Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1896)
- Date
- 1896-08-07
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228181--53006-3258661- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
374 das Seminar gar nicht bestehen oder gedeihlich wirken. Damit Ist aber auch schon die Direktive gegeben für die religiöse Richtung, welche das Institut zu vertreten haben wird. Es ist in Rußland seit Jahren auf beiden Seiten viel gesündigt Wörden. Auf der einen Seite haben die starren orthodoxen und bildungsfeindlichen Rabbiner die gebildeten Kreise dem Judenthum entfremdet, auf der andern Seite wiederum haben die sogenannten Kronrabbiner die Masse der Bevölkerung mit Mißtrauen gegen alle Bildung erfüllt. An Männern aber, die wie der sel. Rabbiner Jizchak Elchanan Spektor, bei strengster Orthodoxie doch bildungsfreundlich, ist in Rußland gegenwärtig gerade kein Ueberfluß. Um so dringender ist das Bedürfniß nach einem Institut, das Rabbiner heranbildet, die Judenthum und moderne Bildung zu verbinden wissen und. die deshalb einen gedeihlichen Einfluß auf beide Richtungen auszuübeu in der Lage sein werden. Wir halten die Errichtung eines solchen Instituts geradezu für eine Lebensfrage des russischen Judenthums. Anders als bei uns. liegen dort die Verhültniffe. Es handelt sich darum, die religiöse Zukunft von Millionen treuer Anhänger des Judenthums vor den Irrungen und Wirrungen zu sichern, die anderswo so traurige Verhältnisse geschaffen haben. Dazu bedarf es aber zielbewußter, gebildeter Führer. Und an diesen fehlt es gegenwärtig in Rußlaich. Die Schamröthe steigt Einem ins Gesicht, wenn man die Prüfungsbestimmungen der Regierung für die Rabbiner in Polen liest. Diese haben sich vor den Regierungsbehörden einem Examen im Lesen und Schreiben in der Landessprache zu unterziehen. Mit dem Bittgesuch aber, dieses Examen ablegen zu dürfen, haben sie der zuständigen Behörde auch — ihre Photographie einzureichen! Es sei uns erspart, den Grund dieser Maßregel ausdrücklich anzugeben; kann derselbe doch nur zu leicht von selbst errathen werden. Solche Zustände werden unmöglich sein, wenn in Rußland ein, von der Regierung bestätigtes Landes - Rabbinerseminar bestehen wird. Und darum begrüßen wir den Plan dieses Unternehmens mit aufrichtiger Freude. Mögen die wackern Männer, die das Werk in Angriff genommen haben, vor der Fülle von Schwierigkeiten . nicht zurückschrecken, die sich vor ihnen aufthürmen, sondern das große Werk seinem gedeihlichen Ziele zuführen. An dem Tage der Eröffnung des russischen Rabbinerseminars wird eine neue Periode in der Geschichte der Juden in Rußland ihren Anfang nehmen. Ptt Woche. ~ Berlin, 5. August, in Berichterstatter der „Neuen Freien Presse" hat am JOu) 29. v. M. den bekannten Oberprokurator Pobedonoszew besucht und ihn u. A. auch über seine Stellung zu den Juden befragt. Darauf hat der Oberprokurator geantwortet: „Ich habe, als die Judenfrage bei uns spielte, aus allen Weltgegenden Briefe erhalten, aus Deutschland, Frankreich, England, Amerika, selbst aus Australien! Man bedrohte, man beschimpfte mich. Ein Mann schrieb mit Angabe seines Namens und seiner Adresse, man : werde mich tödten, wenn ich in meiner Berfolgungswuth nicht innehalte. Ich erkläre ihnen nun: Ich bin nicht Schuld an dem Vorgehen gegen die Juden in Rußland. Ich habe Freunde unter den Juden, es giebt viele unter ihnen, die mich genau kennen und. die das wissen. Mir kommt es nicht in den Sinn, die Anhänger einer Religion zu ächten! Welcher religiöse und wirklich gläubige Mensch könnte das?! Die ' Judenfrage in Rußland ist nicht leicht zu beurtheilen, sie ist eine der ' komplizirtesten der Welt. Sie hat keinen religiösen, sondern vielmehr einen sozialpolitischen .Charakter. Wir haben die Judenfrage von den Polen als schlechtes Erbstück, als eine Art Inventar übernommen. Die Polen, außer Stande, durch ihre aristokratische Mißwirthschaft ein Bürgerthum zu bilden, ließen die Juden an seine Stelle treten, aber Adel und Juden haben sich gegenseitig gleich schlecht beeinflußt, dadurch ist ein Typus von Juden entstanden, der nicht mit dem der Juden anderer vorgeschrittener Länder verglichen werden kann. Dies führte auf dem Lande zu bedauerlichen Mißständen und Mißbräuchen, dies förderte in den. Städten die Theilnahme jüdischer Studenten an den garstigsten Umtrieben. Der Staat war genöthigt, in irgend einer Weise einzuschreiten. Was er thun wollte — nämlich die Aufrechthaltung der gesetzlichen Bestimmungen sichern — war Aehnliches, wie das, was man im freien Amerika gegen die Chinesen ausgeführt hat. Nicht mehr. Ja noch weniger! Ein Rässenkampf lag uns fern. Den anständigen, den gebildeten Juden geht es gut bei uns und wird es immer gut gehen. Als man die entscheidenden Maßnahmen traf, schrieb mir der verstorbene Baron Hirsch : „Ich biete Rußland 50 Millionen zum Ausbauen seiner Eisenbahnen, wenn Sie in Ihrem Bedrückungsplane gegen die Juden innehalten!" — Ich wies ihn an die Regierung und stellte ihm meine Auffassung der Frage dar. Ich konnte ihn nicht abgestoßen haben, denn er setzte die Korrespondenz noch länger fort. Eines Tages erklärte er, er wolle eine Million für einen wohlthätigen Zweck widmen. Ich rieth ihm, diese Summe dem Heiligen Synod zur Verfügung zu stellen,' damit dieser für das Geld Schulen gründe. Das that er auch. Sehen Sie, Hirsch war ein Jude, der mich mit der Zeit näher kennen lernte, und er stimmte gewiß nicht in das allgemeine Geschrei gegen mich ein, in dem so viel Lüge und Verleumdung, so viel bewußter und unbewußter Jrrthum enthalten ist." Es würde nicht schwer fallen, nachzuweisen, daß die Thaten des Herrn Pobedonoszew mit seinen eben angeführten Worten nicht immer übereingestimmt haben. * Auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 tuub auch ein Weltreligionskongreß abgehalten werden. Man kann über derartige Veranstaltungen verschieden denken, soviel ist sicher, daß, nachdem einmal das Gift des Antisemitismus sich immer mehr auszubreiten begonnen hat, eine solche Vereinigung, auf der auch die religiösen Mächte des Judenthums würdig vertreten sind, kaum schaden, zur Aufklärung weitverbreiteter Jrrthümer aber manches beitragen kann. Lebte ein Ernst Renan noch, so könnte man von dem Kongreß zweifellos Großes erwarten, immerhin läßt sich aber auch so hoffen, daß die Resonanz dieses Pariser Religionskongresses in Fragen der religiösen Duldung und Aufklärung größer fein wird, als die diesseits des Ozeans weniger vernehmbar gewordenen Ergebnisse des Chikagoer Weltreligionskongresses. Deutschland wird sich diesem Theile des Programmes der Pariser Weltausstellung gegenüber sicher ebenfalls nicht ablehnend verhalten, und so begleiten auch wir diese Vorbereitungen zu den, großen Friedenswerk mit unseren besten Wünschen. * Einen anderen, der Zeit nach näher liegenden Konferenz- Vorschlag bereitet man gegenwärtig in London vor. Es wird dort darauf hiugewiesen, daß einflußreiche Juden aus England, Amerika, Frankreich, Rußland, Italien, Belgien und Holland alljährlich ihre Ferien in Deutschland und der Schweiz verleben und daß viele nicht abgeneigt sein werden, an gelegentlichen Besprechungen über das Projekt der jüdischen Kolonisation und andere unseren Glaubensgenossen leider nur 311 sehr immer näher.tretenden Fragen Theil zu nehmen. Sollte aus dem Projekt, dessen Organisation Dr. Lunn in London in die Hand genommen hat, etwas werden, so werden auch wir zu der Sache Stellung nehmen.