Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1896)
- Date
- 1896-07-31
- Page
- Seite 362 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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wie die theoretische Sittlichkeit markante Zeiterscheinung in diesem Nachtrag zu kennzeichnen,. so darf ich mich gerade hier auf unfern Autor, berufen, dessen Innigkeit und Gesundheit, dessen Kraft und Muth gerade für diese Nothlage am schmerzlichsten zu vermissen ist. Gr würde nach, seiner deutschen Art und seiner christlichen Religiosität gemahnt Haben s der Antisemitismus ist unser Unglück. . 1 Die Woche. Berlin, 28. Juli. (Sjjlwan schreibt uns: „Wie das Jlldenthum in Preußen noch immer leider eine, gewisse exklusive Stellung einnimmt, so sind auch die^ B e a m t e n d e r S y n a g o g e n - G e m e i n d e n von den Vergünstigungen der (anderen) Kirchenbeamten ausgeschlossen. Ein Hauptübel ist da der Umstand, daß sie auf dauernde Anstellung und Pensionirung kein gesetzliches Anrecht haben, wenn auch ein moralisches. Größere Gemeinden befinden sich in der besseren Lage, diesem Nebel freiwillig und auL eigenen Mitteln abhelfen zu können. Schlimm steht es aber um die Beamten der kleinen Synagogen-Gemeinden, obgleich diese Korporationsrechte haben. Mehr oder weniger sind diese Beamten machtlos ja vogelfrei, wenn eine Gemeinde-von der Angst und Furcht befallen wird, sie könnte früher oder später gewissermaßen moralisch gezwungen sein, einen Beamten zu pensioniren, resp. die Familie desselben zu unterstützen, und sie darum bei Zeiten daran denkt, ihn los zu werden und ihm zu kündigen. Nachdem er Jahrzehnte seine beste Kraft in den Dienst der Gemeinde gestellt hat, „soll" er sich eine neue Existenz suchen! — Man mag wohl dieses Vorgehen kleiner Gemeinden als eine Art „Selbsthilfe" „richtig" heißen, aber doch ist es immer ein großes Unrecht, so oft es geschieht, ein Unrecht, das die jüdische Ge- , sammtheit nicht dulden dürfte. Verdankt doch diese gerade den kleinen Gemeinden einen beträchtlichen Fond von Religiosität! Mehr als in großen wird in kleinen Gemeinden jüdisches Leben und Denken gepflegt, und die besseren und reichen Mitglieder, die in der Regel aus ihnen fortziehen, um sich in der Großstadt niederzulassennehmen die Kenntniß des Judenthums mit und interessiren sich dort weiter für dasselbe, welches die Beamten der kleinen Gemeinde in ihnen gepflegt haben. So wird es zu einer Pflicht der Gesammthcit, auch für die Zukunft jener Beamten Sorge zu tragen, oder mit anderen Worten: der Gemeindebund, welcher die Gesammtheit der Synagogen- Gemeinden repräsentirt oder reprüsenliren will, muß Schritte thuu, um den kleinen Gemeinden und ihren Beamten in. nothwendigen» oben geschilderten Fällen zu Hilfe zu kommen,' um jene von der gewissen „Furcht" und „Angst" zu befreien und diese vor Sorge und materiellem Kummer zu bewahren. * Herrn Stöcker dürfte es recht unangenehm sein, daß die Welt in seiner neuesten kirchlich-sozialen Gründung kein bedeutendes Ersigniß sehen will und den weitschweifigen Prospekt mit etlichen Bemerkungen aä aeta legt. Im liberalen Lager herrscht keine Meinungsverschiedenheit über Stöckers Wesen und Treiben, und man läßt sich dort durch seine Maskenkünste nicht täuschen. Die „kirchlich-soziale" Verkleidung ruft sogar Spott hervor; „durch den neuen gefährlich dünnen Rock,", lesen wir in dem „Hann. Cour.", „erkennt man deutlich die Umrisse der wohlbekannten alten Figur. Ein neues Mäntelchen, das ist Alles. Man sieht, daß auch Herr Stöcker alt geworden ist. Er besitzt nicht mehr die jugendliche Kraft, neue Schlagworte zu erfinden und damit, wie einstmals, die Massen zubegeiftern." Die Versicherung, die kirchlich-soziale Kundgebung gebe Bürgschaft dafür, daß das politische Gebiet gemieden werden solle, begegnet allgemeinem Unglauben. Der „Hann. Cour." versteht diese Versicherung mit uns dahin, daß Herr Stöcker es vorläufig für klug und praktisch hält, den Anschein zu erwecken, als wolle er keine politische, sondern eine rein kirchliche Thätigkeit entwickeln; das Blatt macht noch darauf aufmerksam, daß der ehemalige' Hofprediger früher in gleicher Weise auch die Berliner Stadtmission gegründet habe, um durch sie zu politischer Macht zu gelangen, was ihm auch in gewissem Maße gelang. Aber wodurch anders, als durch die Mittel, die er jetzt als Gefahren für die kirchlich-soziale Arbeit bezeichnet, als-dadurch, daß er „verwerfliche Schlagworte unter die Menge warf", daß er „den Klassenkampf schürte" und „die menschlichen Leidenschaften für angebliche Zwecke des Reiches Gottes in Bewegung setzte"? Der „Agitator" Stöcker hatte eine kurze Zeit des Erfolges, der Politiker, der diesen Erfolg nutzbar machen wollte, erlebte ein Fiasko nach dem anderen, fand überall da, wo er festen Fuß gefaßt zu haben glaubte, bald den Stuhl vor der Thür und wird auch an dem Schicksal seines neuesten Versuchs nur aufs Neue die Erfahrung machen, daß „nichts mehr gelingen will". 4r Als ein günstiges Zeichen der Zeit darf der Umstand angesehen werden, daß die „Nowoje Wremja", welche unter dem vorigen Zaren, gegen Nichtorthodoxe keineswegs eine freundliche Haltung beobachtet hatte, jetzt unter Kaiser Nicolaus II. Toleranz predigt und die konfessionelle Unduldsamkeit tadelt: „An der Größe und Macht Rußlands", meint das Blatt, „haben auch Deutsche, Polen und Andere gearbeitet. Uebrigens ist es ungerecht. Jemand seine Abkunft und Religion vorzuwerfen. Der Senat hat schon im Jahre 1743 erklärt, daß die gegen die Juden gerichteten Gesetze sehr häufig dem Interesse des Staates Schaden zufügen. Alle haben ihre historischen Verdienste und Sünden. Frei aufathmen wird man zu einer Zeit, in welcher Alle eingesehen haben werden, daß der Zweck der sozialen Entwickelung in dem gemeinsamen und friedlichen Zusammenleben und Zusammenwirken Aller ohne Unterschied der Abstammung und des Glaubens zu suchen ist und nicht in dem Unterordnen der Einen unter die Anderen." Diesen Expeetorationen des mit den leitenden Petersburger Kreisen in Verbindung stehenden Blattes sekundiren die „Wiedomosti" kräftig, indem sie betonen, daß nur eine humane Richtung in der innerrussischen Politik das Wachsthum und die moralische Macht Rußlands fördern könne. Leider mißbrauche die selbstsüchtige und geistig beschränkte russische Bureaukratie den Namen des Zaren als Borwand für die Verfolgungen Andersgläubiger, um auf diese Weise ihre amtliche Stellung, ihren ungerechtfertigten Einfluß und ihre auf Willkür bafirende Macht zu behaupten. Protokoll über die Konferenz des Vereins rfroel. Fehrer Mitteldeutschlands am 24. und 25. Mai 1896 zu Kalle a. K. f ie Sitzungen des Vereins finden in der Germania-Loge statt. Anwesend waren 20 Mitglieder: Die Herren Rabbiner Dr. Salzer- St.-Lengsfeld, Dr. Feßler-Halle, Dr. Salzberger-Erfurt; die Herren Lehrer Steinhardt-Magdeburg, Dr. 'Spanier-Magdeburg, Horwitz- Dessau, Sommerfeld-Chemnitz, Hofmann-Themar, Heß-Weißenfels, Stern - Halberstadt, Frank-Halle, K. Stern-Schönebeck, Emanuel-Eisenach,Röthler- Gotha, Goldschmidt-Quedlinburg, Ellgutter-Plauen i. B., S. Böhm- Bernburg, Holländer-Berkach; außerdem wohnten der.Versammlung bei: Herr Landrabbiner Dr. Freudenthal-Dessau, Herr Lehrer Goldberg-Köthen, Herr Rosenberg-Halle, als Vertreter der Gemeinde Halle, Herr Bankier Appelt-Halle, als Delegirter des D. I. G.-B., Herr Dr. med. Oppenheim- Halle, als Vertreter der Germania-Loge.