Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1896)
- Date
- 1896-07-31
- Page
- Seite 369 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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369 Nachgrabungen Mistellen; jedoch ohne'Erfolg. Nichts Böses ahnend, besichtigte Herr Achenbach sein anstoßendes Weizenfeld und bemerkte dabei in der Furche frisch aufgeworfene Erde. Es kam demselben nochmals der Gedanke, daß hier vielleicht ein todtgeschlagenes Schaf begraben, und ließ er auch da nachgraben. Zu seinem und des Knechtes Schrecken aber wurde hier ein Mädchenkopf bloßgelegt; die weitere Nachgrabung wurde alsbald eingestellt und die Orts- Polizei von der schaurigen Entdeckung in Kenntniß gesetzt, welche dann auch zur Fundstelle eilte und den vorläufigen Thätbestand Unter Zuziehung des Kreiswundarztes Sauitätsrath Dr. Leistner aufnahm. Es wurde eine erwachsene weibliche Leiche zu Tage gefördert und gleich festgestettt, daß die Person ermordet worden sein muß; der Kopf hatte klaffende Wunden aufzuweisen. Es wurde vorläufig auch festgestellt, daß die Person erstickt ist. Die Erschlagene gehört der jüdischen Konfession an, kann ungefähr 20—25 Jahre alt sein und war auf der Reise von England nach Rußland begriffen und beabsichtigte, da sie die nöthigen Papiere nicht besaß, heimlich die Grenze zu überschreiten. In ihrer Kleidung wurde ein Zehnpfennigstück und eine Fahrkarte der Berliner Ringbahn vorgefunden. Bis zum anderen Tage blieb die Leiche bewacht liegen,, damit erst der Thatbestand durch einen Richter festgestellt werden tonnte, und wurde dann nach der Leichenhalle geschafft. Unweit der Fundstelle ist ein zerbrochener Spatenstiel aufgefunden, welcher wahrscheinlich zur Ausführung des Mordes benutzt worden ist. . Das so schrecklich ums Leben gekommene Mädchen wurde nicht nur ermordet, sondern auch beraubt, und ist wahrscheinlich noch halb lebendig begraben worden. Die That muß in der Nacht vom 11. zum 12. Mai d. I. verübt worden sein. Unter dem Verdachte des Mordes und des Raubes wurde der Faktor Wilhelm Schade von Eydtkuhnen am nächsten Morgen, dem 13. Mai, aus dem Bette geholt und in Gewahrsam genommen; bei demselben sind auch mehrere Sachen der Ermordeten vorgefundeu. Schade ist ein arbeitsscheuer Mensch, hat sich nur mit Schmuggeln von Auswanderern befaßt und ist vielfach bestraft; vor mehreren Wochen wurde er nach Verbüßung einer sechsmonatlichen Gefüugnißstrafe entlasten. Derselbe steht erst im Alter von circa 23 Jahren und ist seit einigen Wochen verheirathet. Im Laufe desselben Tages wurde auch der Maler Jakubeit aus Nikolnischken, ebenfalls dieses Raubmordes oder der Theilnahme an demselben dringend verdächtig, verhaftet und geschlossen dem Gefängniffe zu Eydtkuhnen zugeführt. Jakubeit hat bereits eine Gefüugnißstrafe von vier Jahren hinter sich, und zwar wegen Todtschlags des Arbeiters Stangenberg - Eydtkuhnen. Gegen Abend wurden die beiden muthmaßlichen Mörder der in der Leichenhalle aufgebahrten Leiche gefesselt zugeführt, und gaben sie zu, daß es dieselbe Person sei, welche sie über die Grenze nach Rußland schmuggeln wollten. Schade wurde noch an demselben Abend dem Gerichtsgefängnisse zu Stattupönen zugeführt, während Jakubeit erst am nächsten Morgen, dem 14. Mai, nach Stallupönen gebracht worden ist, Jakubeit war beider Vorführung vor der Leiche ruhig, gelassen, aber sichtlich aufgeregt, während Schade ein durchaus freches Wesen zur Schau trug, er weigerte sich Anfangs sogar, von der Leichenhalle nach dem Bahnhofe zu Fuß zu gehen. Wie fernere Augen- und Ohrenzeugen berichten, muß die schauerliche Mordthat folgenden Verlauf genommen haben: Das Mädchen, von der Grenze zurückgewiesen, da es, wie schon berichtet, nicht die zum Ueberschreiten nöthigen Papiere besaß, ging in Unmittelbarer Nähe derselben halb laut jammernd, halb weinend hin und her, da sie völlig rathlos war und, wie es sich später herausstettte, nur ungefähr fiutf Rubel Geld bei sich führte. Sie wurde von dem Schade gesehen, angesprochen, und sie erzählte ihm ihr Leid. Schade, der bekanntlich schon öfter Schnulgglersiückchen verübt, erbot sich der fremden Person, sie heimlich über die Grenze zu bringen, natürlich gegen eine angemessene Bezahlung. Er scheint bis dahin wirklich die Absicht gehabt zu haben, ihr behilflich zu sein. Jedenfalls nun sagte ihm das Mädchen, daß es nur wenig Geld besitze und nicht viel hergeben könne. Gewiß ist, daß in Schade der Gedanke erwachte, daß die Person viel Geld bei sich habe und mir so ängstlich thue, um nicht viel zahlen zu müssen. Hier mußte er Gewißheit haben, es konnte ja ein guter Fang werden. Eydtkuhnen war ihm zu seiner Rekognoszirung jedenfalls zu unsicher; er veranlaßte sein nichts ahnendes Opfer demnach, mit nach Nikolnischken zu gehen, wo im Gasthof eingekehrt wurde. Das Mädchen muß da die Zeche wohl bezahlt und sich sehr ängstlich gezeigt haben, was den Verdacht in Schade nur umsomehr angefacht haben wird, daß sie sehr viel Geld besitze, und nun wird die Absicht in dem verkommenen Menschen aufgestiegen sein, die Auswauderin zu berauben und, wenn dies nicht ruhig von statten gehen sollte, sie zu ermorden. Vor allen Dingen mußte er sich in den Besitz eines geeigneten Werkzeuges bringen und besuchte in Nikolnischken seinen Freund Jakubeit, dem er mitgetheilt haben soll, er werde eine Engländerin heimlich über die Grenze bringen. Und da er wisse, daß an der Stelle, an der dies beabsichtigt sei, Schmuggler Fleisch begraben hätten, werde er auch gleich dieses Fleisch mitbringen. Es war schon ziemlich spät in der Nacht, als Schade zu Jakubeit gekommen war und ihn ersuchte, ihm einen Spaten zu leihen, damit er das bewußte Fleisch ausgraben könne. Schade erhielt den Spaten und nahm ihn zugleich auseinander, insofern, als er den Eisentheil unter dem Rocke verbarg und den Stiel als Spazierstock gebrauchte. So soll er den Freund Jakubeit verlassen haben, und so ausgerüstet soll er mit der Aermsten davongegangen sein. In früher Morgenstunde brachte Schade dem Jakubeit den Spaten ohne Stiel zurück. Jakubeit soll nach dem Stiel gefragt und Schade ihm die Antwort gegeben haben, er habe ihn jedenfalls beim Ausgraben des Fleisches liegen lassen. Jakubeit soll auch Blutspuren an den Kleidern Schades bemerkt haben. „Das Fleisch war noch frisch und blutig," soll Schades Antwort gewesen sein. Der weitere Verlauf der Sache ergiebt sich aus vorstehenden Berichten. Es unterliegt somit keinem Zweifel, daß Schade der Mörder ist und sein unglückliches Opfer mit dem Spaten niedergeschlagen hat. Ob die Fundstelle der Leiche auch die Mordstelle ist, ob Jakubeit, der nach Vorstehendem in sehr zweifelhaftem Lichte erscheint, seine Hand auch im gräßlichen Spiele gehabt, ob' die' Ermordete wirklich nur fünf Rubel besessen oder eine viel größere Summe, wie man sich auch erzählt, das alles wird die Untersuchung lehren. Die Hauptsache ist's und bleibt's, daß der oder die wahren Verbrecher bereits hinter Schloß und Riegel sich befinden. Dem irdischen Richter enteilen sie wohl nicht mehr! Eine dritte Darlegung der Sachlage geht dahin, daß Jakubeit an dem Morde indirekt mit betheiligt war und seine volle Zustimmung zu demselben gegeben habe. Beide Mörder sind in das Gerichtsgesängniß Stallupönen abgeführt und der That geständig, dürften auch wohl schwerlich auf eine Zuchthausstrafe rechnen, sonder« das Verbrechen mit ihrem Leben sühnen. Der größte Theil der dem Mädchen geraubten Sachen wurde in der Wohnung des Schade vorgefunden, außerdem soll das Mädchen im Besitze einer größeren Summe Geldes gewesen sein,