Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-31 · Heft 31 (31.7.1896) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 31 (31.7.1896)
Date
1896-07-31
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228180--53003-3258657
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

4 und der I. Vizcbürgermeister Marchwicki wollten eine Wiederwahl nicht annehnien. Von gewisser Seite wurde lebhaft für den Universitäts- Professor Hofrath Pietät. Stimmung gemacht. Eine andere Partei, der auch die jüdischen Gemeinderäthe beistimmten, trat für Dr. Malachowski ein. Professor Pietak, der bekanntlich der Unterstützung unserer Glaubensgenossen zum nicht geringen Theile seine Wahl in den Reichsrath zu verdanken hatte, hat das ihm . unsererseits geschenkte Vertrauen im Lemberger Gemeinderäthe nicht gerechtfertigt Noch ist uns jene Debatte . über die Sonntagsruhe lebhaft in Erinnerung, in deren Verlauf Herr Pietak sich ungefähr äußerte: „Der Gemeinderath müsse einmal dokumentiren, ob wir in einem christlichen oder jüdischen- Staate leben." Solche Worte hätte ein von Juden gewählter, auf der Höhe der Wissenschaft stehender Mann nicht sprechen dürfen. Die jüdischen Gemeinderäthe hatten also die Ehre des Judenthums im Auge, als sie solidarisch ihre Stimmen für Dr. Malachowski, der. von Beruf Advokat, in "allen Kreisen der Bevölkerung und entschieden unter den hiesigen Juden ungetheilte Sympathien genießt, abgabcn. Hier sah man, wie gewichtig eine kleine Minorität bisweilen durch einheitliches Vorgehen ihrer Meinung Ausdruck zu . geben vermag. Tr. Malachowski winde mit 51 Stimmen gewählt, Dr. Pietak blieb in der Minorität. Vom neuen Stadtoberhaupte erwarten wir vor allem eine gerechte und wohlwollende, allen Bevölkernngsschichten, ohne Unterschied der Konfession und Nation, Rechnung tragende, zielbewußte Leitung aller kommunalen Angelegenheiten unserer Vaterstadt. — Der jüngst hier stattgefundene Katholikentag, an dem auch mehrere Kircheufürsten theilnahmett, brachte nebst anderen landläufigen Phrasen zahlreiche Angriffe gegen die Bekenner des jüdischen Glaubens, die in den herkömmlichen Anträgen aus Errichtung konfessioneller Schulen, Förderung christlicher Kaufläden und dgl. gipfelten. Ohne auf all dies Gerede zu reagiren, müssen wir jedoch die lügenhafte Behauptung eines Pfarrers aus Tarnow mit Entrüstung zurückweisen, der dreist die Behauptung aufstellte, daß die jüdischen Religiouslehrer ihren Schülern Haß gegen das Christenthum und dessen Bekenner einzuflößen trachten. Schwerz. i| a°o Zürich, 24. Juli. Seit dem Verbot des Schächtens bezieht die jüdische Bevölkerung der Schweiz das Fleisch aus den Nachbarstaaten. Durch einen vorzüglich organisirten Versandt werden sämmtliche jüdischen Gemeinden der Schweiz drei-bis viermal wöchentlich mit frischem Fleisch versorgt. Selbstverständlich bedurfte es hierzu bedeutender finanzieller Opfer. Während sich die jährliche Mehrausgabe für Basel, das seitdem nur prima deutsche Maare bezogen hat, auf rund 40 000 Fr. beziffert, oder bei 250 Familien auf 160 Fr. für jede, beträgt solche für die Centralschweiz 120 Fr.; für die wenigen in Frage kommenden Gemeinden der französischen Schweiz und des Berner Jura, die theilweise ebenfalls über Basel, theilweise aus dem Savoyischen sich versorgen, etwa 135 Franken. Türkei. g Jerusalem, 19. Juli. Die Ausgrabungen, welche auf Veranlassung der Gesellschaft für Erforschung Palästinas seit den letzten zwei Jahren, von Dr. F. Bl iß und Archibald Dickie hier unternommen worden sind, haben als bemerkenswerthes Resultat bisher einen Theil der Mauer aufgedeckt, w.lche Titus im Jahre 70 belagerte. Die Mauer läuft ungefähr eine halbe Meile im Süden von Jerusalem bis zum Teiche Siloah. An dem südwestlichen Winkel erstreckt sich die Mauer 370 Ellen von der gegenwärtigen Stadtmauer, an dem südöstlichen Winkel 670 Ellen südlich von Hakwrat-el-Khatus. An einzelnen -Stellen sind doppelte. Wälle, welche verschiedenen Perioden angehören, gefunden worden, .in. bemerkenswerther Tiefe. Das Mauerwerk -hat sowohl rohe Formationen, .als solche von feinster Ausführung. Dr. Bliß hält die niedriger gelegenen Theile des Doppelwalls für .jüdisch-und zwar der-Zeit vor der Zerstörung Jerusalems angehörend, der obere , Theil gehört der. römischen oder christlichen Zeit an, ebenso auch die an - der Basis der Mauer.gefundenen Töpferarbeiten. Es ist jedenfalls von großer Wichtigkeit für Alle, die . ein Interesse an der jüdischen iund biblischen Geschichte haben, daß diese Ausgrabungen scstgestellt haben, wie Jerusalem in großer Ausdehnung noch alte Ueberreste besitzt, die an einigen Stellen 100 Fuß tief liegen. Herr Charles Warten hat' die Umfassungsmauer des Tempels untersucht und gesunden, daß noch die ursprünglichen Mauersteine mit Abzeichen erhalten sind. Für Palästina har die zur Erforschung desselben, begründete englische Gesellschaft mehrere Unternehmungen von hohem wissenschaftlichen Werthe angefangen, Herr Karl Wilson' Hai in Galiläa mehrere alte Synagogen untersucht. Oberst Conder und Lieutenant Kitchener haben eine genaue Vermessung des 'westlichen 'Palästinas durchgeführt. Die von Clermont-Ganneau. ge-. machten Entdeckungen erstrecken sich auf den Zoheleth-Stein, die Inschriften von Gezer und den Inschriften stein vom Tempel des Herodes. Im östlichen Theile des Jordangebiets hat Kapitän Conder 500 Quadratmeilen durchforscht. Auch die geologischen Vermessungen des Professor Hüll werfen ein neues Licht auf die Routen im Exodus. Die Gesellschaft geht soeben-an die Erforschung des Tyropeonthals Von Nah und Fern. -- Zum Kantor in Briefen, Westpr.- wurde Herr D. Heymann aus Rogowa und zum Kantor in Gn esen Herr Koch an o w ski aus Miloslaw gewählt. — Der Kultusbeamte der jüdischen Gemeinde in ...Neuteich, Herr Bahr, tritt wegen seines hohen Alters (93 Jahre) von seinem Amte zurück. Sein Nachfolger ist Herr Lew in aus Tiegenhof. — Kürzlich wurde der Bankier Hermann Silber schmidt aus Hameln wegen Verleitung zur Kuppelei verhaftet. Der Name Silberschmidt genügte nun der antisemitischen. „Hannov. Post", um ihn sofort zum Juden zu. stempeln uyd die ganze Nasse der Juden wieder zu Mitschuldigen des einen angeblichen Verbrechers zu machen. Die Freude war aber etwas-verfrüht. Silberschmidt ist kein Jude und ist nie Jude gewesen,, sondern als unehelicher Sohn einer echt germanischen, arischen Mutter in Hameln geboren und als voll gütiger Christ getauft worden. — Herrn Hermann Rein ach in Mainz ist aus Anlaß seines 25 jährigen Jubiläums als Beigeordneter der Stadt Mainz der Charakter als Geheimer Kommerzienrath verliehen worden. — Die Privatdozenten Rechtsanwalt Dr. Theodor Löwen seid und Landgerichtsrath Dr. Heinrich Harburg er in München wurden zu Honorarprofessoren ernannt. — Dem ' Brandmeister und Kommandanten der S tu t t ga r te r Berussfeuerwehr, Bruno Jacoby, wurde das Ritterkreuz des Württembergischen Friedrichsordens verliehen. — Die zweite Kammer in Darmstadt hatte sich am 21. d. Mts. mit einer Beschwerde der Antisemiten, welche das Verbot einer Volksversammlung-unter freiem Himmel durch den Bezirksoberamtmann Grafen v. Erbach als ungesetzlich erklärt toiffen wollten, zu beschäftigen. Nach erregter Debatte wurde der Antrag abgelehnt. — Die „Israelitisch-Theologische Lehranstalt" in Wien wurde, wie wir dem soeben erschienenen III. Jahresberichte entnehmen, von 49 Schülern und Hörern besucht. Herr Dr. R. S. Landau, Lehrer der polnischen Sprache, schied am. Ende des vorigen Schuljahres aus dem Lehrerkollegium aus und wurde durch Herrn Dr. H. Monat ersetzt. Dem Bericht geht eine umfangreiche Arbeit des Lektors Herrn M. Friedmann über „Onkelos und Akylas" voran. — Gelegentlich des Nationalfestes in Paris wurden der General Hinstin, jetzt der Reserve angehörig, zum Großoffizier der Ehrenlegion, Kapitän a. D. Nötre zum. Offizier dieses Ordens und Dr. Kinsbourg in Remiremont zum Ritter desselben ernannt. — Herr David Davis, Chorbirigent der Neuen Westend.-Synagoge in London, komponirte anläßlich der Hochzeit der Prinzessin Maud von Wales und. des Prinzen Karl von Dänemark einen Hochzeitsmarsch, der. von seiner königlichen Hoheit sehr - gnädig angenommen wurde. — Die jüdischen Handwerker in Kars (Kaukasien) haben am Krönungstage der Synagoge eine neue Thorarolle gestiftet, und dieser Akt der Loyalität wurde von dem Minister des Innern in seinem Bericht ausgenommen. Der Zar selbst, als ihm dieser Bericht vorgelegt wurde, nahm die Miltheilung freundlich aus und schrieb eigenhändig an den Rand:. „Gelesen mit großem Vergnügen, danke herzlich." — Die Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden in Rußland hat dem Ministerium der Volksaufklärung das Gesuch eingereicht, ein hebräisch-theologisches Institut zu gründen. Das Ziel, des Instituts soll sein^,geistliche Leiter" mit einer theologischen. Spezialbildung heranzubilden, welche die jetzigen sogenannten „geistlichen Rabbiner" ersetzen könnten. ^Das Institut soll unter der direkten Aufsicht der Regierung stehen. , Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. ' Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwrh in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.