Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1896)
- Date
- 1896-07-31
- Page
- Seite 365 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nie jüdischen Schulen in Palästina. Von W. .Bambus. Jaffa ist der Haupthafen des heiligen Landes Haifa. . eine kleine Stadt ln der Bucht von Acco, in der Nähe des Karmel in sehr schöner und gesunder Lage gelegen. Dieser Ort hat sich, in den letzten 20 Jahren durch den steigenden Handel und Verkehr sehr gehoben, und die in Palästina einlvaudernden Juden zogen daher zum Theil auch hierher. So entstand eine Gemeinde von ca. 1000 Seelen, für die die Alliance denn auch bald eine Schule ins Leben rief. Dieselbe besteht aus je drei Klassen für Knaben und Mädchen und hat trotz ihres noch ziemlich jungen Bestehens doch recht erfreuliche Erfolge - aufzuweisell. Abgesehen von dem bloßen Erwerben eines gewissen Maßes von Kenntnissen ist der erziehliche Einfluß der Schulen nach zwei Richtungen sehr hoch zu bemessen. Erstens fördert das Zusammensein der Kinder Von Aschkenasim und Sephardim in der Schule den Frieden zwischen diesen beiden Gruppen und sorgt für eine allmälige Verschmelzung derselben. Die Kinder lernen an Stelle ihres deutsch-jüdischen oder spanisch-jüdischen Jargons hebräisch, arabisch und in den höheren Klassen französisch und werden so au gemeinsame Sprache rc. gewöhnt, während sie allmälig ihren Jargon aufgeben werden. Freilich wird dieser Prozeß immerhin Jahrzehnte in Anspruch nehmen, aber sein Beginn ist doch schon jetzt sichtbar. Zweitens wirkt die Schule außerordentlich auf die äußere Haltung, Sauberkeit rc. der Kinder ein, besonders bei den Kindern der russisch-polnischen Juden, denn die Sephardim haben von selbst bessere Haltung und zeichnen sich durch große Reinlichkeit in der Kleidung wie im Hause aus. Wenn inan auf der Straße in. Haifa ein russisch-jüdisches Kind sieht, das durch seinen adretten Anzug rc. angenehm auffällt, kann man sicher sein, daß es aus der. Allianceschule ist. Der Initiative des tüchtigen bisherigen Direktors, Herr Usiel, verdankt die Schule noch eine kleine Einrichtung zur Erlernung des Webereihandwerks. Ausgehend non der zutreffenden Beobachtung, daß 'in ganz Palästina keine irgendwie uenneuswerthe Weberei betrieben wird, wohl aber für viele Millionen Stoffe eingeführt werden, darunter auch große Quantitäten solcher Artikel, die in Damaskus von Handwebern mit primitivster Einrichtung hergcstellt werden, hat er einen jüdischen Webermeister aus Damaskus kommen lassen und eine kleine Werkstatt mit vier Stühlen eingerichtet, wo ehemalige Schüler der Allianceschule die Weberei erlernen. Leider sind die Lehrmittel, besonders die Webstühle, sehr primitiv, und wäre es sehr zu wünschen, daß vermögende Glaubensgenossen durch Schenkung eines oder mehrerer europäischer Webstühle dies höchst nützliche Werk förderten. Die bisher geschilderten Schulen wurden von der Alliance allein unterhalten, sie alle übertrifft aber an Bedeutung für die Zukunft der Juden Palästinas weitaus die Schule oder vielmehr .die zwei Schulen in Jaffa, die von den Chowewe Zion in Odessa errichtet sind, aber von der Alliance subventionirt werden. Die so weitreichende Bedeutung dieser Schulen liegt. darin, daß sie die Anfänge eines Gymnasiums und einer höheren Töchterschule bilden. Was zunächst die Knabenschule angeht, so besieht sie zur Zeit aus zwei Vorschulklassen, ferner drei weiteren Klaffen, zu denen in der nächsten Zeit noch eine vierte höhere hinzukommt. Das Pensuin der bisherigen Schule erreicht nun im Rechnen, Naturwissenschaften rc. .das Pensum , einer Volksschule, übertrifft diese aber weit an Sprachen, denn es wird bereits in Hebräisch, Arabisch und Französisch unterrichtet. Nun . sollen einige weitere Klassen folgen, in denen eine bessere allgemeine Bildung erzielt wird, etwa unserem Zeugniß zum einjährigen Dienst entsprechend, und darauf ein Oberbau folgen, in dem die humanistische Seite des Gymnasiums ihre Berücksichtigung findet. Daß diese Schulplüne in vielen Einzelheiten Don denen westeuropäischer Gymnasien abweichen, ist ja selbstverständlich und wird schon durch die veränderten Bedürfniffe des Orients erfordert. Die Schulsprache ist hebräisch, in hebräischer Sprache werden auch die Lehrbücher sein, für deren Abfasstmg, sofern solche noch nicht vorhanden sind, Preise ausgesetzt werden sollen. Uns Westeuropäern muthet es vielleicht seltsam an, von einem Gymnasium mit hebräischer Unterrichtssprache zu Hören, aber man muß bedenken, daß önf fast allen Schulen der Kolonien Jerusalems, Safeds und Jaffas, d. h. fast allen jüdischen Schulen des heiligen Landes, -Hebräisch schon. jetzt die Unterrichtssprache ist. Hebräisch, ist aber noch mehr als Unterrichtssprache in Palästina, es ist schon heute die Sprache der jüdischen Kinder, in der sie untereinander plaudern, spielen oder auch schiuipfeu, und es ist ferner die einzige Sprache, in der Aschkenasim und Sephardim mit einander gut verkehren können. Denn abgesehen von den zweierlei Jargons dieser großen jüdischen Gruppen, sprechen dieselben, wenn sie überhaupt eine europäische Sprache können, die Sephardim französisch, die Aschkenasim deutsch. Hebräisch aber können erfreulicherweise doch noch recht Viele von beiden Seiten ziemlich oder ganz gut sprechen. Aus diesen Gründen ergab sich Hebräisch als Unterrichtssprache für das Gymnasium, das ja die Kinder aus den anderen Schulen aufnehmen soll, eigentlich von selbst, und das Gleiche gilt von der höheren Töchterschule. In den vielen Schulen auf den Dörfern und in den großen Gemeinden befinden sich in Palästina mehrere Tausende jüdischer Knaben, die nicht gerechnet, welche ihren Unterricht rwch im Cheder erhalten, natürlich sind viele unter ihnen, deren Fähigkeiten wohl bester ausgebildet werden sollten, als die bisher bestehenden Schulen gestatten. Das Gleiche gilt von den Juden Aegyptens und Syriens, bisher war aber eine bessere Ausbildung nur möglich, wenn die Eltern ihre Kinder mach Europa schicken konnten oder dieselben den Missionsschulen in Beirut resp. bei Alexandrien überließen. Nach Europa ein Kind 311 senden, ist aber so theuer, daß dafür sogar schon eine wohlhabende jüdische Familie des Orients die.Miltel nicht aufbringen kann, die ärmeren überhaupt außer Spiel bleiben. Daher kam so manches Kind in die Missionsschule, und gerade viele intelligente, begabte Kinder gingen auf diese Weise dem Judenthum verloren. Wenn das Gymnasium in Jaffa nun diesem Uebelstaude abhilft, so hat es schon seine Existenzberechtigung erwiesen, es bietet aber noch ganz andere Vortheile für unsere Glaubensgenossen. Jetzt ist der eigentümliche Zustand dort im Orient, daß der ganze Großhandel insbesondere Export- und Jmporthaudel, mit wenigen Ausnahmen in den Händen von Nichtjuden liegt, während die Juden den Kleinhandel und das Handwerk zu ihrer Domäne haben. Das liegt in erster Linie an der ungenügenden Bildung des orientalischen Juden, die es ihm unmöglich macht, größere kaufmännische Unternehmungen durchzuführen. Einen Kaufmauusstand zu schaffen, der durch seine bessere Bildung, Sprachkenntuisse rc. befähigt ist, sich auch am Großhandel, Industrie rc. zu betheiligen, ist eine weitere Aufgabe dieser Schule. Ein drittes Ziel ist ferner, den Schülern die nöthige Vorbildung zu geben, um in den Staasdienst eintreten zu können. Die Mehrzahl der Staatsämter, mit Ausnahme der höchsten Spitzen, ist heut in der Türkei in den Händen von Christen, besonders Armeniern und Griechen, während doch auch den Inden der Zutritt ganz - frei stünde. Hier könnten zahlreiche Existenzen in der Post, Regie, Zollweseu, im Verwaltungsdienst rc. ihr Auskommen finden, ja es ist ein öffentliches Geheimuiß, daß die Pforte dies begünstigen würde, um an Stelle der des Verrathes und der Rebellion beschuldigten Armenier die zuverlässigereu Juden setzen zu können.