Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1896)
- Date
- 1896-07-31
- Page
- Seite 368 (sequence 8)
- Language
- German
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dich' Dr. Gaster dcn beiden Studenten das verliehene Rabbiner- Diplom wieder entziehen möchte, die Anderen erklärten das für nicht angängig, da ein bereits crtheiltes Diplom nicht abgesprochen werden dürfte. An den Rabbiner Dr. Israel Hildesheimer in Berlin, sowie ' an Zadoc Cahn, den Oberrabbiner von Frankreich, wurde die Anfrage gerichtet, ob nach den erwähnten Vorkommnissen das Rabbiner- Diplom aberkannt werden dürfe, und Beide erklärten, daß dies nicht nur statthaft, sondern in diesem Falle geboten sei. Inzwischen hatte ein Komitee, das zur Untersuchung dieser Angelegenheit gewählt worden war, mehrere Sitzungen abgehalten, ohne zu einer Entscheidung zu gelangen. Als aber die Erregung in den : jüdischen Kreisen immer mehr wuchs und die Anschuldigungen gegen den Charakter der beiden Studenten sich immer lauter geltend' machten, glaubte Dr. Gaster es seiner eigenen Ehre schuldig zu sein, die Anklagen zu widerlegen. Er ließ die beiden Studenten am 19. März d. I. nach der Bevis Mark Synagoge kommen, das Allerheiligste wurde geöffnet, ein Sepher herausgenommen und bis zu der Stelle aufgerollt, wo die zehn Gebote stehen. Dorthin hatten die beiden Studenten ihre Hände zu legen, und schwuren vor Zeugen im Namen des Gottes Israel den feierlichen Eid, daß sie unschuldig seien und die ihnen zur Last gelegten Vergehen nicht begangen haben. Wahrscheinlich hatte Dr. Gaster angenommen, daß nunmehr die Erregung sich besänftigen und der Sturm vorüber sein würde. Aber weit gefehlt! Denn gerade das Gegentheil trat ein. Jetzt gingen die Wogen erst recht hoch, denn den beiden Studenten wurde trotz ihres Schwures kein Glauben geschenkt, und gegen Dr. Gaster wurde der Vorwurf erhoben, daß er die Bevis Mark Synagoge entweiht habe. Die Angriffe richteten sich nuinnehr nicht allein gegen den Direktor des Judith Montefiore College, sondern gegen ihn als geistliches Oberhaupt der spanisch-portugiesischen Gemeinde. Infolge dessen wurde eine Konferenz der Aehidim auf Sonntag den 14. Juni' anberamnt, in der berathen werden sollte, ob Dr. Gaster noch fernerhin würdig sei, als Chacham der Gemeinde zu sllngiren. Von früh 10 Uhr bis Nachmittag 6 Uhr dauerte die sehr erregte Berathung, und das Resultat war, daß 75 Stimmen für und 40 Stimmen gegen Dr. Gaster abgegeben worden sind. Mit % Majorität ist demselben ein Vertrauensvotum ertheilt und die Versicherung gegeben worden, daß die Gemeinde auch in Zukunft treu zu ihrem Chacham halten wird. Rabbiner Dr. Gaster hat in einen: Rundschreiben, das er an die Mitglieder der spanisch-portugiesisch-jüdischen Gemeinde erlassen hat, erklärt, daß er bestrebt sein wird, das früher genossene Vertrauen sich wieder zu erwerben und den Frieden der Gemeinde wieder herzustellen. Wir hoffen, daß ihm dies gelingen wird, und wir sind überzeugt/ daß bei etwas größerem Entgegenkommen von beiden Seiten der unangenehme Zwist hätte friedlich beigelegt werden können. Es wäre das für beide Theile besser gewesen, denn Zu weit getrieben verfehlt die Strenge ihres weisen Zwecks, Und allzu straff gespannt, zerspringt der Bogen. Aus Ostpreußen. Von Moritz Scherbe!. m ersten Tag des Passahfestes starb in Gumbinnen der langjährige Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Herr Mutier Louis L ö w e n s e r, nach schwerem Leiden im siebzigsten Jahre seines Lebens. ' Es kann dem Heimgegangenen mit gutem Rechte nachgesagt werden, daß er all den Anforderungen, die an ihn ebensowohl als Mensch wie als Jude gestellt, in der gewissenhaftesten Weise Rechnung getragen hatwodurch er sich im Bereich der Stadt eine über jeden Glaubensunterschied hinweggehende Achtung und Verehrung erworben hat. Mehr als 40 Jahre hat er die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde mit einer Selbstlosigkeit geleitet, die keine Grenzen kannte, mit einem Eifer, der niemals erschwachte. Nur seiner Gewandtheit in der Verwaltung des Gemeindewesens ist es zu verdanken, daß die jüdische Gemeinde trotz der Verminderung der Mitglieder, wie sie in den jüngsten Jahren durch Tod und Fortzug herbeigeführt, sich doch auf dem Niveau der früheren Zeit erhalten und weder an innerer Kraft, noch an äußerem Ansehen eingebüßt hat. Nur sein Verdienst war es, daß von Seiten unserer christlichen Mitbürger beim hiesigen Synagogenbau 4800 Mark als freiwillige Spenden gefloffen, und es war immer sein Stolz, sagen zu können, daß hierbei das Bekenntniß zu einem einzigen Gott aufs Beste und Schönste dargelegt worden war. Der Verstorbene gehörte in früherer Zeit dem Stadtverordneten-Kollegium an, später aber und bis zum Ende seines Lebens beschränkte er seine Thätigkeit auf das Ehrenamt des Schiedsmannes, womit die Stadt ihn betraut, und verwaltete es in allerseits zufriedener Weise. Der hohe Grad der Verehrung, welche der Verstorbene bei der Bürgerschaft besaß, offenbarte sich in dem überaus großen Leichengefolge, das er hatte und das sich aus allen Ständen der Gesellschaft zusammensetzte. Schreiber dieser Zeilen ganz besonders hat in ihm einen Freund verloren, dessen Werth bei einem mehr als 26 jährigen Zusammenleben und Wirken mit ihm immer Heller zu Tage trat. Möge ihm der wohlverdiente Frieden zu Theil werden. — Wir hatten zur Zeit an dieser Stelle von der Hochherzigkeit einiger christlicher Lehrer in Insterburg berichtet, die einem dort zum Kronrabbiner sich vorbereitenden jungen Manne aus Rußland unentgeltlichen Unterricht in den verschiedenen Disziplinen ertheilten, Jene Herren gingen indeß in ihrem Edelsinn noch weiter, indem sie die Gefahr der Ausweisung, von welcher er stark bedroht war, von ihm abzuwenden wußten. Der betreffende junge Mann, Herr Witensky, berichtet uns hierüber, daß Herr Pastor Rober. früher in Insterburg, jetzt Seminarlehrer in Waldau, ihm bei dieser Gelegenheit große Dienste geleistet und ihm durch seine Verwendung bei hochgestellten Persönlichkeiten das weitere Verbleiben in Preußen möglich gemacht. In gleicher Weise traten mit dem lebendigsten Interesse für ihn ein Herr Profeffor Schrind, Herr Dr. Zumach und Herr Dr. Erdmann, sowie Herr Kreisschulinspektor Kranz, Alle nur den Zweck im Auge habend, dem jungen Manne bei seinem Fortkommen behilflich zu sein. Einige Herren ans der jüdischen Gemeinde hatten es auf sich genommen, die Existenz desselben finanziell zu befestigen, so daß der angehende Kronrabbiner ganz unbesorgt sich seinem Stlldium hingeben kann. — In der Nacht vom 31. März zum 1. April hat in der Synagoge zu Bartenste in ein Einbruch stattgefunden. Die Diebe haben die sämmtlichen Goldfranzen von den Vorhängen und Decken abgeschnitten und mitgenommen, nachdem sie vorher durch eine Brandprobe den Goldgehalt derselben geprüft hatten. Der Erste Staatsanwalt von Bartenstein warnt vor dem Ankauf dieser Goldfranzen und ersucht um Nachricht, wenn Personen im Besitze derselben angetroffen werden oder dieses Diebstahls verdächtig erscheinen. — Am Dienstag den 12. Mai dieses Jahres befand sich der Gutsbesitzer Herr Achenbach auf seinem nahe an der Grenze, der Nikolenischker Straße belegenen Ackerland; hierbei bemerkte er Blutspuren auf der Erde. Da vor einigen Tagen sein Hütejunge ein Schaf lahm geschlagen hatte, war Herr Achenbach in der Meinung, daß derselbe ein zweites Schaf getödtet und veygraben habe und ließ von einem in der Nähe arbeitenden Knechte an dieser Stelle