Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1896)
- Date
- 1896-07-31
- Page
- Seite 367 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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gesanglichen Gebiete zu skizziren, ihre Bedeutung für den Kultus und für die religiöse Kultur darzulegen, und habe darauf hingewiesen, daß unser Jahrhundert die Blttthezeit des Synagogen- Gesanges wird genannt werden können. Es ist der musikalischen Welt eine nngekännte, schier unerschöpfliche Quelle eigenartiger Musik offenbart worden, welche die Aufmerksamkeit hervorragender nichtjüdischer Komponisten hervorgerufen, und sie zu Bearbeitungen und Jnstrumentirungen unserer jüdischen Melodien veranlagten, um sie dem großen Publikum zu Gehör zu bringen. Man weiß, daß unsere gottesdienstlichen Gesänge nicht mehr die letzte Stelle auf dem Gebiete des Kirchentzesanges einnehmen; sie zu Ehren gebracht zu haben, ist das große SSerbienfi unserer Meister der jüngsten Vergangenheit. Freilich ist nicht alles, was die Epigonen derselben geschaffen, geeignet, das Ansehen der Synagogen-Musik zu erhöhen, ja es wäre sogar zu wünschen, daß der Ueberproduktion, denn eine solche ist thatsächlich vorhanden,. Einhalt geschehe. — Und man muß Herrn Professor Steinthal zust'nnmen, wenn er von einem Zuviel spricht. Andererseits fehlen ihm wieder so manche Melodien, die nach seiner Meinung noch nicht aufnotirt sind und die er gern der Menschheit erhalten möchte. Lägen uns die „Lieder", welche dem verehrten Manne ans Herz gewachsen sind, vor, wir würden ihm vielleicht sagen können, welcher Abstammung dieselben sind und — wo sie zu finden sein möchten, so aber können wir wohl ahnen, welche Melodien er im Sinne hat, nicht aber bestimmte Angaben Machen und Aufschluß geben, ob solche charakteristisch genug sind und es verdienen, der Nachwelt überliefert zu werden. — Jndeß verräth er uns doch, welche Melodien er in der projektirten Sammlung nicht missen will. Man fühlt es dem Verfasser jenes Artikels „Was wollen wir mit den jüdischen Melodien?" nach, wenn er, nicht ohne Rührung, von den Tischliedern „Semiroth" spricht, die ehemals im jüdischen Hause erklangen und die eine Quelle sittlicher Erhebung und edler Begeisterung waren. Es ist wahr, unsere ganze häusliche Sabbathfeier war von einem duftigen Liederkranze umgeben, vereinzelt werden noch heute diese frohen Lieder am Familientische von Alt und Jung gesungen, aber so viele Familien, so viele eigene Semiroth-Melodien. Selbst die Tischgebet-Rezitation hat in den verschiedenen Gegenden Deutschlands, von anderen Ländern zu schweigen, einen verschiedenen Charakter. Die Scheidung zwischen „aschkenasisch" und „polnisch", reicht nicht aus, da zu viele „Mischlinge" in unseren Melodien vorhanden sind, was wohl auf den Umstand zurückzuführen sein dürfte, daß von jeher in Deutschlands Gemeinden polnische Chasonim zum „guten Ton" gehört haben. Aus diesen kurzen Andeutungen erhellt schon, mit welchen Schwierigkeiten eine erschöpfende Sammlung der sogenannten jüdischen Melodien verknüpft sein würde. Und dennoch verdient die Anregung des verehrten Herrn Professor Steinthal die volle Aufmerksamkeit und Beachtung seitens aller ernsten Fachmänner, denen die Zukunft unserer religiösen Gesänge am Herzen liegt. Der Weg indeß, der zur Konservirung der Melodien eingeschlagen werden müßte, ist meiner Ansicht nach ein anderer als derjenige, den meine sehr geschätzten Herren Amtsbrüder vorgeschlagen. Hierüber, sowie über die 'weiteren Wünsche des Herrn Professor Steinthal, sollen Vorschläge in einem zweiten Artikel folgen. & sV.ll* feg Chacham Ar. M. Gaster in London. Von Benas Levy. (^^T^eben der Hauptgemeinde in London besteht daselbst die spanisch-portugiesisch-jüdische Gemeinde, welche ihr eigenes Gotteshaus, die Bevis Mark Synagoge, hat, und nicht der Oberaufsicht des- Chief Rabbi Dr. Hermann Adler unterstellt ist. Sie hat vielmehr ihr eigenes geistliches Oberhaupt, dem der Titel „Chacham" verliehen wirb, und da diese Gemeinde zum Theil aus den angesehensten Familien der englischen Juden besteht, die ihren Stammbaum bis auf die im 17. Jahrhundert aus Spanien und Portugal eingewanderten Jehudinr zurückführen, genießt dieselbe hohe Bedeutung und allgemeine Achtling. Im Jahre 1887 wurde Dr. Moses Gaster voir dieser Gemeinde einstimmig zu ihrem Chacham erwählt. Derselbe war aus Rumänien nach Lolldon gekommen, und hatte sich durch seine hervorragenden theologischen Kenntnisse sowie durch seine Beredtsamkeit einen glänzenden Namen erworben. Als Rabbiner gewann er sehr bald die Liebe und Verehrung der Mitglieder seiner Gemeinde, und dieselben setzten ihn daher auch zum Direktor des in Ramsgate befindlichen Judith Montefiore College ein. Aus einer Stiftung von Sir Moses Montefiore war diese Hochschule, die den Namen seiner Gattin trug, zur Ausbildung jüdischer Studenten, welche die theologische Laufbahn einschlugen, gegründet worden. Nebell Jews College in London, dessen Leiter der verdienstvolle und hochgeachtete Dr. M. Friedländer (der Schwiegervater des Dr. M. Gaster) ist, . hatte auch das Montefiore College die Ausbildung der Studenten zu Rabbinern übernommen. Die vielfach gemachten Versuche, beide Hochschulen zu vereinigen, sind bis jetzt erfolglos geblieben, doch ist nunmehr Aussicht vorhanden, daß die für beide Colleges gewiß vorteilhafte Verschmelzung vorgellonimen werdell wird. , . Vor ca. zwei Monaten ist nämlich das Montefiore College auf Anordnung der Aeltesten der spanisch-portllgiesischen Gemeinde vorläufig geschlossen worden, der Direktor Chacham Dr. Gaster sowie die anderen Dozenten sind entlassen worden. Zll dieser Maßregel gab ein Vorfall Anlaß, der, im Anfang unbedeutend, nach und nach weitere Kreise in Bewegung gebracht und schließlich einen Sturm in der Gemeinde hervorgerufen hat. Die Wellen der Aufregung gingen so hoch, daß sie nicht nur die Existenz des Montefiore College und der an demselben thätigen Lehrer gefährdet haben, sondern es fehlte nicht viel, daß dabei Dr. Gaster auch um seine Stellung als Chacham der spanisch-portugiesischen Gemeinde gekommen wäre. Kleine Ursachen bringen oft große Wirkungen hervor. So war es auch bei dieser Gelegenheit. Zwei Studenten des Montefiore College, William Henry Greenburg und Henry Barnstein, waren im Jahre 1895 nach Heidelberg gegangen und hatten daselbst das Doktorexamen abgelegt und bestanden. Nach England zurückgekehrt, setzten sie ihre Studien in Ramsgate fort, und der Direktor des Montefiore College Chacham Dr. Gaster verlieh ihnen Beiden am 10. November v.,J. das Rabbiner-Diplom, obwohl sie, wie ein in beteiligten Kreisen weit verbreitetes Gerücht erzählt, weder wissenschaftlich, noch moralisch dazu qualisizirt waren, eine solche Würde zu erlangen. Einer der Lehrer des Colleges, Mr. Schewzik, hatte die Verleihung der Diplome gemißbilligt — und wurde von Dr. Gaster kurzer Hand seines Amtes entsetzt. Das gab den Anlaß zu einem Sturm gegen Dr. Gaster. In langen Korrespondenzen wurde iit den englischjüdischen Zeitungen Jewish Chronicle und Jewish World die Angelegenheit breit getreten. Zwei Parteien bildeten sich, die eine kämpfte gegen, die andere für Dr. Gaster, und Monate lang zog sich der Streit der Parteien durch die Zeitungen. Die Einen verlangten 9