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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-07-31 · Heft 31 (31.7.1896) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 31 (31.7.1896)
Date
1896-07-31
Page
Seite 366 (sequence 6)
Language
German
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Das Gymnasium soll seine Schüler so weit bringen, daß sie sowohl die orientalischen Fakultäten, als auch europäische Universitäten besuchen können, wenn sie die Maturaprüfung dort bestanden haben, und wir dürfen in.ihm jedenfalls ein neues rühmliches Zeuguiß für den Bildungseifer der Juden sehen. Dies ist um so erfreulicher, als die Alliance die Schule nicht gegründet hat, auch nicht erhält, sondern nur subventionirt und der größte Theil, ca. % der nöthigen Mittel aus freiwilligen Gaben fließt, die halb in Rußland, halb in Palästina selbst aufgebracht werden. Dabei sind die Schwierigkeiten und die Kosten, mit denen diese Schule zu kämpfen hat, viel größer, als man nach allgemeinen Analogien anuehmen möchte. So sind viele Lehr-, mittel schwer zu beschaffen, denn z. B. die in Europa gebräuchlichen Thier- und Pflanzenbilder für den naturwissenschaftlichen Unterricht sind drüben nicht anwendbar, . weil die im Orient einheimischen Thiere und Pflanzen naturgemäß nicht die. Berücksichtigung gefunden haben, die für den dortigen Unterricht nöthig ist. Trotzdem wiesen die Knaben aus der Jaffaer Schule, wie eine von dem Unterzeichneten in Gemeinschaft mit mehreren Freunden unternommene Prüfung ergab, ein ganz respektables Wiffen in Geschichte, Geographie, Natur-. Wissenschaften unb vor allein im Rechnen auf.. Bon den Sprachen versteht sich dies im Orient eigentlich überall, und man findet auch die Kinder in fast allen Schulen gerade in Sprachkenntuissen am weitesten vorgeschritten. Die Entwickelung dieses Gymnasiums und auch der ihm zur Seite stehenden höheren Töchterschule hat für die ganze orientalische Judenheit Bedeutung und verdient daher auch wohl eine größere Beachtung, als man ihr bisher in Europa geschenkt, hat. Die Kouservrrung der jüdischen Melodien. Von B. Jaeobsohn, Leipzig. I. mN^n hohem Grade dankenswerth und erfreulich ist es, daß ein Mann strenger Wissenschaft, von der Bedeutung eines Professor Steinthal, liebevoll einem Gegenstände seine fortdauernde Aufmerksamkeit zuwendet, der scheinbar ganz abseits seines reichen Arbeitsgebietes liegt lind dein er offenbar viel Verständniß entgegenbringt. Aber auch nur scheinbar dürfte die gründliche Befassung mit den jüdischen Melodien, besonders hinsichtlich ihrer geschichtlichen und religiösen Bedeutung, nicht zur wissenschaftlichen Thätigkeit unseres hochgeschätzten Gelehrten gehören. Sowohl der Völkerpsychologe, als auch der jüdische Ethiker Steinthal hat ein gewisses Jntereffe daran, dem Synagogen-Gesange wissenschaftlich näher zu treten, manche Probleme auf diesem Gebiete einer möglichen Lösung zuzuführen. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet wird man es erklärlich finden und dankbar anerkennen müffen, wenn Herr Profeffor Steinthal wiederholt in dieser geschätzten Zeitung 'das Wort für unseren gottesdienstlichen Gesang genommen, Nachdem derselbe in einem Vortrage Über die Synagogen-Melodien, mit Zuhilfenahme eines gesangfähigen Vorbeters, seine Ansichten sozusagen ad oculos demonstrirt, die Analysen durch Experimente erläutert hatte, kommt er in Nr. 52 des vorigen Jahrganges dieser Zeitung auf den ihm zweifellos ans Herz gewachsenen Gegenstand zurück, stellt bestimmte Forderungen oder richtet vielmehr die' Mahnung an die Kenner und Pfleger des beregten Gebietes und verlangt eine möglichst erschöpfende Sammlung der jüdischen Melodien m Interesse der Geschichte. Bereits haben einige strebsame Kantoren ihre Stimmen dafür vernehmen lassen und Vorschläge zur Verwirklichullg des Steinthal'scheu' echtem Forschergeiste entsprungeneil Wunsches gemacht. Sehr schön und löblich. Fehlt es denn aber wirklich an Kollektionen und Anthologien jüdischer Melodien? Oder sollen alle die N'gunim gesammelt werden, welche einst voll Vorbetern oder Laien sind ' erfunden worden und die sich bis auf den heutigen Tag, auf beni Wege der Ueberlieferuiig, im Gedächtnisse Einzelner erhalten haben? Sind diese als jüdische Melodien zu bezeichnen? Und welche Merkmale sind denn überhaupt für die Beurtheilnng der Echtheit solcher spezifischen Melodien vorhanden? Kann endlich von jüdischen Melodien in dem Sinne gesprochen werden, wie etwa von deutschen, slavischen, litthauischen, skandinavischen u. a. m. Volksliedern? . Diese Fragen bedürfen zunächst einer klaren Beantwortung, ehe man versuchen will, an die praktische Verwerthung der an sich werthvollen Steinthal'schen Anregung zu gehen. Daß dies nicht leicht ist, wissen die Kundigen gar zu gut; deshalb ist es nicht zu verwundern, daß nur verhältnißmäßig wenige Fachmänner bisher die Idee einer solchen Saiumlllng mit Eifer ausgenommen, wie die Sache solchen zweifellos verdient. Vorerst muß aber ein kleiner Jrrthum berichtigt werdell. Wenn es auch wahr ist, daß die bisherigen Sammlungen vorzugsweise, llicht ausschließlich, dem gottesdienstlichen Zwecke dienen, also für Vorbeter', Chor und — Genleinde reiches Material enthalten, so sind diese Kompositionen und Bearbeitungen traditioneller Weisen keineswegs nur von Chordirigenten geschaffen, sondern in überwiegender Zahl von Kantoren, die nicht allein das gesummte Chasonus beherrscht, sondern es auch musikalisch-kunstgemäß gestaltet haben. Nur der viel zu früh Heimgegangene Louis Lewandowski, den ich mit Verehrung meinen Lehrer neune, war ein solcher Chordirigent, und zwar einer par excellence, der in seinen unvergänglichen Schöpfungen zum größten Theile eine Schule für den Kantor bietet, für Chor und Gemeinde wahre Perlen von melodischen, sanglichen und polyphonen Arbeiten niedergelegt hat. Was vor ihm und was gleichzeitig mit ihm au synagogalen Gesangswerkeu geschaffen worden, ist aus der Feder unserer großen Chasonim geflossen. Es. braucht nur au die grandiosen Werke des sangesgewaltigen S ulz e r, des musikalisch feinfühligen Naumbo u r g, des traditionellen Sängers Weintraub, des konservirenden und ästhetischen Deutsch, des überaus fleißigen Sammlers Beer des talentvollen Rosenhaupt, des begeisternden Goldstein u. s. w. erinnert zu werden, wozu noch eine ganze Bibliothek von Kompositionen synagogal-gesanglichen Inhalts tritt, um die Fülle au bereits vorhandenen jüdischen Melodien vor Augen zrf führen. Ich betone „jüdische" und nicht „synagogale", weil unsere Meister die sogenannten jüdischen Melodien wohl gekannt und sie in ihren Schöpfungen für den Gottesdienst verwerthet haben. - Gerade Lewaudowskfls Werke liefern hierfür den vollgiltigen Beweis, weil dieser gottbegnadete Sänger aus der jüdischen Volksseele heraus geschöpft; darum heimeln seine Meisen so an und rühren das' jüdische Herz mehr als diejenigen mancher seiner Zeitgenossen. In meinen kleinen litterarischen Arbeiten ') habe ich es versucht, die hervorragendsten Leistungen auf dem synagogal- *) „Der israelitische Gemeinde-Gesang." Fünf populäre Aufsätze u. s. n>. unter Nr. 3 „der religiöse Gesang in Synagoge, Schule und Haus". Leipzig, 1881. Baumgärtner.

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