Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1896)
- Date
- 1896-07-31
- Page
- Seite 364 (sequence 4)
- Language
- German
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schweigen übergangen werden könnten. Alsdann solle den Gemeinden ein Memorandum über diese unzulänglichen Verhältnisse unterbreitet und schließlich an die Gemeinden die Forderung gestellt werden, daß diejenigen, deren Etat in Einnahme und Ausgabe auf mindestens 6000 Mark balancirt, ihre Lehrer definitiv mit Alterszulagen, Pensionsberechtigung und R eliktenversorgung an stellen sollen. Auch sei mit dem Gemeindebund in Berathung zu treten, auf welche Weise eine Pensionskasse zu schaffen sei, die auch den Ansprüchen der an kleinen Gemeinden angestellten Lehrer gerecht würde. Sollten aber die Gemeinden diese Forderung ablehnen und somit die Hand, die zum Frieden geboten, zurückweisen, so bliebe allerdings nur der Weg zum Kampfe offen. Dann hieße es, mit Hilfe der Presse das gesammelte statistische Material der breiten Oeffentlichkeit überleben und an das Ministerium, sowie an die beiden Abgeordnetenhäuser um Revision des Judengesetzes vom Jahre 1847 petitioniren. Die Gemeinden treffe alsdann die Verantwortung für etwaige unangenehme Wendung der Dinge, die preußische Regierung könne sich aber unmöglich auf die Dauer dazu verstehen, die von ihr geprüften jüdischen Lehrer der Roth und dem Elend zu überlassen. Auf dm zweiten Theil des Themas übergehend, bedauert Redner, daß die verschiedenen Grundlagen durchaus ungenügend seien. Hier gebe es eine brennende Frage, die nicht gut zu umgehen sei; Redner sei sich bewußtin ein Wespennest hineinzugreifen, doch könne ihn das nicht zurückhalten, im Interesse dxr Schultz und des Lehrerstandes ein offenes Wort zu reden. Wolle man Gleichstellung der jüdischen Lehrer mit den christlichen erzielen, so dürfe es nur staatlich geprüfte Lehrer geben, es sei undenkbar, daß die Regierung den Gemeinden gegenüber zu Gunsten ungebildeter, von ihr nicht geprüfter Elemente interveniren würde. Redner kommt bei dieser Gelegenheit auf die Verhandlungen des Delegirtentages zurück; es sei kaum glaublich, welche mittelalterlichen Anschauungen in pädagogischer Beziehung von einzelnen Herrn Doktoren dort vertreten worden seien und wie sehr diese eine feindliche Stellung dem Lehrerstande gegenüber eingenommen hätten. Schon das Wort, es dürfe kein Unterschied gemacht werden zwischen staatlich geprüften und nicht geprüften Lehrern, sei eine Beleidigung des Lehrerstandes. Man würde doch durch den Umstand, daß n,an einen Gemeinde-Kontrakt in Händen habe, laut welchem man Unterricht in der Religion und im Hebräischen ertheilen müsse, noch nicht zum Lehrer, und es sei doch eine Perfidie, von einem strebsamen Lehrer zu verlangen, seine Interessen mit denen eines solchen „Auch-Kollegen" zu identifiziren. Gewiß gebe es auch unter diesen Elementen solche, die nach einer langen Reihe von Jahren sich nunmehr in das Lehrfach ganz vorzüglich eingearbeitet hätten; diese Ausnahmen von der Regel könnten durchaus nichts beweisen. Nun könne man wiederum jene Hunderte von nicht geprüften Elementen aus dem Lehrfach nicht plötzlich hinausdrängen und dadurch zahllose, wenn auch nur dürftige Existenzen ruiniren; allein es müsse diesem Treiben ein Ende gemacht werden und unter allen Umständen das weitere Eindringen ungebildeter Elemente in das Lehrfach vermieden werden. Nur dadurch sei eine Grundlage zu schaffen, um auf staatlichem Wege definitive Anstellung mit ihren Konsequenzen zu erzielen. Das Gesetz gebe hierzu auch eine Handhabe; sowohl das Judengesetz von 1847 als auch einzelne ministerielle Verfügungen, welche Redner verliest, gebieten ausdrücklich, daß an den von den Gemeinden unterhaltenen Religionsschulen nur solche Personen unterrichten dürfen, welche vom. Staate zur Ausübung des Elementarunterrichtes die Erlaubniß haben. Der Verbandsvorstand solle darum an das Kultusministerium petitioniren, daß bei Neubesetzungen von Religionslehrerstellen den Gemeinden nur die Anstellung staatlich geprüfter Lehrer gestattet würde. Die Erreichung diese- Zieles käme auch den materiellen Interessen der Lehrer zu Gute; augenblicklich herrsche bei den Vakanzen ein unlauterer Wettbewerb. Längst schon hätten die Gemeinden, angesichts des fühlbaren Mangels an Lehrkräften, die Gehälter erhöhen müssen, wenn nicht das Angebot der nicht geprüften Elemente ein so großes wäre. Zur Zeit dürfe eine Gemeinde eine Vakanz mit noch so niedrigem Einkommen ausschreiben, sie sei sicher, mit Meldungen solcher Herren überschüttet zu werden. Redner schildert noch eine ganze Reihe von Mißständen, welche durch das immerwährende Eindringen beruflich nicht vorgebckdeter Elemente in das Lehrfach hervorgerufen werden, und unterbreitet schließlich-der Versammlung eine Resolution und mehrere Anträge. Er bittet um eine sachgemäße Prüfung derselben, frei von persönlichen Interessen persönlichen Interessen und Leidenschaftlichkeit, damit das Resultat der Berathung dem jüdischen Schulwesen und somit, dem gesammten Judenthum zum Segen gereiche! (Lautes Bravo. 'Anhaltender, begeisterter Beifall!) \ / Der Vorsitzende dankt im Namen des Vereins und stellt das Referat zur Diskussion. Horwitz-Dessau ist gegen eine Diskussion, da die Sache spruchreif sei, und wünscht die vorgeschlagenen Thesen ohne Veränderung anzunehmen, derselben Meinung ist Herr Dr. Salzberger - Erfurt. Dagegen wünscht Herr Dr. Spanier-Magdeburg redaktionelle Aenderungen, und beantragt deshalb der Referent Einzelberathung der Thesen. Üeber Form und Inhalt einzelner Leitsätze, besonders 2b und Z, entsteht eine sehr lebhafte Aussprache, an welcher sich die Herren Dr. Feßler-Halle, Dr. Spanier-Magdeburg, Dr. Salzberger-Erfurt, Ellgntter-Plauen, Dr. Freudenthal-Dessau, Rosenberg-Halle, der Referent und der Unterzeichnete betheiligen. Sämmtliche Redner sind im Prinzip mit dem Referenten einverstanden, nur erregt vor allem die Anrufung um Staatshilfe bei Herrn Dr. Feßler Bedenken, dem wird jedoch von Herrn Dr. Salzberger widersprochen. Schließlich wird auf Antrag des Vorsitzenden die Debatte geschloffen, und werden die von dem Referenten vorgelegten Leitsätze und Anträge mit einigen unwesentlich n Veränderungen in folgender Form angenommen: 1. Der Verein israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands erachtet die gegenwärtige soziale und materielle Lage der jüdischen Lehrer in vielen Gemeinden Deutschlands als des Lehrerstandes unwürdig 2. Er hält im Interesse einer gedeihlichen Entwickelung der jüdischen Volks- und Religionsschule und ihrer Lehrer die Erreichung folgender Ziele für durchaus nothwendig: a) Anstellung nur staatlich geprüfter Lehrer, b) definitive Anstellung nach längstens dreijähriger Amtsführung, e) eine den örtlichen Verhältnissen entsprechende Besoldung mit Alterszulagen, Pensionsberechtigungen und Versorgung der Hinterbliebenen. Zur Erreichung obiger Ziele richtet der Verein an den Vorstand des Verbandes der jüdischen Lehrervereine folgende Anträge: ' 1. Der Vorstand wolle baldigst eine Petition an die preußische Regierung event. auch an die einzelnen Bundesregierungen richten des Inhalts: „die Negierung möge bei Neuanstellungen den Gemeinden untersagen, die Ertheilung des Religionsunterrichtes nicht staatlich geprüften Lehrern zu übertragen." 2. Er wolle ferner aus sämmtlichen jüdischen Gemeinden statistisches Material sammeln über die Anstellung?- und Besoldungsverhältnisse ihrer Lehrer. 3. Er wolle sodann den Gemeinden ein Memorandum über die Unzulänglichkeit dieser Verhältnisse unterbreiten und am Schluffe desselben die Forderung erheben, daß diejenigen Gemeinden, deren Etat in Einnahme und Ausgabe auf mindestens 5000 M. balancirt, den Forderungen 2 b und c aus eigenem Antriebe gerecht werden. 4. Er wolle schließlich mit dem Gemeindebund in Berathung treten, auf welche Weise eine Kasse zu schaffen sei, mittelst welcher auch den Ansprüchen der an unbemittelten Gemeinden angestellten Lehrer genügt werden kann. — Horwitz-Dessau beantragt, eine Kommission aus dem Verein zu wählen, erschienene Schulbücher zu prüfen und darüber zu referiren. Nach kurzer Aussprache zwischen dem Antragsteller und Herrn Dr. Salzberger wird der Antrag Horwitz seitens der Versammlung angenommen und zu Kommissions-Mitgliedern die Herren Dr. Spanier, Horwitz, Heilbronu vorgeschlagen und gewählt. Als nächster Konferenzort wird Gotha in Aussicht genommen, Referate übernehmen die Herren Dr. Feßler-Halle, Röthler-Gotha, Frank-Halle. Der Herr Vorsitzende übermittelt der Versammlung noch die Grüße des Verbandsvorsitzenden und schließt mit einem begeisterten Hoch auf Se. Majestät Kaiser Wilhelm IL, in welches die Versammlung, die sich von den Plätzen erhoben hat, jubelnd einstimmt. Nachdem die Versammlung noch auf Veranlassung des Herrn Dr. Fesiler der Gemeinde Halle und auf Veranlassung des Herrn Steinhardt der Germania-Loge Dank durch Erheben von den Plätzen Ausdruck gegeben und die Herren Delegirten ihre Anerkennung für den Gang der Verhandlungen, an welchen sie mit regem Juteresse Theil genommen, in ehrenden Worten bekunden, schließt der Herr Vorsitzende die Konferenz 12^/t Uhr Nachmittags. .-... . ' .. ■ 1 0 ' S. Sommerfeld, Chemnitz.