diesem Orden mit nicht geringem Erfolge angekämpst wurde und noch wird. Die Ziele desselben finden ihren geeigneten Ausdruck in folgender Forni: „Der unabhängige Orden B'ne Brith hat es sich -zur Mission gemacht, Israeliten zu vereinigen in dem Werke der Beförderung der

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