Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 ist zuzufügen, daß in Straßburg ein neues Mitglied Herr Rechtsanwalt Siegfried Lange und die beiden früheren, KonsistorialpräsidentDr. Levy und Mitglied von der Handelskammer S. Jaeobi gewählt resp. wiedergewählt sind. Ueberhaupt wurden in fast sämmtlichen- Gemeinden, in denen auch Israeliten wohnen, von allen Parteien diese äls Kandidaten aufgestellt und meistens auch im ersten Wahlgang als Gemeinderäthe gewählt. Dies ist ein unbestreitbares wohlthuendes Zeichen des Friedens und' der Eintracht, unter denen unsere Glaubensgenossen mit den Mitbürgern der anderen Bekenntnisse leben. Es ist nur zu wünschen, daß diese erfreuliche Uebereinstirnmung nie und nirgends im Reichslande gestört werde. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 20. Juli. Die neueste Großthat des antisemitischen Stadtrathes gipfelt in dem Antragder der freiwilligen Rettungsgesellschaft gestellt wurde, gegen eine Subvention von 15 000 fl. und einen Beitrag von 6000 fl. zum Bau eines Heims dem Stadtrath das Recht einzuräumen, ein Drittel der Ausschuß stellen und das Repräsentationsrecht für sich in Anspruch zu nehmen, d. h. mit ihren Genossen zu besetzen. Es ist nicht zweifelhaft, welche Antwort die Gesellschaft, die vom humansten Geiste beseelt ist und um deren Gelingen sich alle freisinnig denkenden Wiener bemüht haben, den Herren Antisemiten geben wird. — Der Grazer Lueger, der mit seinen Genossen zu einem Monat durch zweimaliges hartes Lager verschärften Kerkers verurtheilt wurde, plant wieder die Gründung eines neuen Blattes. — In Stockerau fand unter Patronanz des sattsam bekannten Nußdorfer Pfarrers Pater Eichhorn im Gasthause „Zur Au" eine Versammlung des „christlich-sozialen Arbeiter-Neformvereins" statt, die sich zu einem großen, netto vier Stunden dauernden Skandal gestaltete und schließlich in eine furchtbare Rauferei ausartete, bei welcher Stöcke, Schirme, Stühle und Gläser als Waffen benützt wurden. — Geheimrath Nikolaus Dumba hat sein Mandat als Landtagsabgeordneter niedergelegt. „Verleumdung und Verhetzung," sagte Dumba vor seinen Wählern in Wiener-Neustadt, „feiern im Landtage ihre Orgien," und darum verzichte er auf die Mitwirkung an einer derartigen öffentlichen Thätigkeit. — Nachdem die Floridsdorser Gemeinderathswahlen des III. und II. Wahlkörpers durch die maßloseste Agitation der Antisemiten in diesem Sinne entschieden wurden, erhielten endlich die liberalen Kanditaten des I. Wahlkörpers die Stimmenmajorität. — Der Bezirkshauptmann von Litt au in Mähren hat den Gemeindevorstehern seines Bezirkes die folgende „Warnung" zur Publizirung zugeschickt: „Warnung. In letzter Zeit wiederholten sich Fälle, daß in einzelnen Gemeinden die Bevölkerung von Agitatoren aus Littau zu dem Zwecke aufgehetzt wurde, um bei den deutschen Geschäftsleuten in Littau und bei Geschäftsleuten jüdischer Konfession dortselbst nichts mehr zu kaufen. Durch dieses Vorgehen werden gewiß die betreffenden Geschäftsleute und Gewerbetreibenden in ihrer Existenz bedroht, und ein solches Beginnen erscheint in jeder Beziehung als ein unerlaubtes Eingreifen in die geltende Rechtsordnung. Die. Bevölkerung wird demnach im Interesse der Erhaltung. des öffentlichen Friedens und der öffentlichen Ordnung vor jeder Theilnahme an einer solchen Verhetzung mit dem Bemerken auf das strengste gewarnt, daß jedes dagegenzielende Beginnen nach dem Gesetze verfolgt wird." — In Karlsbad ist der Bankier Jakob Lilien aus Lemberg im 62. Lebensjahre verschieden. Der Verstorbene war Mitglied aller Wohlthätigkeits-Jnstitute Lembergs und hat sein Vermögen stets nur im Dienste der Nothleidenden und zum Wohle der studirenden Jugend angewendet. Frankreich. A. Paris, 20. Juli. Das Wohlthätigkeitskomitee unserer Gemeinde hat während des letzten Jahres 436,600 Francs ausgegeben. Die Einnahmen betrugen 437,639 Francs. Außer Geldunterstützungen wurde den Armen auch Holz und Kleidung zu Theil. Aus Anlaß des Konfirmationsfestes wurden 200 Kinder vollständig eingekleidet. — Das von Joseph Deren bürg begonnene Werk einer vollständigen Saadia- Ausgabe wird jetzt von den Herren Hartwig Derenburg, Mayer Lambert und Broide fortgesetzt. Soeben ist der dritte Band, der die arabische Uebersetzung des Jesaias enthält, erschienen. — Das Begräbniß des Marquis de Morös ist natürlich nicht ohne die von Drumont angekündigten antisemitischen Kundgebungen vorübergegangen. Drumont hielt die Grabrede und bezeichnet den „tripolitanisch - englischen" Juden Arbib als denjenigen, der Mores Tod veranlaßt hat. Es ist sattsam bekannt, daß die Expedition Morös an der Unvorsichtigkeit ihres Führers, der einen andern als den ihm offiziell vorgeschriebenen Weg einschlug, zu Grunde gegangen ist. Großbritannien. mf. London, 10. Juli. Die Generalversammlung der Anglo Jewish Association, welche am Sonntag abgehalten wurde, war dieses Mal aus Anlaß des 26 jährigen Jubiläums der Gesellschaft besonders zahlreich besucht. Der Präsident, Herr Claude G. Montefiore, erstattete den Jahresbericht und knüpfte an ein Wort Moeattas an, daß. es die Pflicht der Gesellschaft sei, gegen alle Verfolgungen, die gegen Glaubensgenossen in allen Theilen der Welt gerichtet seien, einzuschreiten. Das englische Auswärtige Amt, ganz gleich, ob die Torypartei oder die Radikalen die Macht in Händen hätten, habehierbei seine Mitwirkung nie versagt, und seine Gesandten und Konsuln haben großes Interesse für die von der Gesellschaft begründeten Schulen auch im letzten Jahre bewiesen. 7300 Zöglinge, von denen 5000 Freischüler sind, genießen jetzt die Wohlthaten dieser Schulen. Im Zusammengehen mit der Alliance wraelite fördert die Gesellschaft in Palästina namentlich das Mädchenschulwesen, die Evelina v. Nothschild'sche Mädchenschule in Jerusalem hat ein neues Heim erhalten, das 100 000 Mark kostet. Die Hälfte dieser Summe hat die Familie Rothschild hergegeden. Die technische Schule in Jerusalem, die bereits viele tüchtige Handwerker ausgebildet hat, erhält eine Subvention von 4000 Mark. Herr Montefiore beklagte gegenüber den großen Ausgaben, welche das Hilfswerk der Gesellschaft erfordere, das; die Mehrzahl der Juden in London nicht thatkräftiger beisteuere, da einige Wenige die Hauptlasten tragen. Der Oberrabbiner Herr Dr. Adler schloß sich diesen Ausführungen an, er habe volles Vertrauen zu der tiefen Hingebung des neuen Präsidenten für die Ideale des Judenthums. Er begrüße die neueren Nachrichten aus Rußland als einen Lichtstrahl der Hoffnung. Die Gefahr des Antisemitismus in den civilisirten Ländern sei nicht zu unterschätzen, dringend aber müsse davor gewarnt werden, das Judenthum in politische Parteigruppirungen hineinzuziehen. Diese jetzt auf dem Kontinent herrschende Bewegung, die sich in den liiterarischen Bestrebungen für einen „Judenstaat" zeige, werde nur Verwirrung Hervorrufen. Das Werk der Anglo Jewish Association, das aus eine allgemeine, religiöse, moralische und technische Erziehung der zurückgebliebenen Juden des Ostens berechnet sei, weise den richtigen Weg. Die Generalversammlung wählte darauf in den Vorstand der Gesellschaft für die nächsten zwei Jahre: Die Herren Elkan Adler, E. A. Collins, F. Davis, H. A Franklin, Oberst Goldsmid, F. V. Halford, C. H. Henriques, H. S. Henriques, Ch. S. Henry, Joseph Jacobs, L. A. Lawrence, Professor Marks- A. I. Myers, Joseph E. Nathan, Kapitän M. Nathan, L. E. Pyke, W. G. Raphael, Ch. Samuel- D. E. Samuel, D. F. Schloß, I. Seligman, Rabbiner S. Singer, Selim Solomon, A. E. Sydney und Lucian Wolf. Nnmiinieri ### Jassy, 15. Juli. Das hier erscheinende rumänische Journal „Evenimentul" brachte kürzlich folgende Begebenheit zur Sprache: Dieser Tage kam ein armer Jude mit drei Kindern, die eine diphtheritische Angina hatten, hier an. Dieser Jude kannte durch Zufall Herrn Ghiea, den Gehilfen des Maires. Er wandte sich an ihn mit der Bitte, er möge ihm seine kranken Kinder in einem Spitale unterbringen. Herr Ghiea, dessen Güte bekannt ist, gab ihm ein Empfehlungsschreiben. Der Mann machte die Runde bei allen Hospitälern der Stadt, überall wurde er abgewiesen, weil er ein Jude ist. Herr Ghiea richtete hierauf an einen Hospitalsleiter folgende Zeilen: „Theurer Doktor! Drei Kinder sterben, ist es möglich, daß ihnen Keiner zu Hilfe kommen will? Der unglückliche Vater rennt von einem Spital zum änderen und.man hält ihm das Reglement entgegen. Die Angina läßt sich leider nicht mit den Gesetzen oder mit dem Reglement behandeln. Ich hoffe. Sie bringen hie Kinder ins Spital." Der Doktor hat sie nicht ausgenommen, sondern er schickte den verzweifelten Vater wieder in ein anderes Spital. Hier erhielt er folgendes Billet : „Man nimmt in unserem Spitale keine Israeliten. Es liegt , eine strenger Befehl seitens