Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-31 · Heft 31 (31.7.1896) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 31 (31.7.1896)
Date
1896-07-31
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228180--53002-3258656
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

dieses Jahres in Berlin abgehalten wird und zu dem bereits Delegirte aus Amerika, England und Rußland in großer Zahl angemeldet find, wird Frau Dr. Henriette Goldschmidt als Sprecherin auftreten. — Der Konvertit Paulus Meyer ist aus Sachsen ausgewiesen, nachdem seine Bitten um Gestattung des Aufenthalts in Leipzig von der Regierung abschlägig beschieden waren. Er war am 19. November 1894 vom Landgericht Leipzig wegen verleumderischer Beleidigung des Professor Dr. Strack und des Pastors von Bodelschwingh, begangen in der von ihm verfaßten Sensationsbroschüre „Wölfe im Schafsfell — Schafe im Wolfspelz" zu einen: Jahr, zehn Monaten Gefängniß verurtheilt worden und hat jetzt diese Strafe in Zwickau verbüßt . Da er aus Preußen bereits vor dem Strafprozesse in Leipzig ausgewiesen war, wird er jetzt vermuthlich wieder Oesterreich beglücken, von wo er 1894 nach Leipzig zur Bestrafung ausgeliefert wurde. Stuttgart, 16. Juli. Der 65. Bericht der israelitischen Waisenanstalt in Eßlingen pro 1. April 1895/6 ist wieder ein recht günstiger für diese Anstalt. Der Fortgang dieses Werkes der rettenden Menschenliebe ist ein ungestörter und segensreicher und erfreut sich die Anstalt auch des Wohlwollens Ihrer Majestät des Königs und der Königin, welche.den Sparhafen der Zöglinge mit 46 Mark bedacht hat. Die Gesammteinnahmen erlitten zwar einen Ausfall, der jedoch durch Ersparnisse in den Ausgaben annähernd beglichen wurde. Die Anstalt erhielt im letzten Verwaltungsjahre an Legaten und Stiftungen 5437 Mark, an Spenden 8175 Mark, an Kostengeldern 1757 Mark, an Beiträgen vom königlichen Staatswaisenhause 260 Mark, an Zinsen 13 390 Mark und verausgabte für Besoldungen 4042 Mark, für Lebensmittel 7656 Mark, im Ganzen über 18 000 Mark und besitzt jetzt außer dem Gebäude 360 591 Mark. Der Zöglingsstand ging von 39 auf 37 zurück. 8 Zöglinge traten aus, 6 wurden neu ausgenommen. An der Anstalt wirken 1 Hauptlehrer, 1 Hilfslehrer und 1 Aufseherin. Vorstand des Vereins ist Oberkirchenvorsteher H. M. Goldschmidt hier. A- Aus dem Großherzogthum Hessen, 24. Juli. Am 21. Juni fand in Frankfurt a. M. die Jahreskonferenz des „Israelitischen Lehrervereins für das Großherzogthum Hessen" statt. Wir übergehen einzelne Punkte der Tagesordnung, um die Behandlung des wichtigsten Gegenstandes: Eventueller Anschluß an den Lehrerverband etwas näher zu beleuchten. Der Referent, Herr Dr. Barnaß-Pfungstadt, der nach den Mittheilungen des D. I. G.-B. in Berlin den Beitritt des „Hessischen Lehrervereins" unter Vorbehalt. erklärte, trat hier als entschiedener Gegner jeden Anschlusses auf. Wie dieser Herr über Schule und Lehrer denkt, geht aus einer Stelle seines Referates hervor, woselbst er ungefähr sagt: Jemand, der tüchtiges jüdisches Wissen besitzt, ist mir oft lieber oder ebenso lieb, als ein seminaristisch gebildeter Lehrer mit einigem pädagogischen und methodischen Wissen. Wohlverstanden, das sagt der Leiter eines Institutes!! Da berührte es denn wohlthuend, als ein Veteran unserer hessischen Lehrerwelt, Herr Lehrer Marx-Alsheim, treffend bemerkte, daß er hier in dieser Lehrerversammlung, entgegen der Lehrerversammlung in Hamburg, den Geist unseres großen Pädagogen, den Geist Pestalozzis, vermisse. Das war ein Wort Zur rechten Zeit; aber bedauerlicherweise, gleich den trefflichen Ausführungen der Herren Rabbiner Dr.' Levy-Alzey, Elias-Darmstadt, Oppenheimer-Darmstadt, Krämer-Friedberg und Dr. Luß-Pfungstadt, Lehrer am Barnaß'schen Institut, der es nicht über sich gewinnen konnte, dem Beispiel seines Direktors zu folgen, ohne Einwirkung auf unsere orthodoxen Standesgenofsen. Denn als es zur Abstimmung kan:, stimmten 31 gegen, 23 für eine abwartende Stellungnahme gegenüber dem „Lehrerverband", während die Minderheit für sofortigen, rückhaltlosen Anschluß eintrat. — Ein großer Theil dieses Erfolges (!!) ist auch auf das Konto des Herrn Rabbiner Dr. Horovitz-Frankfurt a. M. zu setzen. Weil sich vernünftigerweise gegen einen Anschluß an den „Lehrerverband" nichts sagen läßt, so sang Herr Dr. Horovitz das Lied, das unsere Herren Hyperorthodoxen schon seit Jahresfrist in allen möglichen Tonarten angestimmt, einfach ruhig weiter: „Gebt nur Eure Selbständigkeit nicht auf! Wenn Euch die Berliner einmal umgarnt haben, dann seid Ihr mit Mann und Maus verloren!" Das war das A und Z der Ausführungen sämmtlicher orthodoxen Redner. Wem fällt da nicht das Sprichwort ein: An der Kette kommen die besten Gedanken über die Freiheit. Kennt denn unsere Orthodoxie überhaupt Freiheit und Selbständigkeit? Da lobe ich. mir doch den Vorstand des D. I. G.-B^ Fragt der auch erst, wenn er den israelitischen Gemeinden zu dem Lehrergehalt giebt, wenn er den Lehrern das Eintrittsgeld in die „Achawah" zahlt, wenn er die Prämien der Lehrer bei der Lebensversicherung der „Viktoria" theilweise bezahlt u. s. w.: „Seid Ihr orthodox oder neolog?" Aber die Dummen werden nicht alle; auf das vorgehaltene rothe Tuch fiel die Mehrheit herein. Gerade die Lehrer, die am lebhaftesten wünschen sollten, die Macht gewisser hochmögender orthodoxer. Herren gebrochen zu sehen, gerade die stimmten nach der von dieser Seite ausgegebenen Parole — wohl „nur der Roth gehorchend, nicht dem eignen Trieb". — Wenn darum im nächsten Jahre im freisinnigen Lager ebenso mobil gemacht wird, wie bei den Orthodoxen, alle Mann an Bord sind, dann wird und muß — geheime Abstimmung vorausgesetzt — das Resultat ein günstigeres werden. Viersen, 15. Juli. Von einer heldenmüthigen Errettung aus Lebensgefahr, deren sich der Sohn einer hiesigen jüdischen Familie in Frankfurt a. M. verdient gemacht hat, berichtet das „Frankfurter Volksblatt": „Beim Ausschachten eines Kanals vor dem Hause „Hinter der schönen Aussicht 2" in Frankfurt strömte heute Morgen 8l/4 Uhr Gas in einer solchen Menge aus einem Rohre, daß vier Arbeiter plötzlich bewußtlos wurden und in die Tiefe stürzten. Ein nebenan thätiger Arbeiter rief sofort um Hilfe, worauf zwei Männer, worunter ein Spengler, herbeieilten und sich hinabbegaben. Bei dem Vorhaben jedoch, die Arbeiter herauszuholen, ereilte den Spengler dasselbe Schicksal, und er siel ebenfalls in den Schacht hinab, während der Andere, als er den Spengler hinunterfallen sah, sofort sich wieder in die Höhe schwang. Ein wackerer jüdischer Metzger, der im Begriffe war, zur militärischen Generalaushebung zu gehen, gab sich hierauf daran, die Verunglückten aus ihrer verhängnißvollen Lage zu befreien, was ihm auch soweit gelang, daß er drei derselben aus der Tiefe hervorholte. Unterdessen war die Feuerwehr herbeigeholt, welche auch die beiden übrigen vom sicheren Tode des Erstickens befreite. Die fünf Verunglückten, welche außer ihrer Bewußtlosigkeit mehr oder weniger Verwundungen erlitten, wurden zur Wiederherstellung dem Heiliggeisthospital überwiesen. Der rnuthige Metzgerbursche Lion, welcher die erste Hilfe leistete, begab sich darauf zur Musterung' und wurde zur Kavallerie ausgehoben." . Oesterreich Ungarn. □ Wien, 27. Juli. Das „Wiener Tagblatt" wurde in einer der letzten Gemeinderathssitzungen gemäß regelt und seinem Berichterstatter die Eintrittskarte in den Gemeinderathssaal entzogen. Dieser rathsherrliche Beschluß der Antisemiten hat eine Interpellation mehrerer liberaler Gemeinderäthe. zur Folge, in der hervorgehoben wird, daß es unthunlich ist, derartige Beschränkungen der Presse anzuwenden „und daß ein solcher, von einem einseitigen Parteistandpunkte unternommener Versuch zur partiellen Knebelung der Freiheit der Presse in allen Lagern verurtheilt werden muß." — Das Vorgehen des Wiener Gemeinderathes gegenüber dem Deutsch-österreichischen Lehrerbunde, welchem bekanntlich zur Abhaltung seiner Versammlung die Benützung des Wiener Rathhaussaales nicht gestattet und dem auch im Gegensätze zu dem Verhalten der Wiener Gemeindevertretung gegenüber dem Katholischen Lehrerbunde keine Subvention bewilligt wurde, hat in den deutschen Lehrerkreisen der Steiermark eine tiefgehende Erbitterung hervorgerufen. Wie die „Tagespost" meldet, ist sogar der Gedanke aüfgetaucht, die Lehrmittel-Handlung Strobach in Wien zu boykottiren, um damit gegen das Oberhaupt des schulfeindlichen Gemeinderathes zu demonstriren. — In Göding haben trotz intensiver Agitation der Gegenpartei die liberalen Kandidaten bei der Wähl in den Gemeinderath den Sieg davongetragen. Unter den Gewählten befindet sich auch der Dr. Jakob Läufer. — In Hatschein in Mähren ist die Großindustriellen- und Gutsbesitzers - Wittwe Frau Fanny May im 83.' Lebensjahre gestorben. Die Verstorbene gehörte einer der angesehensten jüdischen Familien Mährens an, und gleich ausgezeichnet durch besondere Herzensgüte und rege Wohlthätigkeit wird sie von der dortigen Bevölkerung sehr betrauert. D. N. Lemberg, 24. Juli. Am 7. d. Mts: fand hier die Bürgermeisterwahl statt. Die hiesige öffentliche Meinung verfolgte dieses Ereigniß mit umso regerem Interesse, da mehrere Kandidaten auf den Prästdentenstuhl reflektirten. Der bisherige Bürgermeister Möchnaeki

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.