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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-31 · Heft 31 (31.7.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 31 (31.7.1896)
Date
1896-07-31
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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60. Jahrgang, ttr. 31. fr #fr «erlm. ZI. Inii >896. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHurns". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. S£g Berlin, 22. Juli. Bor der IV. Feriensträfkamnier des Landgerichts I hatte sich gestern der Bierkutscher Heske, der am 17. Juni d. I. den Borbeter Wittkower, einen Greis von 89 Jahren, mit seinem Gespann überfuhr, so daß der Tod sofort eintrat, wegen fahrlässiger Tödtung zu verantworten. Wittkower befand sich an dem Unglückstage gerade auf dem Wege zur Synagoge, als er durch die Unachtsamkeit' des Kutschers, der überdies der Vorschrift zuwider mit seinem schwer beladenen Wagen im kurzen Trabe dahinjagte, an dem Kreuzungspunkte der Spandauer Straße von dem einen Pferde des Brauerwagens umgerissen wurde; dabei ging das eine Vorderrad über einen Oberarm hinweg uud zermalmte ihn. Vorübergehende, die Augenzeugen dieses Unfalls waren, riefen dem Kutscher zu, daß er schnell halten solle. Dieser hatte aber selbst den Unfall wahrgenommen, statt zu halten, schlug er vielmehrt heftig auf die Pferde ein, jedenfalls um sich der Verantwortung zu entziehen. Jetzt ging auch das Hinterrad über den Kopf des alten Mannes und bewirkte dessen sofortigen Tod. Der Kutscher wurde, trotzdem er wie unsinnig auf die Pferde einhieb, bald angehalten und festgestellt. Der Gerichtshof erachtete ein Jahr Gefängniß für eine ausreichende Sühne, während der Staatsanwalt gar nur acht Monate beantragt hatte. L2 Berlin, 29. Juli. Unter überaus zahlreicher Betheilignng von Freunden und Bekannten fand gestern auf dem Friedhof iu Weißensee die Beerdigung des kurz vor seinem 80. Geburtstag in Harzburg verstorbenen Geheimraths B. Löwen stein statt. In formvollendeter Rede entwarf der Prediger der Reformgemeinde Dr. M. Levin ein Lebensbild des Verblichenen, der als Mensch wie als Jude, trotz seines hohen Alters bis zum letzten Tage in ungebrochener körperlicher und geistiger Kraft zum Wähle der Seine« und seiner Mitbürger gewirkt hat. Seine Verdienste um die Heimathstadt Aachen, — in welcher er aus kleinsten Anfängen ein blühendes Kaufhaus aufgebaut hat — sind durch hohe Orden und Titel seitens der Staatsbehörden anerkannt worden. Nach einem gesegneten Leben war ihm ein leichter Tod befchieden. Ehre seinem Andenken. L2 Berlin. 28 Juli. Die konfessionellen Verhältnisse im höheren Unterrichts wesen Deutschlands stellen sich wie folgt: Es kommen auf je 10 000 Einwohner im ganzen Reiche 50 Schülerhöherer Lehranstalten, auf je 10 000 Protestanten 55, auf je 10 000 Katholiken 32, auf je 10 000 Dissidenten 49 und auf je 10 000 Juden 333. Für die einzelnen größeren Bundesstaaten stellt sich das Ver- Hältniß folgendermaßen. Von 10 000 Preußen besuchen 45 eine höhere Schule, und hierbei kommen auf je 10 000 Katholiken 27, auf je 10 000 Protestanten 50, auf je 10 000 Juden 333. Von 10 000 Baiern besuchen 53 eine höhere Schule; es kommen auf 10 000 katholische Baiern 42, auf 10 000 protestantische Baiern 67, auf 10 000 Juden in Baiern 370 Schüler. Die Verhältnißzahlen sind für Württemberg: 84, 63, 93, 590; für Baden: 64, 41, 86, 417; für Hessen: 68, 50, 67, 333; endlich für das Königreich Sachsen: 40, 23, 40, 357. Die relativ geringere Betheiligung der Katholiken am Genüsse des höheren Schulunterrichts, die in diesen Zählen sich äusspricht, tritt in verhältnißmäßig stärkerem Grade bei den Realanstalten als bei den humanistischen Gymnasien hervor. * Berti», 24. Juli. Hammer stein wird in der Einzelhaft mit Flickarbeiten für die Schneiderwerkstatt des Moabiter Zellengefängnisses beschäftigt. Das Schicksal liebt es, grimmige Witze zu machen. Und dennoch — ganz fremd ist Hammerslein Flickarbeit auch während seiner politischen und Sammelthätigkeit nicht gewesen. Mancherlei war da zu flicken. Und die Moabiter Gefängnißverwaltung ist sicher stolz auf die Form, in welcher sie der Tradition, die Verbrecher nach ihren rüheren Beschäftigungen und Anlagen im Gefängniß zu verwenden, in diesem Falle zur Geltung gebracht hat. Hammerstein gehörte ja, so lange ihm das Bestimmungsrecht über sein Thun und Lassen unverkümmert war, zu den vornehmsten Mitgliedern jener internationalen Gilde, welche der Wiener so treffend mit dem Stachelwort der „Inwendig Geflickten" belegt. Im Interesse einer ausreichenden Bekleidung der Moabiter Sträflinge läßt sich daher annehmen, daß Herrn Hämmerstein der Uebergang zu seiner derzeitigen Beschäftigung keine besonderen Schwierigkeiten bereiten dürfte. Flicken ist übrigens eine beschauliche Beschäftigung, welche dem vielerfahrenen Manne Gelegenheit geben dürfte, über Manches nachzudenken, das in der letzten Zeit seiner öffentlichen Thätigkeit seiner Aufmerksamkeit unglückseliger Weise entgangen ist. Sind auch die Fäden damals seiner Hand entsunken, nunmehr dürste er den Faden, der in seinem ferneren Erdenwallen eine so wichtige Rolle spielen wird, unter den aufmerksamen Blicken des berühmten „Auges des Gesetzes" kaum verlieren. mf. Königsberg i. Pr., 21. Juli. Aus Anlaß des Hinscheidens des Kaufmanns Laser Eichelbaum, der dem Vorsteheramte der Kaufmannschaft angehörte, hatte die hiesige Börse halbmast geflaggt. Laser Eichelbaum war einer der angesehensten Bürger unserer Stadt und ein thätiges Mitglied unserer Gemeinde. Seit mehr als zwei Jahrzehnten war er Mitglied der Stadtverordneten-Versammlung. Wo es galt, ein Wohlthätigkeitswerk zu fördern, stand der körperlich kleine, geistig sehr hervorragende Mann mit an der Spitze. Das von ihm betriebene Getreidegeschäft, das Verbindungen bis in das Innere Rußlands unterhielt, hatte er aus kleinen Anfängen zu großer Blüthe gebracht. Die Familie Eichelbaum gehört zu den angesehensten Familien unserer Provinz, die dem Judenthum mit Thatkraft zugethan sind. J. H. Graudenz, 20. Juli. Die letzte Stadtverordneten - Versammlung beschäftigte sich wiederum mit der- Abänderung des Gemeinde-Einkommensteuer-Regulativs von 18 92 dahin, daß die jüdischen Kultusbeamten wie die christlichen von der Gemeinde-Einkommensteuer befreit sein sollen, sowie dem Antrag eines jüdischen Kultusbeamten auf Erlaß der Steuer. Letzterer Antrag wurde als ungesetzlich sofort abgelehnt, über den ersten Antrag entspann sich wieder eine lange Debatte. Der Magistrat steht auf dem Standpunkt, daß die Befreiung der jüdischen Kultusbeamten von der Steuer nicht zulässig ist. Herr Kämmerer Tettenborn führte aus, daß im Kommunalabgabengesetz von einer Befreiung der jüdischen Kultusbeamten nicht die Rede ist, und daß auch das Oberverwaltungsgericht ausdrücklich festgestellt hat, daß jüdische Kultusbeamten nicht zu den befreiten Beamten gehören. Der Bezirksausschuß aber müsse sich nach diesem Erkenntniß richten und würde die beantragte Aenderung des Regulativs nicht bestätigen. Auf Grund der früheren Verhandlungen sei bei den Städten Elbing und Culm angefragt worden, wie es dort mit der Befreiung der jüdischen Kultusbeamten stehe. In Elbing sind diese Beamten auf Grund eines Gemeindebeschlusses von der Gemeinde-Einkommensteuer frei, dieser Beschluß ist aber schon vor dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes gefaßt und auch nicht bestätigt. - In Culm ist nur der Rabbiner auf Grund eines Gemeindebeschlufscs befreit, dieser Beschluß ist gleichfalls nicht bestätigt, er wird aber gehandhabt. Es wurde schließlich der Antrag des Herrn Stadtverordneten Belgard angenommen, in das Regulativ die Bestimmung einzuschalten, daß die Befreiung sich auch auf die jüdischen Kultusbeamten erstrecken solle. X. Liss» i. P., 26. Juli. Am 1. August verläßt der hiesige erste Kantor, Herr Oswald, seine hiesige - Stelle, um einem ehrenvollen , Rufe als Oberkantor nach Kattowitz Folge zu leisten. Der Scheidende hat hier sechs Jahre als Kantor zur vollsten Zufriedenheit gewirkt. Er hat es verstanden, den Gottesdienst erhebend zu gestalten, wozu ihn besonders seine kräftige, angenehm klingende Tenorstimme, wie seine musikalische Befähigung geeignet machten. Der hiesige Männergesangverein verliert in dem Scheidenden eine der kräftigsten Stützen, denn er trat wiederholt in den Konzerten des Vereins mit großem Beifall als

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