Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1896)
- Date
- 1896-07-31
- Page
- Seite 370 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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was die Männer zu der That verleitet hat, wie denn auch nachträglich mitgetheilt wird, daß die Ermordete im Besitze von mehreren Hundert Rubeln gewesen sein soll, daß Schade und Jakubeit gemeinschaftlich den Mord vollbracht und sich in die reiche Beute getheilt. Sie hatten dem Mädchen nicht blos das Geld, sondern auch die Oberkleider, Körben, a. mehr abgenommen. Bei Jakubeit soll sich ein Geldbeutel mit 400 Rubeln vorgesunden haben, die jedenfalls von dem Morde herrühren und beschlagnahmt sind; in Schades Wohnung fanden sich die Oberkleider vor. Im Munde und im Halse des Opfers soll Schmutz enthalten gewesen sein, der de^r Aermsten hineingepreßt wurde, um sie zu ersticken. Jakubeit soll ferner gesagt haben, er habe in Gemeinschaft mit Schade das Mädchen von Nickolnischken nach Eydtkuhnen begleitet, wofür sie 6 Rubel zahlen wollte. Beim Mord hätte er das Mädchen festgehalten, und Schade hätte die Schlüge ausgeführt; hätte er sich geweigert, das Mädchen zu halten, so würde auch er von Schade erschlagen worden sein. Man ersieht aus diesem allen, wie unsicher das Ueberschreiten der Grenze ist, wenn man sich nicht im Besitze der nöthigen Papiere befindet. Ich habe bereits oftmals an dieser Stelle unsere Glaubensbrüder in Rußland hierauf aufmerksam gemacht. Wer kann wissen, wie viele derselben auf diesem Wege schon ihr Leben verloren Haben, ohne daß das dabei geübte Verbrechen zur Entdeckung gelangt ist! Die mir bei Rekognoszirung der jüdisch geschriebenen Retourbriefe zu Gesichte kommenden Klagen, daß erwartete, vom Auslände heimkehrende Verwandte in der Heimath nicht eingetroffen, daß sie verschollen, ohne daß man von ihnen etwas zu hören bekam, lassen darauf schließen. Wenn Eltern Briese voll des Jammers an die ihnen bekannte Adresse ihrer Kinder schreiben, diese Briefe aber als unbestellbar zurück erhalten, wenn sie sichin Klagen über das Stillschweigen Derer, die ihnen nm Herzen liegen, ergehen — wer möchte da nicht an das erlittene Ende jenes Mädchens denken, von welchem wir oben berichtet, und alsbald die Ursache ahnen und fürchten, welche jede Kundgebung der Adressaten unmöglich macht! Auf Schmuggelwegen nach Rußland zu gelangen wird nicht blos immer ein gutes Stück Geld kosten, sondern die Gefahren dabei sind so mancherlei Art, daß sie sich kaum mit der Feder wiedergeben lassen. Hunderte von verkommenen Subjekten lauern an ben Grenzpfählen, um aus der Verlegenheit Nutzen zu ziehen, in welcher sich Diejenigen befinden, denen die Legitimation, in das Zarenreich zu gelangen, fehlt; diese werden auf das Aergste ausgebeutet, wenn sie nicht von noch Schlimmeretn erreicht werden. Abraham Geigers Briefe an I. DLrenbonrg. (1833—42) Herausgegeben von Prof. Dr. Ludwig Geiger. XXIV. Breslau, 29. Juni 1846. Mein lieber Dernburg! Dein liebes Schreiben war mir wirklich erquickend wie ein freundliches Andenken aus stiller, inniger, friedlicher Zeit, wie ein Versetzen in die liebliche, paradiesische Gegend früherer, unschuldiger Freuden. Nicht als wenn die Gegenwart nicht für mich reine, schöne, höhere Freuden hätte trotz Kämpfen und äußerem Lärme, ja oft sogar durch diese; das häusliche glückliche Leben mit meiner lieben Emilie, ein erfreulicher Wirkungskreis, das Bewußtsein, Spuren in den Gang der gesummten Verhältnisse einzugraben, und der niemals atffgegebene vertraute Umgang mit meiner ersten und meitier letzten Freundin, der Wissenschaft, sie kräftigen und ^erquicken mich. Doch das laute Getöse und auch manche Wechselfälle' des Lebens halten mich auch in einer Spannung, der das Fieberhafte zu benehmen nur eine angeeignete, eiserne Ruhe vermag, und da sind Erinnerungen an jene so heimliche Zeit so kühlend und labend, daß sie einen gar angenehmen Eindruck hervorbringen. Soll ich Dir Ausführlicheres mittheilen? Nun, unser glückliches eheliches Leben ist noch nie getrübt gewesen!, wohl äußerlich schon, manchmal durch zerstörte liebe Hoffnungen, doch des Menschen Herz bietet vielen Trost und gestaltet den Wunsch sich immer neu zur Hoffnung. Wir bilden ein gemüthliches Haus, das von befreundeten Menschen gern ausgesucht wird, und so tritt ein sehr angenehmer Umgang hinzu, um das Leben freundlich zu gestalten. — Mein amtliches Wirken ist ein freilich alle Thätigkeit in Anspruch nehmendes; eine Gemeinde von etwa nahe an 7000 Seelen, die kein organisches Gesetz verbindet, sondern die durch moralische Macht zusammengehalten werden muß, die durch allerhand Mannöver zerklüftet und zerrissen ist, sich aber doch immer mehr als eine Einheit befestigt und deren Mittelpunkt ich im vollsten Sinne des Wortes für alle Angelegenheiten bin, erfordert Anstrengung, drei Male hintereinander- Predigt, blos mit Pause am vierten Sabbathe, Trauungen in großer Anzahl jedesnml mit einer Traurede — im Laufe dieses ersten halben Jahres 1846 waren deren 20 —, Leichenreden; regelmäßig zehn Stunden, augenblicklich noch mehr, Religionsunterrricht mit der vollen Aufsicht über eine von 300 Kindern besuchte Religionsschule u. s. w., ist eine Aufgabe, die Zeit und Mühe hinlänglich in Anspruch nimmt, aber auch eine lohnende. Daß die Aufregung, welche überhaupt die kirchlichen Verhältnisse Deutschlands durchzittert und unsere unglückseligen Zustände noch fieberhafter durchzuckt, mich, der ich mit Leib und Seele darin stecke, Gott sei's geklagt, als ein Haupt der Reformation betrachtet, auch Widerwärtigkeiten bringt, innerlich und äußerlich, nun, das weißt Du; doch bleibe ich Gottlob frisch dabei und grüble mich nicht in Melancholie hinein, der frische Hauch des Lebens, das Drängen und Treiben erhält gesund und kräftig, und bin ich auch nicht kugelrund wie andere Leute, so bin ich doch kein magerer Schemen und fühle mich wohl und munter. Und so oft wie möglich ziehe ich mich in die Wissenschaft zurück, und da schwelge ich. Daß Dir meine Mischnah*) nicht zugekommen, ist schade; nicht als hätte ich sie Dir geschickt und sie sei verloren gegangen, aber daß Du sie überhaupt nicht gesehen, wundert mich doch. Wenn Du die deutschen jüdischen Blätter liesest, dann hast Du wohl im „Israeliten" eine weitläufige Antikritik von mir gegen eine boshafte Kritik im „Orient", jenem berüchtigten Lügen- und Klatschblatte, gelesen, daselbst auch eine Rezension über das neue Werk von Zunz gefunden; aber ob Du sie liesest, ist allerdings noch zweifelhaft. Wenn die dritte Versammlung deutscher Rabbiner vorübergegangen sein wird, was ich von Herzen wünsche, dann will ich lnich wieder ordentlich ans Arbeiten machen. Ich gedenke nunmehr die ganze Misch.nah herauszugeben, in der Weise meiner Chrestomathie mit vollständigem Wörterbuche und ansführlicher Einleitung, aber außerdem noch — unb dies sub rosa — das polemische Sendschreiben des Karäers Sal. ben Jerucham gegen Saadias; daß ich mich mit diesem und den Karäern in letzter Zeit mehrfach beschäftigt habe, hast Du wohl bereits aus dem vorletzten Hefte meiner Zeitschrift ersehen, und seitdem hat meine Kenntniß der Sachen viel gewonnen. Das *) Lehr- und Lesebuch zur Sprache der Mischnah. Zwei Theile. Breslau 1845. Ueber die Kritik (von Grätz) und die Antikritik vergl. A. Geigers Leben, S. 126.