Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1896)
- Date
- 1896-08-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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60. Juhrgang. Ur. 32 Berlin, 7. August 1896. Gm unparteiisches Organ für alles Mische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. I Begründet Von Rabbiner Dv. Ludwig phiLippsoN'Konn unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Ncdacteur: Gustav Karpeles. | Verlags-Drpeditioir: Lerlin, Aerulatemerstr. 48/49 Alle Zusendungen flir Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der i „Allgem. Zeitung deS JudenthumL", Berlin! 81V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Mosse, Berlin.! Juhlklt. Leitartikel: Ein neues Rabbinerseminar. — Die Woche. — Die Gesellschaft für ethische Kultur und der U. Q. B. B. Von Dr. M. Spanier. — Schulzucht. VI. Von Max Golde. — Der Salon 1896. II. Von M. Friedebcrg. — Abraham Geigers Briefe an I. Derenbourg. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. (Schluß.) — Feuilleton: Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) — Richard Wagners erste Liebe. Von Theodor Braun. — Sprechfaal. Der Gcmeirrdebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin. Graudenz, Bentschen, Rosenberg O.-S., Kolberg, Ems, Bengel, Wien, Budapest, Czernowitz, Paris, London, St. Petersburg, Cincinnati. — Bon Nah «nd Fern. — Miscetten. Gin neues Uabbinerseminar. Berlin, 3. August. (Mi n Rußland soll ein neues, allen modernen Anforderungen entsprechendes Seminar zur Heranbildung von Rabbinern begründet werden. Die Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden Rußlands hat soeben eine dahingehende Petition an den Minister für Volksaufklärung gerichtet und dieser einen - vollständigen Plan für ein solches Institut beigelegt. Es unterliegt kaum einem Zweifel, daß die Regierung den Plan billigen wird. So lautet die jüngste Kunde aus bei» Zarenreiche, und wir freuen uns dieser Kunde herzlich. Schon seit Jahren war uns der Plan bekannt, und wir haben wiederholt Gelegenheit gehabt, Vertrauensmännern der Regierung sowohl wie der obengenannten Gesellschaft mit Rathschlägen an die Hand zu gehen. Aber so leicht, wie es scheint, wird die Ausführung des Planes doch wohl kaum werden. Denn von Seiten der Orthodoxen werden alle möglichen Versuche unternommen, um die Ausführung des Werkes zu hintertreiben. Schon seit Jahren, seit die ersten Anregungen gegeben wurden, hat diese Minirarbeit begonnen; sie wird jetzt lebhaft fortgesetzt und mit allen Mitteln betrieben werden, sobald irgend welche Aussicht vorhanden sein wird, daß die Regierung die Absicht hat, das Institut wirklich zu begründen. Es ist recht traurig, daß selbst gebildete Männer hierzulande wie drüben die Orthodoxen bei diesem biltzungsfeindlichen Streben unterstützen, indem sie die Ansicht aussprechen und verbreiten, daß ein Seminar nach deutschem Muster den Verhältnissen der russischen Juden nicht entsprechen würde. Diese Ansicht ist aber genau so berechtigt wie etwa die, daß die Universität nach deutschem Muster den russischen Volksverhältnissen nicht entsprechen würde. Ist die Regierung wirklich entschloffen, die Begründung eines Rabbinerseminars zu gestatten, so: wird alle Agitation der Orthodoxie vergeblich sein — und am Ende wird auch sie sich in das Unver- ' weibliche mit der Würde fügen, mit der sie in Deutschland, in Ungarn und in Oesterreich sich bei gleichen Anlässen mit einem „solchen Unglück" abgefunden hat. Eine zweite Schwierigkeit ist die Beschaffung der Geldmittel für das Institut. Die russischen Juden sind arm, sehr arm. Die wenigen Reichen sind an den Fingern abzuzählen — und diese werden gewiß ihre Pflicht thnn. Bereits haben Einzelne für diesen Zweck namhafte Spenden zugesagt, und auch mehrere Großgemeinden, wie Odessa, Petersburg, Warschau, haben sich zu größeren Jahresbeiträgen verpflichtet. Aber daraus sind die Kosten noch nicht gedeckt. Ohne eine größere Subvention der Regierung ist die Realisirung des Planes absolut unmöglich. Nun darf man aber dabei ja nicht etwa an eine Subvention aus Staatsmitteln denken. Was die Petition erbittet, ist einfach die Bewilligung einer größeren Summe aus den Fonds, die Jahrzehnte lang ans jüdischen Steuern, wie der Koscherfleisch- und Lichttaxe, gesammelt wurden und zu hohen Summen angewachsen sind, die von der Regierung verwaltet werden. Unsere Leser würden staunen, wenn wir ihnen erzählen wollten, zu welchen Zwecken oft Mittel aus diesen Fonds bewilligt werden. Aber wir haben heute durchaus nicht die Absicht, vorhandene Schäden aüfzudecken oder Mißstände zu tadeln, sondern wir wollen nur die Thatsachen sprechen laffen und die wirklichen Verhältnisse getreu schildern. So meinen wir denn, daß man seitens der maßgebenden Kreise sich ebensowenig weigern wird, einem Rabbinerseminar aus einem ehedem jüdischen Fonds eine alljährliche Subvention zu bewilligen, wie man sich nicht geweigert hat, aus demselben Fonds — die Judenmission zu unterstützen! Sind aber einmal diese Hauptschwierigkeiten überwunden — und wir haben, .wie gesagt, Grund zu der Annahme, daß die Negierung dem Plan geneigt ist — so wird die Ausführung desselben keinen weiteren erheblichen großen Schwierigkeiten begegnen. Es fehlt nicht an talmudischen und anderweitigen Lehrkräften in Rußland, und eine Autorität wie A. Harkavy für jüdische Geschichte und Litteraturgeschichte könnte sich jedes andere Seminar wünschen. Auch an geeignetem Schülermateria! wird kein Mangel sein. Es versteht sich von selbst, daß die Einrichtung der Seminare in Breslau, Berlin, Budapest u. s. w. bei der neuen Anstalt als Muster dienen würde. Aber es versteht sich gleichfalls von selbst, daß man dort diese Muster nicht sklavisch nachahmen, sondern den thatsächlichen Verhältnissen des Landes und den Anschauungen der Majorität der dortigen Juden wird Rechnung tragen müssen. Denn die größte Schwierigkeit würde für das neue Institut erst nach der Begründung entstehen. Es wird sich das Vertrauen der Gemeinden zu erobern haben — und das wird wahrhaftig nicht leicht werden, wenn man an die herrschenden Verhältnisse denkt. Aber ohne dieses Vertrauen, vor Allem in religiöser Beziehung, kann