Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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sehr gut deutsch", es fehlen auch nicht die Namen aller chinesischen Attaches und. marokkanischen Bevollmächtigten, welche die Synagoge besichtigt haben. Mehr Interesse wird es erregen, daß Sir Moses- Montefiore zweimal die Neue Synagoge besucht hat, nämlich am 8. November 1866 und am 29. Juli 1872, auch Baron Rothschild aus Frankfurt a. M. war am 27. November 1867 da, in einer Woche verzeichnet die Chronik auch Se. Ehrwürden den Grand Rabbin aus Paris und den Baron von Cohn, Hofbankier des Kaisers Wilhelm I. Die Kaiserin Augusta hat das Gotteshaus in der Oranienburgerstraße mehrfach besucht. So verzeichnet die Chronik auch am 27. April 1877 von der ältesten Tochter Kaiser Friedrichs, der Erbprinzessin von Meiningen, daß sie mit der Prinzessin von Weimar bis zum Schluß des Gottesdienstes anwesend war. In den interessanten Aufzeichnungen lesen wir auch, wann Virchow, Lasker, Forkenbeck, Berth old Auerbach, ferner die Abgeordneten Duncker, Ziegler, Besse, Löwe-Calbe, von Bunsen, Kischke u. s. w. in der Synagoge waren. Am 31. März 1872 war anläßlich der ..Trauerfeierlichkeit für den verstorbenen Abgeordneten Dr. Raphael Kosch zum ersten Mal eine derartige Trauergemeinde in dem Gotteshause versammelt. Eduard Lasker stand damals im Zenith seiner gesetzgeberischen Laufbahn, und er hat lebend die Synagoge nicht mehr betreten. Als auch für ihn der Katafalk vor dem Almemor aufgebaut wurde, hielt der leider auch schon entschlafene Dr. Frankl ihm die Trauerrede. In der Chronik sind auch die vielen Festgottesdienste erwähnt, welche bei festlichen und traurigen Anlässen innerhalb unserer engeren Gemeinschaft stattgefunden haben. Diese sind noch in der Erinnerung der Meisten, vieles andere oben Mitgetheilte aber dürfte Vielen, namentlich der jüngeren Generation, neu sein. 2. Thorn, 19. Juli. Der „Gesellige" berichtet aus Gollub: Da der deutsche Kronprinz die Königswürde unserer Schützengilde abgelehnt hat, rücken die nächstbesten Schützen auf, und zwar die Herren Mühlenbesitzer Moritz Lewin in die Königs-, Jakob Lewin in die erste, Sally Lew in in die zweite Ritterwürde; demnach tritt der seltene Fall ein, daß drei gleichnamige Juden Würdenträger der Gilde sind. (D Hannover, 19. Juli. Die hier erscheinende antisemitische „Han. Post" brachte kürzlich folgende Aeußerung: „Die Meldung, daß die Absperrungsmaßregeln in Rußland gegen die Juden gemildert worden seien, findet jetzt ihre Erklärung in der Thatsache, .daß, wie man uns schreibt, die russische Regierung mit dem Berliner Hause Mendelssohn über die Aufnahme einer Anleihe von 400 Millionen Rubel unterhandelt. Falls sich diese Nachricht bestätigt, wird die Anleihe beim Publikum die Aufnahme erleben, die ihr gebührt: sie wird keine Abnehmer finden." Schon die Großeltern des jetzigen Chefs des - Hauses Mendelssohn waren getauft, wie sollten sie also dazu kommen, sich um die Juden in Rußland zu bekümmern? Ueberhaupt macht man Geldgeschäfte auf Grund von Garantieen und um Geld zu verdienen, nicht aber um Politik zu treiben. Der russische Staat würde sich das energisch verbieten, wenn man sich in seine inneren Angelegenheiten mischen wollte. Soviel Vernunft sollte doch auch ein antisemitischer Redakteur besitzen. -tu Köln, 20. Juli. Soeben ist der Jahresbericht des Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache für das Jahr 1895 erschienen. Wie aus demselben zu ersehen ist, wurden in der Anstalt 346 Kranke und 41 Sieche und Altersschwache verpflegt, gegenüber 302 bezw. 43 im Vorjahre. Von den Kranken, welche im Asyle Aufnahme fanden, gehörten 208 der christlichen und 138 der israelitischen Konfession an. In der mit der Anstalt verbundenen Poliklinik wurden im verflossenen Jahre 7556 Kranke, ohne Unterschied der Konfession, aus Stadt und Umgegend behandelt. Den Aerzten, die sich freiwillig deren Dienst widmen, spricht der Bericht den verbindlichsten Dank aus, auf welchen ganz besonders der Leiter der chirurgischen Krankenabtheilung, Herr Dr. Fritz Cahen, Anspruch hat. Die Krankenpflege wird, wie seit mehreren Jahren, durch in der Anstalt äusgebildete Schwestern des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen (in Frankfurt a.M) geleistet, unter Leitung der sehr verdienten Oberin Frieda Brüll, die mit ungetheilter Emsigkeit die Geschäfte der Krankenpflege, der inneren Verwaltung und der Hauswirthschaft wahrnimmt. Die Verwaltung des Asyls hat sich auch im abgelaufenen Jahre alle neuen Hilfsmittel zu eigen gemacht, die für ein modernes Krankenhaus unerläßlich sind. Insbesondere hat der Krankenflügel für Bäder, Krankenzimmer und Operationssaal eine centrale Warmwasserleitung erhalten. Die Zahl der Verpflegungstage stieg im Jahre 1895 von 19 556 im Vorjahre auf 20 253. Es wurden in der Anstalt im verflossenen Jahre 526 Operationen mit bestem Erfolge vorgenommen. Folgende Aerzte waren im Asyl bezw. in der Poliklinik im Dienste der Menschenliebe mit aufopfernder Hingebung thätig. Die Herren Dr. Auerbach, leitender Arzt der Anstalt, Dr. Oppenheim, Dr. Albersheim, Dr. Wallerstein für innere und Kinderkrankheiten, Dr. Fritz Cahen Chirurgie, Dr. Moses für Ohren- und Halskrankheiten, Dr. Jsaac für Augenkrankheiten. Der Rechnungsabschluß für 1895 zeigt einen kleinen Ueberschuß von 47 Mark, indessen fungirt in der Bilanz aus den Jahren l 890 bis 1895 herührend ein Defizit von 50 701 Mark.. Es ist also für edle Menschenfreunde aller Anlaß vorhanden, die so segensreich wirkende Anstalt mit Zuwendungen und Stiftungen zu bedenken. Die Jahresbeiträge im Vorjahre betrugen 10 705 Mark, an welchen die Synagogen-Gemeinde Köln mit 3000 Mark und verschiedene israelitische Wohlthätigkeitsvereine mit insgesammt 950 Mark betheiligt sind. Mitglieder der Familie Eltzbacher tragen insgesammt 3300 Mark jährlich zu den Kosten der Anstalt bei. An Spenden erhielt die Anstalt im vorigen Jahre 7671 Mark, die Poliklinik 441 Mark. Die Stiftungen zu Gunsten der Anstalt betrugen im Vorjahre 19 300 Mark, darunter 10 000 Mark von den Erben Michael Simons in Düsseldorf, 6000 Mark von Geschwister Simon in Köln (Komödienstraße). Der Bericht führt die Namen der verstorbenen Wohlthäter der Anstalt auf, zu deren Erinnerung alljährlich eine Gedächtnißfeier in der Anstalt stattfindet. Schließlich wendet sich der Bericht an alle edlen Menschenfreunde mit der Bitte, dem Asyl ihre Gunst auch weiterhin in erhöhtem Maße zuzuwenden. Die Anforderungen, welche an die Anstalt gestellt werden, mehren sich von Jahr zu Jahr, ohne daß die Verwaltung stets in der Lage ist, sowie sie esgern möchte, den Gesuchen um Aufnahme von Leidenden und Altersschwachen stets entsprechen zu können. ^.Stuttgart, 14. Juli. Unser israelitischer Jünglingsverein, dessen Richtung theilweise dieselbe löbliche ist wie be! den Litteraturvereinen, versendet soeben seinen Jahresbericht über zwei Vereinsjahre. Während im ersten Jahre nur Vortrags- und Erörterungsabende stattfanden, wurde im Berichtsjahre der Versuch gemacht, durch Einführung von Frageabenden die Mitglieder zu regerem Gedankenaustausch zu veranlassen. Es handelte sich an diesen Abenden darum, daß aus der Mitte der Mitglieder Fragen von ällgemeinem Interesse dem Vorsitzenden schriftlich eingereicht wurden, die dann entweder sofort oder am nächsten Frageabend von Mitgliedern beantwortet wurden. Mit den Vorträgen wurde im September begonnen. Es sprachen die Herren Kirchenrath Dr. -Kroner über „Vorurtheil und Aberglaube", Rechtsanwalt Dr. Erlanger über „die bürgerliche und staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Israeliten", Dr. med. Alfred Hirsch über „Parasitismus in der Natur", S. Abraham über die „Ethik des Talmud", Max Osterberg-Verakoff über den „Kampf um den Glauben oder die Märtyrer des 19. Jahrhunderts", Kirchenrath Dr. Kroner über „die Bedeutung des Chanukahfestes, Dr. med. Jos. Ruff über „Altjüdisches Familienleben", M. Hausmeister über die „Unterrichtsfrage", Rabbiner Dr. Stößel über „der Humor im Schriftthum der Alten", Kirchenrath Dr. Kroner über „das sittliche Ideal der biblischen Spruchweisheit", Rechtsanwalt Dr. Gunzenhauser über „Kulturfortschritte der Neuzeit mit besonderer Berücksichtigung der Entwickelung des modernen Rechts". An Simchas Thora, Chanukah und Purim fanden besondere Festlichkeiten statt, an denen die Betheiligung eine außerordentlich rege war. Der Verein zählt heute 74 ordentliche Und 142 außerordentliche Mitglieder. Die Bibliothek ist bereits wesentlich vergrößert worden. An Unterstützungen, namentlich für. bedürftige Schüler, konnte der Verein in diesem Jahre 232 M. aufwenden. Als sehr nachahmungswerth ist der Singchor zu bezeichnen, den der Verein unter seinen Mitgliedern gebildet hat. Die Pflege des Gesanges fördert das Zusammengehörigkeitsgefühl und verschönt die Bereinsabende. Diese schönen Fortschritte verdankt der Verein nicht zum wenigsten dem stets hilfsbereiten Ehrenvorstande, Herrn Kirchenrath Dr. Kroner. Nicht unerwähnt wollen wir lassen, daß der Verein dem Abgeordneten Conrad Haußmann nach Abzug der 222 M. betragenden Kosten für-die Balinger Wasserbeschädigten 627 M. einhändigen konnte. A—e. Straßburg i. Elf., 13. Juli. In- Ergänzung Ihres Berichtes über die im Reichslande stattgefundenen Munizipalwahlen