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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-31 · Heft 31 (31.7.1896) · p. Seite 372

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 31 (31.7.1896)
Date
1896-07-31
Page
Seite 372 (sequence 12)
Language
German
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* „Hör' an. Mordche," sagte er, ohne ihn anzusehen, „wenn ich sollte Dich beleidigt haben, weißt Du, man ist ein Mensch, mail hat seinen Kopf voll Sorgen und sagt einmal ein Wort, was man nicht soll; also, wenn ich sollte Dir nahegetreten sein, bitte ich Dir's ab." Mordche wußte, worauf das hinzielte, aber er wollte dein stolzen Manne jede Demiithigung ersparen. „Was fällt Euch ein, Neb Rephoel? Ihr habt mich nicht beleidigt, Ihr seid mein bester Baalboß." ' „Hast Dn nichts am Herzen gegen mich?". „Gott soll behüten. Ich möchte so wenig auf Euch'etwas sagen, wie auf meine Mutter, im Gan-Eden ruht sie." Das war für Reb Rephoel ausreichend, und Mordche durste seinen Weg fortsetzen. Die Leute haben doch Unrecht, sagte er zu sich, wenn sie Neb Rephoel einen „Rosche" nennen. Ein jüdisches Herz läßt sich nicht verleugnen. Was nur Channe für einen glücklichen Tag haben wird, wenn er den harten Thaler nach Hause bringt! Jetzt ist es erst recht gut, daß sie nicht weiß, warum Reb Rephoel so freigiebig ist. Es hätte ihr die ganze Freude verdorben". Channe war wirklich glücklich. Den harten Thaler ließ sie nicht wechseln. Der kam in den Strumpf in das unterste Ende des Wäscheschrankes. Man kann'nicht wissen, was vorkommt. Der merkwürdige Gunstbeweis soüte aber noch kommen. Es war Jom Kippur-Morgen. Volle vier Stunden war Reb Maier auf dem Vorbeterplatze gestanden; mit den einschmeichelndsten Melodien hatte er den Engeln unter tausend Kosenamen hosirt, ebenso viele Synonyma für Israel wurden verwendet, um die Heiligen des Hinnnels für die Heiligen der Erde zu mteressiren. Es ist ein reines Glück, daß Gott allwissend ist, sonst könnte er die Gebete ohne Kommentar überhaupt nicht und in manchen Fällen nicht einmal nlit dem Kommentar verstehen. Ein ziemlicher Bruchtheil der Ge-, meinde war lax geworden, reichte sich die Tabaksdosen, fragte sich gegenseitig nach dem Befinden und kritisirte die Melodien des Vorbeters. Dann kam zum Schlüsse ein feierlicher Moment. Neununddreißig Mal wurde „unser 'Vater und König" um die verschiedensten geistigen und leiblichen Güter gebeten, dann noch ein schlichter Kaddisch uiib Neb Maier konnte sich die von allen Seiten widerhallenden „Schekoachs" einsaunueln. Jetzt trat eine offizielle Pause in der Andacht ein. Reb Jekef Schamnieß stellte sich auf den Almemor?) um die verschiedenen Vorrechte, das Oeffnen der Bundeslade, das Heransuehmcn der Thorarotlen, das Aufgerufenwerden, das Anziehen derThora u. s. w. andenMeistbietenden zu versteigern. Allerdings darf mau an Sabbath- und Feiertagen kein Geschäft machen, aber unsere Vorfahren wußten sich zu helfen. „Nebeir dem Thor ist ein Thürl", pflegten sie zu sagen. Zunächst wurde bestimmt, daß man die Verkaufssumme nicht nenne, sondern für je zehn Kreuzer „ein Hundert" sagt, mid Reb Jekef that eins drüber, indem er statt „ein Hllndert" „ein Hindu" sagte. Am Jom Kippur werden nur sechs zur Thora gerufen. Die Nachfrage übersteigt daher das Angebot ganz ungeheuer, nnb die Preise erreichten an diesem Tage eine schwindelnde Höhe. Die kleineren Güter waren verkauft, nun kam die große Ehre, als Kohen die Thoravorlesung gu eröffnen, unter den Hamnier. „Fünf Hiiiindllnuu für den Kohen" schnarrte Reb Jekefs Stimme. „Scht", tönte es von einer der bintersteil Bänke, wo Anschel Nemschitz mit seinem Schwager Wolf Jsserls saß. Anschel nnb Wolf waren arme Hansirer. „Zukommuiskäufer", wie lnan sie in der Sprache des Ghetto nannte. Sie kauften Hühncrl) Empor. und Gänsefedern, kupferne Kessel. die schadhaft/geworden.waren, Hasenselle, alte Silbermünzen, kurz, was sich gerade traf. Daneben waren sie Agenten für darlehensbedürftige Bauern und für die Finanzaristokraten des Ghetto, für welche sie Getreide, Wolle und sonstige Landesprodukte gegen eine kleine Provision einkauften. Reb Rephoel gab ihnen nicht nur einen regelmäßigen Verdienst, wenn sie für ihn Wolle oder Flachs kauften, sondern -gewährte ihnen jeden Sonntag einen Kredit von zehn Gulden, wenn sie zu ihrem kümmerlichen Erwerbe auszogell. Dafür zeigten sie sich dankbar, indem, sie schon seit Jahren für Rephoel das Recht kauften, anl Versöhnungstage als Kohen aufgerufen zli werden. Reb Rephoel seinerseits zeigte sich in der Weise erkenntlich, daß er ihnen bei der nächsten Partie Wolle eine entsprechend höhere Provision bewilligte. In der Regel ging der Kauf auch glatt vor sich, beim Niemand dachte ernstlich daran, Neb Rephoel diese Ehre streitig zu machen,- wenn auch hie und da Jemand mitbot, damit die kostbare Ehre nicht gar zu billig erstanden werde. ' Diesmal sollte es aber einen harten Kampf setzen. Jossel Jißkes, ein junger Mann von ganz plebejischer Herkunft — sein Vater war Flickschuster und seine Mutter Milchausträgerin gewesen — hatte/ wie schon Menschen mitunter Glück haben, reich geheirathet. Er hatte die bucklige Pessel, die Tochter-von Mosche Scholem Kohens, heimgeführt, und ein unverbürgtes Gerücht wollte von fünfzehnhundert Gulden Mitgift wissen. Mit diesem horrenden Vermögen wollte Jossel den Wollhandel der Gegend an sich reißen und Reb Rephoel Kohen. der das Geschäft monopolisirt hatte, aus dem Felde schlagen. So hatte sich Jossel in Reb Lipmans Weinstube vernehmen lassen. Natürlich hatten geschäftige Zungen Neb Rephoel die Aeußerung zugctragen, und obwohl es den Aristokraten nicht wenig verdroß, daß dieser „Parech"*) die Chuzpe^) hatte, derlei laut werden gu lassen, war er doch wieder zu stolz, um seine Entrüstung zu zeigen. Er blickte von seinem „Mehorscho"») auf. zog die Achseln in die Höh< senkte den Kopf, preßte die Unterlippe soweit vor, als die Muskeln es gestatteten, und sagte langsam und im gleichgiltigsten Tone: „Nu, wenn es nicht anders ist, werde ich mit Pantoffeln auf dem Wochenmarkt stehen, und mein Weib wird Milch herumtrageu. Haben sich schon manche Leute auf die Art ernährt; wird mir Gott auch helfen." Dann summte er weiter in den Mehorscho hinein, als ob die geäußerte Bemerkung darin enthalten gewesen wäre. Fitterarischc Mittheilungen. — Abraham Cohn: DfnSK "182- Sammlung hebräischer Dichtungen zum Th eil mit metrischer deutscher Uebersetzung. Posen 1896. A. Spiro. Die Lieblingsbeschäftigung mit der hebräischen Sprache, ein sicherer Gebrauch derselben in Vers und Prosa, sowie eine unzweifelhaft poetische Begabung haben diese kleinen Gedichte erzeugt. Es sind Epigramme,^ Betrachtungen, Widmungen, Räthsel, denen "der Verfasser, eine oft gückliche poetische Prägung verliehen hat. Die Erfahrungen eines langen Lebens und eines klugen Geistes, Sinniges und Beschauliches, Humor und Ernst wechseln in bunter Reihe ab und wirken erheiternd oder anregend. Viele dieser kleinen Sinngedichte haben auch eine deutsche Uebersetzung zur Seite, -bte meist recht gelungen ist. Das ganze Büchlein, das die Söhne des Verfassers demselben zu seinem 80. Geburtstage als Festgabe überreicht haben, wird allen Freunden der hebräischen Muse eine willkommene Gabe sein. Gelbschnabel. 2) Frechheit. 8) Ein Werk aus dem 16. Jahrhundert, enthält Glossen, zum Talmud. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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