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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-31 · Heft 31 (31.7.1896) · p. Seite 371

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 31 (31.7.1896)
Date
1896-07-31
Page
Seite 371 (sequence 11)
Language
German
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Sendschreiben selbst ließ ich mir schon früher aus Leyden kommen und ließ es mir abschreiben, und zufällig habe ich in allerletzter Zeit eine andere Abschrift aus Odessa erhalten; beide sind freilich schlecht, aber berichtigen doch jedenfalls einander. Nun hat zwar Fürst im „Orient" eine Abschrift von Dukes abzndrucken begonnenaber im Laufe eines halben Jahres kamen wenige Zeilen, und es scheint ganz zu stocken. Von anderen Werken Salomons wußte man früher gar nichts, und das Verzeichniß von Handschriften eines Karäers in der Krim, welches ich einst in meiner Zeitschrift brachte, zählt drei größere Werke von ihm auf, diese Handschriften sollen nach Tarnopol gekommen sein, ich habe mich vor einigen Wochen dorthin gewandt, aber bis jetzt noch keine Antwort erhalten. Weißt Du von Munk nichts Weiteres Über den Mann mir zu sagen? Es ist merkwürdig, daß man bei den älteren Karäern seiner nicht die geringste Erwähnung findet; ihr Männer handschriftlicher Schätze, wißt ihr gar nichts zu sagen? Ach, wiederum ist Hagar die Herrin Sarahs geworden, die arabische Litteratur beherrscht euch ganz, und die arme jüdische dient höchstens zur Folie; ja, wenn für Lockmann etwas aufzufinden ist, da nimmt mau auch den Midrasch-zur Hand, aber unsere eigene Geschichte zu beleuchten, dazu ist weder Lust noch Muße da. Das meinte ich mit den Worten, es sei schade um die arme Wissenschaft; daß Du fleißig bist und bleibst, das weiß ich, auch habe ich Deine Kritik gegen Schmölders gelesen und mich daran ergötzt, wenn ich auch, da ich den essai selbst nicht gelesen, es nicht gründlich auffaffen konnte. — Nun, mein Lieber, jedenfalls arbeite, und wenn 'es mir auch lieber wäre, es geschähe in mir näher liegenden Gebieten, so ist mir auch solches erfreulich. — Da habe ich nun dieses Briefchen begonnen und fortgesetzt unter den verschiedensten Unterbrechungen; das ist nun einmal das Geschick eines public character! Und beendige ich ihn heute nicht, nun, dann weiß der liebe Gott, wann dann! Die Rabbinerversammlung ist nahe, und Du wirst bald euren Ilnivers israelite als Echo des „Orient" schimpfen hören; wo soll ich dann Zeit und Ruhe zu einer anderen Korrespondenz hernehmen? — Munks Falestine hat mich, so weit ich es bis jetzt gelesen, sehr interessirt, es ist freisinnig und gemessen, gelehrt und populär, gründlich und elegant zugleich. Mein Lehr- und Lesebuch der Mischnah ist der societö asiatiipre übergeben worden, vielleicht bekommst Du es auf diesem Wege zu sehen; sonst müßte ich geradezu ein Exemplar für Dich kaufen! — Den 30. In der Mitte des Kampfes, mein Lieber, da fragt man sich nicht so ängstlich nach dem Ziele, wie dies der behagliche Zuschauer thut; ich bin daher nicht griesgram über das, was werden wird. Lüge und Jrrthum, Mißbrauch und künstliches Hinderniß muß weg, und die Wahrheit wird Kraft und Trost hinlänglich erhalten. Ein . Philosoph ex prokesso war ich niemals, und so gefiel mir auch blos Strauß der Kritiker und Historiker, den Philosophen gebe ich sehr gern preis, aber als elfteres liebe ich ihn. Als Theologe oder vielmehr befestigt durch theologisches Wirken ist - mir die innere moralische Ueberzeugung von dem persönlichen Gott und der Unsterblichkeit . stets gewachsen, und wer wirkt, der wird sich seines ewigen Geistes bewußt', der. fühlet seine Unsterblichkeit, wenn auch seine Beweise keine mathematische Gewißheit haben sollten. Und nun noch an das. was näher ist als die Ewigkeit, an die Hoffnung auf ein Begegnen im Jahre 1847. Was kann der Mensch bestimmen, was namentlich ich, der ich so wenig von mir abhänge? So viel ist sicher, ich werde mich gegen die Abhaltung einer vierten Versammlung im Laufe des nächsten Jahres mit aller Macht stemmen, und daß diese frühestens erst nach zwei Jahren abgehalten werde, es ist eine Zeit des Wartens und des stillen Wirkens eingetreten, oder sie muß eintreten, wenn nicht die Verwirrung eine alle Grenzen übersteigende werden soll. Also habe ich dann eher Zeit zu einer Reise und werde sie dann wohl auch machen; freilich blos zum Vergnügen sollte dies nicht sein, und vielleicht könnte mir einige Zeit für die Pariser Bibliothek bleiben. Doch das sind alles vorläufig noch Träume; -'aber wir wollen die Sache nicht außer Augen lassen und doch jedenfalls wieder schriftlich nicht ganz einschlummern. -II—Hl-- --_ -1-' PH I ■B Sli FEUILLETON I --II— ----,1—| Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit von Gotthard Deutsch. Fünftes Kapitel. Der Wettlauf um Gottes Verzeihung. für Mordche kam jetzt die schwerste Zeit, die Zeit vor dem Versöhnungstage. Er hatte picht nur in Schul' zu rufen und zu klopfen, er mußte die Schul' in Ordnung bringen, das Heu auf dem Boden ausstreuen, damit die Leute, wenn sie den ganzen Tag über ohne Schuhe dastanden, sich nicht erkälteten. Der weiße Vorhang vor der Bundeslade, die weißen Mäntelchen für die Thorarollen mußten vorbereitet, für die von den Gemeindemitgliedern gespendeten Kerzen mußte Platz geschafft werden, und außerdem nahinen die Gemeindemitglieder Mordche's Dienste für verschiedene Zwecke in Anspruch, besonders für das Austragen der Almosen, so daß dem geplagten Manne kaum Zeit übrig blieb, sich für den Festtag zu stärken, obwohl er nicht nur fasten, sondern auch die Nacht im Tempel durchwachen mußte, um den etwaigen Ausbruch eines Feuers sofort zur Anzeige zu bringen. Auf seineil Gängen am Tage vor Jom Kippur *) kam Mordche wieder zu Reb Rephoel, der trotz der Predigt des Rabbi ein Wachslicht von einem Pfund an Gewicht in die Synagoge schickte, das auf einem Zettelchen den Namen Rephoel Kaz«) trug, denn diese Kerze mußte . am Ausgang des Versöhnungstages nach Hause genommen werden, damit man bei ihrem Lichte den Abschiedsgruß von dem Feste sprechen wld schließlich noch am siebenten Tage des Laubhüttenfestes bei ihrem Scheine den Weidenstrauß binden könne. Mordche nahm die Kerze in Empfang, dazu ein Beutelchen mit kleiner Münze unb einen Zettel, auf welchem ausgeschrieben war, wie viel jeder arine Mann in der Gemeinde zu bekommen hatte. Nun kam die Ueberraschung. Mordche wandte sich mit dem Wunsche „Betet Euch alles Gute aus!" zur Thüre, als Reb Rephoel ihm, wie gewöhnlich, seine Gabe in die Hand drückte. Aber was war das? Träumte oder wachte er? Es war ein harter Thaler. So freigebig war Niemand in der ganzen Gemeinde, und Reb Rephoel hatte nicht den Ruf, der freigebigste zu sein. Der „Schekoach" blieb dem armen Mordche in der Kehle stecken. „Ist das nicht ein Jrrthum, Reb Rephoel?" ermannte er sich endlich zu sagen. „Laß nur gut sein, Mordche, du hast ein schweres Leben und nur eine schwache „Parnosse.») Jeder „Baalboß"4) muß helfen wie er kann." r „Gott soll's Euch vergelten, Reb Rephoel," sagte Mordche, sich zur Thür wendend, aber Rephoel rief ihn zurück. i) Versöhnungstag. 2)' Uebliche Bezeichnung für Kohen. 3) Erwerb. §) Familienvater, Gemeindemitglied.

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