Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1896)
- Date
- 1896-07-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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60. Jahrgang. Kr 31. Kerlin, 31. Juli 1896. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Erpeditionin Berlin u»ter Streifband bezogen viertelsährl.3M. Nedactenr: Gustav Aarpeles. Begründet von Nalibiner Dr. Ludwig Phitippson-Konn. Acrlags-Trpcditio«: Äeriin, Jeruialemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Aoresse-. Verlag der »Allgem. Zeitung desJu7>enthnms*, Berlin LUV., Jerusalemer Strage 18/19 zu richten. Verlag rioii Andolf Mosse, Berlin. 3)tl)(tlt* . Leitartikel: Ein Wort zur Zeit. — Die Woche. — Protokoll über die Konferenz des Vereins israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands am 24. und 25. Mai 18W zu Halle a. S. — Die jüdischen Schulen in Palästina. Von W. Bambus. — Die Konservirung der jüdischen Melodien. Von Bi Jacobsohn. — Chacham Dr. M. Gasler in London. Von Benas Levtz. — Ans Ostpreußen. Von Mo ritz Scher bel. — Abraham Geigers Briefe an I. Derenbourg. XXIV. Bon Prof. Dr. Ludwig Geiger. — Feuilleton: Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) — Litterarische Mitthrilunacn. Der Gcmeinvebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Königsberg i. Pr., Graudenz, Lissa i. P., Hamburg, Oldenburg, Diez a. d. Lahn, Köln, Leipzig, Stuttgart, Aus dem Gro'ßherzogthum Hessen, Viersen, Wien, Lemberg, Zürich, Jerusälem. — Von 91 ah und Fern. — Miscellen. Gin Wort;ur Zeit. Berlin, 29. Juli. ie Entwickelung der verschiedenen antisemitischen Strömungen Deutschlands ist wieder in ein neues Stadium getreten. An Stelle des Nadanantiselnitismus ist der vielgefährlichere innere und geheime Antisemitismusgetreten. Man prahlt nicht mehr damit, Antisemit zu sein, aber man ist es, man schreit und schimpft nicht mehr auf die Inden, aber mau verdrängt sie aus allen Positionen und versucht, sie sch zu. ächten. Da komint denn als ein Wort zur . rechten Zeit das Urtheil eines über den Parteien und Tagesströmungen stehenden philosophischeu Forschers, welches den Gebildeten unter den- Verächiern -des Judenthums als ein ernstes Mahnwort gelten muß. Prof. Hermann Cohen in Marburg ist es, der dieses - Urtheil gesprochen, und die Stelle, von der aus er es gesprochen, ist cme so vornehme und angesehene, daß es von sehr Vielen wird gehört werden müssen, die es in der That nicht gern hören. In der Einleitung zu einer neuen Anflage von F. A. Lange's: „Geschichte des Materialismus", einem in seiner Art klassischen Werke, hat Hermann Cohen sichtlich in klarer und scharfer Weise mit der antisemitischen Frage näher beschäftigt, und wir sind des Dankes unserer Leser gewiß, wenn wir seine Aenßerungen darüber im Wortlaut hier-mittheilen.' ... .. ' . - Die Frage des -Verhältnisses . zwischen . Religion.. und. Ethik beschäftigt natürlich den modernen Philosophen sehr angelegentlich, Er sieht in der historischen Pietät zugleich eine Gefahr für die Freiheit der Ethik und verurtheilt die Vertreter des Konsessi.onqlismus, die, um der-eigenen Konfession irgend einen Besitztitel zu retten, diesen der fremden Konfession wegzudeuten suchen. Dann fährt er fort: ' „Ein erstaunliches Beispiel solches religiösen Unrechts bietet die ' neuerliche Exegese am Gebot der Nächstenliebe, welches man im alten Testament, auf die Volksgenossen bezieht,. während an der betreffenden Stelle ein paar Verse weiter 'es zum Ueberfluß ausdrücklich heißt: „Dü tollst den Fremdling lieben wie dich selbst." Hugo Grotius hatte auch diese falsche Meinung, aber er hatte doch die Ehrlichkeit, htnzuzusiigen, daß nach der Interpretation des Talmud der Nächste jeder Mensch sei. Unserem Zeitalter fehlt dieses Minimum von historischer Wahrhaftigkeit, obzwar wir seit Herder den Sinn für Weltlitteratur haben sollen, der den echten Grund menschheitlicher Gesinnung bildet. Diese der wissenschaftlichen Wahrheit widerstrebende, den Sinn für Wahrhaftigkeit ertödtende böse Einwirkung der religiösen Reaktion, welche das Ende des Jahrhunderts kennzeichnet, ist der eigentliche Herd und das giftigste Mittel der Konflikt-Erscheinung zwischen Religion und Ethik, welche sich den für christliche Völker besonders geschmacklosen Namen des Antisemitismus gestiftet hat. Nassenaffekte und wirthschastliche Schlagworte hätten die Verwirrung und Verbitterung. nicht festhalten und verschärfen können, welche die gebildeten Klassen, und vorzugsweise natürlich diejenigenwelche an dem Kampfe um die Aemter - Privilegien betheiligt sind, dermalen beherrscht. Die Selbstgercchtigkeit hätte nicht so vorlaut werden können, bis sie am eigenen Krach elend enden muß. Und das Rassengefühl hätte niemals bei einem gerade in Stammesfragen so edlen Volke diese blutige Natur annehmen können, bei der die Narben fast schädlicher sind als die Wunden.- Der .. Glaubenseifer aber hat den Rassentrieb zu einem nationalen Impuls geheiligt. Und in Verquickung mit der religiösen Befangenheit .wird das gesunde Prinzip der Nationalität zu einem unsittlichen, denn ihr ' gegenüber wird die Menschheit zum Störenfried, zu einem mittelalterlichen Universale, und die Nächstenliebe wird, was sie in der Weltgeschichte von jeher war, ein litterarisches Prunkstück, glänzend, genug, um als ebenso plumpes wie durchschlagendes Losungswort bei der Predigt des Nächstenhaffes brauchbar zu bleiben. Denn wenn der alte Bund keine Nächstenliebe hat, so fehlt der Religion des Judenthüms das Grundgesetz der Sittlichkeit; denn wenn sie es im alten Testament nicht haben, so haben sie es im Talmud gewiß erst recht nicht. Und wer kennt, wer weiß überhaupt von der religiösen Fortentwickelung, die das Juoenthum in diesen neunzehnhundert Jahren vollzogen hat.in seiner religionsphilosophischen Litteratur? Diejenigen, welche das neue Testament wissenschaftlich erklären, kennen die zeitgenössische talmudische Litteratur nicht, aus der es zum Theil hervorgegangen, und ohne die auch 'die hellenistischen Quellen nicht genügend verständlich werden. Die praktische Konsequenz dieser religiösen Ungerechtigkeit. gegen das alte Testament liegt auf der Hand: Menschen und Mitbürger, welche . trotz der Theilnahme am Lichte der nationalen Kultur einem Glauben treu bleiben, dem das Grundgesetz der Nächstenliebe fehlt, können nicht als Gläubige geachtet werden, sondern nur als eigensinnige Don Quixotes, welche die Eigenliebe des Stammes pflegen und somit der nationalen Gesammtheit fremd bleiben wollen. Und die Ueberläuscr, die man ebenfalls auf dem Gewissen hat, bestärken in dieser Verdächtigung. Solche rudimentäre Sonderlinge verdienen keinen politischen Schutz, und man begeht daher keine Gewaltthat und keinen Betrug an ihnen, wenn man die ihnen in der Verfassung gewährleisteten gleichen Rechte auf dem Verwaltungswege ihnen wieder raubt. Diese symptomatische .Bedeutung im modernen öffentlichen Rechtsleben hat jene religiös-nationale Episode. Wenn aber nach dem souveränen Takt der Ankläger der Schreiber Dieses als nicht befugt erachtet werden sollte, diese für die öffentliche